Zitat der Woche: Hartmut Abendschein, Flarf Disco

Das heutige Zitat der Woche ist dadaistisch-musikalisch: Hartmut Abendscheins «Flarf Disco» verknüpft Willkür mit Methode und Musik mit Poesie.

Musik verwandelt sich in Poesie: Flarf Disco steckt voller Anspielungen auf Hits. zVg

Musik verwandelt sich in Poesie: Flarf Disco steckt voller Anspielungen auf Hits. zVg

Von Daniel Lüthi

Letztlich sind es Erinnerungen, welche sich in den Hitparaden der letzten Jahrzehnte verbergen. Ein Grunge-Song oder ein Lied von Britney Spears sind mit der Abschlussreise der Schule verknüpft und lösen Nostalgie-Momente aus, sobald die ersten Takte auch nur anklingen. Oft sind es längst vergessene Lieder oder Melodien, die von peinlich bis berührend das ganze Spektrum der Erinnerung abdecken.

Andere Lieder eignen sich perfekt zu bestimmten Zwecken, etwa zum Abwaschen, Aufräumen oder auch zum Abschalten. In den Zeiten von Spotify und Streaming ist es ein Leichtes, für jede Gelegenheit auch den passenden Song oder gleich eine umfassende Liste von verwandten Liedern zu finden. Dennoch ist der Zauber der alten mixtapes und Top-Ten-Titeln des vergangenen Jahrhunderts nicht verflogen – retro ist in, und auch die Musikindustrie besinnt sich bei aller technologischen Innovation auf das Potenzial von Garagenbands und alternativen Wegen der Beschallung.

Subtiles Versteckspiel der Hits

Hartmut Abendscheins «Flarf Disco» scheint diese beiden Zugänge zur Musik zu verbinden: Inspiriert von Google-Poesie (man gibt einen Suchbegriff bzw. eine Abfolge von Wörtern ein und liest die vorgeschlagenen Suchanfragen als Gedichte) übersetzte Abendschein die Song- und Tracktitel von 120 CDs von Hitlisten des deutschen Popkulturmagazins «Spex» ins Deutsche und rekombinierte diese Textfragmente anschliessend – Flarfen nennt sich dieser assoziativ-kreative Vorgang.

Das Ergebnis ist nicht immer stimmig und mag (vielleicht im Sinne Abendscheins) durchaus konstruiert wirken, doch der eigentliche Spass des Gedichtbandes steckt im Detail. Dank der Übersetzung vom Englischen ins Deutsche sowie der Poetisierung des Ergebnisses finden sich oft subtile (oder auch deutliche) Hinweise auf Hit-Songs, von denen der Ursprung der Gedichtzeile stammt. Die Willkür mancher Gedichte – oft lesen sie sich wie automatisches Schreiben oder dadaistischer Nonsens – wird so um eine zusätzliche Dimension erweitert.

Als Beispiel und Zitat der Woche bietet sich ein Gedicht Abendscheins an, welches die Echos von Musiktiteln offenkundig in sich trägt. Nostalgie stellt sich dabei nicht zwingend ein, weckt aber vielleicht die Suchlust nach weiteren Anspielungen. Ob das Experiment von poetisierten Musiktiteln gelungen ist, bleibt offen. Kenner der Hitparaden oder von «Spex» dürften wohl die meiste Freude haben. «Flarf Disco» muss man nicht mögen, darf man auch merkwürdig finden, doch seine Originalität steht ausser Frage.

 

MAMAS STRASSEN MÜSSEN ROLLEN

 

check das lachsland und dir gehts gut
check bill und rudd und
hol die medizin

 

schlaf und schlummer
zwei sekunden held
im muster der bereiche
held im plus und
minus der quadrate
bist du nie

 

mysterien spielen dir am nachmittag
dem faun das heavy banging
dieser jungs vom kaufzoo
teil zwei der taucher
kinderzimmer heldenlieder

 

fremde schöne süsse
klänge zaubert microsoft
zuviel davon
im muster der bereiche
held sein wirst du nie

 

«Flarf Disco» von Hartmut Abendschein
98 Seiten, Klebebindung
ISBN: 978-3-905846-34-8
CHF 17.-
Erschienen im Mai 2015 bei edition taberna kritika

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