«Dark Tourism»: Der dunkle und makabere Cousin des Pauschaltourismus

Von Kathrin Pavic (Text und Bilder)

Was haben der Friedhof Père Lachaise, die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau und der «London Dungeon» gemeinsam? Bei allen drei handelt es sich um Orte, die aus verschiedenen Gründen, dem sogenannten «Dark Tourism» oder Thanatourismus zugerechnet werden.

Innerhalb der Mauern von Cape Coast Castle, einer ehemaligen  Sklavenburg an der Küste Ghanas (Foto: Kathrin Pavic)

Innerhalb der Mauern von Cape Coast Castle, einer ehemaligen
Sklavenburg an der Küste Ghanas (Foto: Kathrin Pavic)

Gemeinhin wird «Dark Tourism» als die touristisch motivierte Besichtigung von Orten verstanden, die Schauplätze von Naturkatastrophen, Verbrechen, Massakern, etc. geworden sind oder allgemein mit Tod und Grauen in Verbindung stehen. Dazu gehören zum Beispiel berühmte Friedhöfe, Kriegsschauplätze, Gedenkstätten und ehemalige Tatorte. Dr. Philip Stone, der Leiter des 2012 an der University of Central Lancashire eröffneten «Institute for Dark Tourism Research«, spricht von einer Kommerzialisierung des Todes.

Von nationalen Zusammengehörigkeitsgefühlen bis zu schaurigschönem Erschaudern

Obwohl die Leute schon seit jeher eine Faszination für Orte empfinden, die mit Tod verbunden sind, ist deren Vermarktung ein relativ junges Phänomen. Dabei kann zwischen verschiedenen Typen von Stätten des Thanatourismus unterschieden werden. Beim ersten Typus handelt es sich um historisch relevante Räume,an die Schrecken der Vergangenheit erinnern, so zum Beispiel Monumente, Gebäude oder Plätze, die aus einer anderen Epoche oder einem anderen Regime stammen und Schauplatz oder Schaltzentrale von Folter, Unterdrückung und Gewalttaten waren.

Diesen Räumen kommt im kollektiven Gedächtnis der jeweiligen Nation eine wichtige Bedeutung zu. Sie gehören heute zum nationalen Erbe und sind somit zu bedeutsamen Erinnerungsorten geworden. Hierzu sind natürlich sensible Orte wie die ehemaligen Konzentrationslager der Nationalsozialisten, aber auch die sogenannten «Slave Castles» oder Sklavenburgen in Westafrika, das General Post Office in Dublin, wo sich die Rebellen während des Easter Rising 1916 verschanzt haben oder die «Topographie des Grauens» in Berlin zu nennen. Zu einer ähnlichen Kategorie gehören Sammlungen und Ausstellungen, die in Erinnerung an Unterdrückung und Repressionen errichtet wurden, so zum Beispiel die Kommunismus-Museen in Budapest oder Prag.

Erinnerung an den Einfall der Sowjets in Ungarn 1956  vor dem Budapester Kommunismus-Museum (Foto: Kathrin Pavic)

Erinnerung an den Einfall der Sowjets in Ungarn 1956
vor dem Budapester Kommunismus-Museum (Foto: Kathrin Pavic)

Zum zweiten Typus zählen Orte, die allgemein mit Tod und Krankheit assoziiert werden, wie zum Beispiel alte Friedhöfe, frühere Irrenanstalten, Tatorte von Serienmördern und Schauplätze von Unfällen und Katastrophen. In Hollywood werden beispielsweise Touren zu Orten angeboten, wo berühmte Schauspieler entweder verunfallten oder gewaltsam getötet wurden. Auch die Tatorte, wo Jack the Ripper im Viktorianischen London zahlreiche Prostituierte ermordet hat, können während nächtlicher Führungen besucht werden.

Im Gegensatz zum ersten Typus, wo Betroffenheit, Fassungslosigkeit und der Wille aus der Vergangeheit zu lernen, dominieren, ist der Unterhaltungsfaktor beim zweiten deutlich höher, besonders wenn die Ereignisse wie beispielsweise bei den Jack the Ripper-Morden schon relativ weit in der Vergangenheit liegen. Hier verkommt die Nähe zum Tod zu einem makaberen Vergnügen. Man nähert sich vergangenen grausigen Geschehnissen aus der scheinbar aufgeklärten und «sicheren» Moderne an.

Eine ganz besondere Form des «Dark Tourism» machen jene Destinationen aus, die nicht auf realen historischen «Orten» basieren, sondern analog einem Vergnügungspark extra für touristische Zwecke erschaffen wurden. Hierzu gehören die in sogenannten «Dungeons», die in mehreren europäischen Grossstädten mittlerweile zum Tourismusprogramm gehören.

Souvenirshop beim Ausgang des Londoner Dungeon (Foto: Kathrin Pavic)

Souvenirshop beim Ausgang des Londoner Dungeon (Foto: Kathrin Pavic)

Diese näheren sich gruseligen historischen Gegebenheiten und Persöhnlichkeiten auf spielerische Weise an und lassen die Vergangenheit durch Schauspieler und Requisiten wieder aufleben. Es handelt sich um eine Mischung aus Geisterbahn, Theater und Museum. In den Dungeos wird in der Regel auf Ereignisse Bezug genommen, die entweder weit in der Vergangenheit liegen oder ins Reich der Legenden und Mythen gehören, wie beispielsweise der Klabautermann im Hamburger Dungeon. Es wäre unvorstellbar und pietätslos, wenn näher liegende Ereignisse wie zum Beispiel der Holocaust thematisiert würden.

Faszination des Grauens

Die Frage bleibt, warum in der heutigen Zeit Orte, die mit Tod und Grauen verbunden sind, eine solch grosse Anziehungskraft auf Touristen ausüben. Warum möchten Leute in ihren Ferien oder ihrer Freizeit überhaupt mit solchen Themen konfrontiert werden? Schliesslich funktioniert die von Philip Stone diagnostizierte Kommerzialisierung des Todes nur über die entsprechende Nachfrage.

Orte, die in erster Linie dem Vergnügen dienen, wie die «Dungeons» oder die vielerorts angebotenen nächtlichen Geistertouren, haben einen hedonistischen Hintergrund. Man geht dorthin für den kleinen «Gruselkick» zwischendurch. Bei Erinnerungsstätten sind die Gründe vielfältiger und tiefgründiger. Für manche Leute ist der Besuch solcher Stätte mit der Suche nach den eigenen Wurzeln verbunden, so beispielsweise wenn Afro-Amerikaner die Sklavenburgen an der Küste Westafrikas aufsuchen.

Hinzu kommt, dass in einer Gesellschaft, wo der Tod im Alltagsleben schon längst keinen Platz mehr hat,diese Erinnerungsorte zu einer Konfrontation mit (vergangenem) Elend führen. Im «Tagesspiegel» wird der deutsche Tourismusexperte Stefan Kühlböck dahingehend zitiert, dass die Menschen durch solche Orte gar befähigt werden, «sich dem Leid anderer Menschen zu öffnen und dadurch wieder selbst menschlicher zu werden».1 Diese Begegnung mit dem Schmerz und dem Grauen ist zwar emotional aufwühlend, sie geschieht aber aus einer sicheren Distanz. Handelt es sich doch um den «Konsum» von Erfahrungen uns (wohl in den meisten Fällen) fremder Menschen. Mit dem Verlassen der Erinnerungsstätte, des Museums oder des Friedhofs kehren wir wieder in unseren Alltag zurück. Das soeben Erfahrene können wir nach einer kurzen Reflexion sozusagen am «Ort des Geschehens» zurücklassen. Zurück in der Gegenwart erfreuen wir uns bei einem Bier in der nächsten Kneipe oder einem Glacé in der nahen Eisdiele wieder unseren Ferien.

 

1 Der Tagesspiegel: „‘Dark Tourism‘: Warum Menschen im Urlaub Orte des Schreckens aufsuchen“, 27. Februar (Autorin: Anna Sauerbrey) <http://www.tagesspiegel.de/meinung/dark-tourism-warum-menschen-im-urlaub-orte-des-schreckens-aufsuchen/7844716.html> [Zugriff: 21.11.2.015].

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