Toskana mal anders – Paolo Virzìs «La pazza gioia»

Valeria Bruni Tedeschi brilliert in Paolo Virzìs Psychiatriedrama «La pazza gioia», das wohl nicht zuletzt eine Anklage an die völlig veralteten psychiatrischen Kliniken Italiens ist.

https://youtu.be/qUaK_E2T7gU

Beatrice (Valeria Bruni Tedeschi) ist eine Gräfin. Das sagt sie zumindest. In Wirklichkeit ist sie aber vor allem eines: eine gemeingefährliche Patientin in einer geschlossenen Anstalt. Doch das hält sie nicht davon ab, sich als Inhaberin und Ärztin aufzuspielen – manchmal mit viel Erfolg. Die neue Patientin Donatella (Micaela Ramazzotti) ist anfangs auch überzeugt, dass es sich bei Beatrice um eine Ärztin handelt . Beatrice will Donatella helfen, und schliesslich gelingt beiden des Ausbruch…

Im aktuellen italienischen Film wird viel gefestet – egal, ob in Paolo Sorrentinos «La grande bellezza», Stefano Sollimas «Suburra» oder nun «La pazza gioia». Doch nach dem Fest kommt es dabei immer zu einem «rude awakening»: nach der (so der wörtlich übersetzte Titel) verrückten Freude kommt der ganz normale Alltag. Das  hat natürlich in der Psychiatrie immer eine etwas andere Bedeutung – von «One Flew Over the Cuckoo’s Nest» über «Awakenings» bis zu «La pazza gioia». Aber immerhin sehen Beatrice und Donatella vor ihrer Rückkehr in den Alltag noch, dass die Adoptiveltern von Donatellas Sohn diesem wohl ein ausgeglicheneres Leben ohne Drogen und Abstürze bieten können. «La pazza gioia» lebt natürlich massgeblich von Valeria Bruni Tedeschi (die hier nicht zum ersten Mal eine psychisch labile Frau aus der Oberschicht spielt) und Micaela Ramazzotti. Aber auch die Nebenrollen sind perfekt besetzt.

Beatrice und Donatella... auf dem Weg in die Freiheit? (Bild: zVg)

Beatrice und Donatella… auf dem Weg in die Freiheit? (Bild: zVg)

Beatrice/Béatrice/Beatrix wurde etymologisch oft als Beglückerin gedeutet; in Wirklichkeit aber müsste der Name wohl Viatrix lauten: die (christliche) Reisende auf dem Weg des Lebens. Beatrices Reise ist nicht einfach, sie versucht dabei tatsächlich, das Leben der anderen Menschen zu verbessern und – ein Stück weit geling ihr das sogar (sehr zum Leidwesen der Pflegerinnen allerdings). Donatella wiederum, von lateinisch donatus/donata, also die von Gott gegebene, ist mindestens so sehr wie Beatrice für ihre Umwelt mehr Bürde denn Glück; gleichzeitig ist sie aber (wie auch Beatrice) ein Produkt ihrer Umwelt, ein Produkt einer von Drogen und Shopping verseuchten Welt. Insofern ist «La pazza gioia» sicherlich nicht nur ein Film, der die Psychiatrie in Italien kritisch reflektiert, sondern mehr noch ein Film, der (wie schon Virzìs frühere Werke) die italienische Gesellschaft (und wohl auch die westliche Gesellschaft an sich) kritisch unter die Lupe nimmt.

«La pazza gioia». Italien/Frankreich 2016. Regie: Paolo Virzì. Mit Valeria Bruni Tedeschi, Micaela Ramazzotti, Bob Messini, Valentina Carnelutti, Marco Messeri u.a. Deutschschweizer Kinostart am 6. Oktober 2016.

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