Stürmische Zeiten – Kenneth Lonergans «Manchester by the Sea»

Der Regisseur von «Margaret» legt mit seinem Drittling einen weiteren starken Film vor, der zweifellos bei den Oscars gross absahnen wird. Sehenswert ist der Film aber so oder so.

Lee Chandler (Casey Affleck) ist vom Pech verfolgt: zuerst kommen seine kleinen Töchter bei einem Brand um – und nun ist auch sein Bruder Joe (Kyle Chandler) noch gestorben. Lee arbeitet in Boston. Zurück in Manchester by the Sea eröffnet ihm der Anwalt, dass Bruder Joe wollte, dass er sich um seinen Neffen Patrick (Lucas Hedger) kümmert. Im Grunde finden so zwei Trauernde zueinander – was Lees Aufgabe auch nicht einfacher macht.

Frauen haben in Manchester-by.the-Sea wenig bis nichts zu sagen. (Bild: zVg)

Frauen haben in Manchester-by-the-Sea wenig bis nichts zu sagen. (Bild: zVg)

«Manchester by the Sea» ist ein ruhiger, einfühlsamer Film über ganz gewöhnliche Menschen, die aber dann doch wieder mit nicht alltäglichen (teilweise dann aber auch doch wieder sehr alltäglichen) Problemen zu kämpfen haben. Alkohol und Drogen spielen dabei eine wichtige Rolle, und wahrscheinlich wirkt im Hintergrund das Geld – oder eben auch nicht. Denn die Menschen in Manchester-by-the-Sea sind allesamt weisse Mitglieder der unteren Mittelschicht, sicherlich nicht arm, aber eben auch nicht wirklich privilegiert. Ihre Konfession ist der Katholizismus. «Catholics are Christians too», sagt Lee seinem Neffen, der soeben seine Mutter – eine «born-again Christian», die möglicherweise dank der Religion ihre Trunksucht besiegen konnte – besucht hat. Frauen kommen hier nur eigentlich aber nur am Rande vor. Gerade die Nichtbeachtung ihrer Wünsche ist aber problematisch für Lee und die ganze Gemeinschaft.

Lee ist die Hauptfigur in «Manchester by the Sea», nach dem Tod seines Bruders Joe ist er nun für seinen Neffen Patrick eine wichtige bzw. noch wichtigere Bezugsperson. Der Protagonist weiss aber noch nicht, ob er dieser neuen Pflicht als Ersatzvater gewachsen ist. Regisseur und Drehbuchautor Kenneth Lonergan (Drehbuchautor von «Gangs of New York» und «Rocky and Bullwinkle», Regisseur von «Margaret» und «You Can Count on Me») erzählt teilweise nichtlinear und durchaus elegant. Er muss so auf Zeitsprünge nicht extra – etwa mit Zwischentiteln – aufmerksam machen. Koproduziert hat Matt Damon, der schon mit «Good Will Hunting» ein gutes Gespür für die Stoffe, welche bei den Oscars gross rauskommen, bewies – und so auch zusammen mit Ben Affleck, Caseys Bruder, und Regisseur Gus Van Sant seinen ersten grossen Triumph feiern konnte. Trotzdem ist aber natürlich «Manchester by the Sea» wirklich ein guter Film. Nicht alles, was von der Academy nominiert wird, ist ein Blödsinn. Lonergans Drittling ist vielmehr ein einfühlsamer Blick nicht nur in das Leben eines Mannes, sondern in das einer spezifischen Community.

«Manchester by the Sea». USA 2016. Regie: Kenneth Lonergan. Mit Casey Affleck, Michelle Williams, Kyle Chandler, Matthew Broderick, Gretchen Mol, Lucas Hedges u.a. Deutschschweizer Kinostart am 2. Februar 2017.

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