Erkenne dich selbst – Michael Krummenachers «Sibylle»

Mutter und Ehefrau Sibylle weilt mit ihrer Familie in Italien. Doch seltsame Visionen plagen die Architektin. Zurück in Deutschland verordnen sowohl Gatte Jan als auch ihr Arzt Ruhe…

Sibylle ist Architektin und Mutter von Teenager David und dem noch jüngeren Luca. In den Ferien sind sie zusammen mit Papa Jan; sie geniessen die absurden Darbietungen in einem Freizeitpark namens Movieworld. Doch da trifft Sibylle beim Spazieren eine seltsame, anscheinend verstörte Frau – und wird prompt Zeugin ihres Selbstmordes. Zurück im Hotel wird sie von einem ihr unbekannten Mitarbeiter begrüsst. Wieder in Deutschland verordnen sowohl Gatte Jan als auch der Arzt – wohl ein Freund der Familie – Ruhe, Ruhe und nochmals Ruhe. Doch die Architektin Sibylle will arbeiten und zusammen mit ihrem Mann Kunden ein neues Projekt vorstellen…

Papa Jan und die Kinder sind nicht zufrieden mit Mama Sibylle. (Bild: zVg)

Papa Jan und die Kinder sind nicht zufrieden mit Mama Sibylle. (Bild: zVg)

Vielleicht ist es ja wirklich so, dass der Anfang eines Filmes und nicht der Schluss ist das Wichtigste ist. Wir sehen hier Szenen aus einem italienischen Freizeitpark, in dem eine Art Rambo gegen fiese Sowjets kämpft. Robert Rodriguez hätte dies nicht besser inszenieren können. Auch «Sibylle» ist in einem gewissen Sinne ein Genrefilm, der sich mehrere Male vor Stanley Kubricks «The Shining» verneigt. Wie Kubricks Films funktioniert der Film aber auch in einem Arthaus-Kontext. Fragen nach der Pathologisierung und der Dynamik des Familienlebens werden hier in einem zwar generischen, aber nie abgedroschenen Kontext verhandelt.

Der Name Sibylle mag auf die alten griechischen Prophetinnen verweisen. Gleichzeitig ist es aber wohl auch ein nicht unüblicher Name in der Generation der Hauptfigur. Vielleicht ist Sibylle auch eine Verwandte von Marie in «Når dyrene drømmer», der vor kurzem im Filmclub B-Movie zu sehen war. Oder Hedi Schneider in «Hedi Schneider steckt fest»: auch dort (oder zumindest im dänischen Film) stellt sich die Frage, weshalb eine Frau von Männern pathologisiert wird – oder allgemeiner: weshalb die weibliche Figur an psychischen Problemen leidet. Sehenswert sind alle drei Filme – und schon nur der urkomische Anfang ist Gold wert. Dieser lockt aber – wer das Plakat gesehen hat, wird dies wohl schon erwarten – auf eine falsche Fährte, denn viel zu lachen gibt es in diesem düsteren Streifen natürlich nicht. Der deutsche Film ist ein starker Zweitling für den 1985 in Schwyz geborenen Schweizer Filmemacher Michael Krummenacher, der auch Ko-Autor des Drehbuchs ist. Krummenacher war auch bei «Heimatland» mit von der Partie – sicherlich einer der besten Schweizer Filme der letzten Jahre.

«Sibylle». Deutschland 2015. Regie:  Michael Krummenacher. Mit Anna Ratte Polle, Thomas Loibl, Dennis Kamitz, Levi Lang u.a. Premiere am 1. April 2016 im Filmclub B-Movie Basel; http://www.b-movie.ch

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