Zitat der Woche: Li Mollet, irgendwann vielleicht

Das heutige Zitat der Woche ist gleichzeitig eine Rezension: Li Mollets Prosagedichtband «irgendwann vielleicht» verbindet leise Melancholie, flüchtige Eindrücke und ganz normalen Alltag.

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Poesie des Alltags: Li Mollets Kurzprosa ist aus dem Leben gegriffen.

Von Daniel Lüthi

Die Bücher der edition taberna kritika in Bern sind unverwechselbar: Bunte Farben, schlichte Covers, im besten Sinne aufs Wichtigste – den Inhalt – beschränkt. Neue Autoren wie Dominik Riedo und Michael Perkampus bilden ebenso Teil des Oeuvres wie auch Interpretationen von James Joyce oder kleine Sammlungen der Prosa Franz Kafkas.

Li Mollet, 1947 in Aarberg geboren, schreibt Prosa, Essays und Erzählungen. «irgendwann vielleicht» ist nach «sondern» ihr zweiter Prosaband, der bei edition taberna kritika erscheint. Kein Nachfolgeband, keine Fortsetzung, dennoch finden wir auch hier die Prägnanz wieder, welche bei aller Kürze eine ungemeine Ruhe ausstrahlt. Jede Buchseite entwirft ein Bild, eine kleine Welt, die kein Fragment bleibt, sondern einen abgerundeten und doch vergänglichen Einblick in Alltagssituationen, Erlebnisse oder Kommentare bietet. Alles scheint aus einem Guss, nicht eins der Mosaikstückchen ist fehl am Platz.

Gerade dies macht es umso schwieriger, einen passenden Ausschnitt zu finden. Schliesslich fiel die Wahl auf eine Seite, die das Umfassende von Li Mollets Prosa wohl am besten aufzeigt:

Die eine Frau will jemand sein, so sehr, dass sie nicht beachtet, dass eine andere Frau jemand ist. Im neuen Gesicht die skalpellgestaltete Version eines verpassten Frühlings. Wer möchte so, sage ich. Eine andere leckt sich unterdessen immer wieder die Lippen, fährt mit dem Zeigefinger darüber. Ich höre schallendes Gelächter. Dem Alter entflieht man nicht, sagt er hinter vorgehaltener Hand. Das Kind krabbelt zum Korb mit den Notizzetteln, zerknüllt sie und wirft sie nacheinander auf den Boden. Ein kleines gelbes Papier steckt es in den Mund. Man darf sich nicht alles einverleiben, sage ich. Die Rückgabe gelingt als Tausch gegen ein tingeltangeliges Blechspielzeug.

Die Autorin geht hier mit unerbittlicher Offenheit und Ehrlichkeit vor. Nichts wird geschönt, noch weniger definitiv gesagt. Wer spricht, ist nicht wichtig – was zählt, ist dass jemand spricht. Und jedes Wort sitzt, mit manchmal brutaler Direktheit. Es ist einer der düstereren Abschnitte von Li Mollets Prosapoesie, andere lesen sich da leichter und fröhlicher. Dennoch zeigt dieser Eindruck, was auf alle Ausschnitte zutrifft: Sie stehen innerhalb eines unsichtbaren Rahmens, der Stabilität verleiht. Trotz des abrupten Anfangs gehen wir als Leserinnen und Leser nicht in Wortwäldern verloren, sondern folgen einem klaren und doch frei gestalteten Narrativ. Li Mollets «irgendwann vielleicht» ist verschriftlichtes Gedankenspiel, ein Moment am Fenster, wo wir Kindern draussen beim Ballspielen zusehen, während auf dem Herd langsam der Speck zu braten beginnt. Poesie mit Magenknurren, könnte man sagen. Auf weitere Veröffentlichungen sind wir gespannt.

Li Mollet, «irgendwann vielleicht»
Erschienen im April 2015 im edition taberna kritika Verlag
118 Seiten, Klebebindung
Preis ca. CHF 20
ISBN: 978-3-905846-33-1

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