Die «Göttin» der Gewalt: Weshalb das «weisse Mädchen» eine Protagonistin im aktuellen Mexiko ist

Der Kult um Santa Muerte, die Skelettfrau und Schutzpatronin der Unterwelt, steht sinnbildlich für die derzeitige Situation in ihrem Land. Zu dieser Schlussfolgerung kommen unsere beiden mexikanischen Gastautoren. Dabei bescheren sie dem Kulturmagazin Zeitnah eine eindrückliche Bilderstrecke aus Coacalco im Bundesstaat Estado de México, welche diese Figur und ihre AnhängerInnen näher bringt.

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Von Jaime Quintana (Text) und Moisés Quintana (Fotos)

«An alle, die nicht an mich glauben: ich schreibe diesen Brief an dich, um dir zu sagen, dass du mich nicht beschimpfen oder verurteilen sollst. Ich bin ein weiteres Werk, der Lichtgeist, der deine Seele davonträgt, wenn sie sich einmal von deinen Körper trennt. Du musst mir keine Rechenschaft über dein Leben abgeben. Ich bin das Mädchen, das dich trägt und dich tröstend in Arme nimmt. Ich bin das weisse Mädchen.» Aus einem Brief mit einem Gebet für den «Heiligen Tod».

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Santa Muerte oder «Niña Blanca» ist eine Anbetungsfigur, die in Mexiko, Zentralamerika und im Süden der USA zu finden ist. Es ist ein Kult, der inmitten der Ausgrenzung und Armut eines Landes wächst. Es ist zugleich ein Bild der Krise, eine Hoffnung, weiterzuleben inmitten von Gewalt und Hunger, eine Art, sich an etwas festzuhalten und ein Glaube daran, um trotz allem weiterzuleben.

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Die Geschichte der Santa Muerte findet sich in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Widersprüchen des Landes. Der Tod lauert auf den Routen der Migranten, in der Strassenkriminalität der Quartiere, in den Ecken einer Gesellschaft, die von der Gewalt verschlungen wird.

So alltäglich ist der Tod, so sehr wird er in der Presse jeden Tag beworben: es ist nichts Aussergewöhnliches, ihn zu finden. «Der Tod ist hinter dir, aber während du sagst, dass er dich beschützt, wird er immer mit dir sein. Wenn du vom Tod sprichst, betrachtet man dich als Satanist oder Junkie – aber jeden Tag siehst du ihn im Fernsehen». Ein anonymer Anhänger der Santa Muerte.

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Es handelt sich um einen mestizischen und indigenen Kult, der sich in die Arbeiterquartiere der Städte verlagert hat. In Mexiko gibt es 1500 Altäre, wo die Bitte um die Sicherheit für sich und die Familie ein ständiges Anliegen in diesem Ritual sind. Es sind Taxifahrer, Bauarbeiter, Polizisten und oft auch Diebe oder Kriminelle, welche Santa Muerte um Begleitung bei den täglichen Aufgaben bitten.

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Derzeit gibt es zwölf Millionen Gläubige, wie Andrew Chesnut, Forscher und Autor des Buchs «Devoted to Death», schreibt. Er stellt fest, dass das Wachstum des Kults mit der Eigendynamik der Gewalt und Armut assoziiert wird. Die wachsende Anzahl Toter aufgrund der aktuellen Gewalt in Mexiko ist alarmierend, so auch mit dem Verschwinden von 43 Studenten und den zwölf geheimen Gräbern, die im Bundesstaat Guerrero gefunden wurden – man kennt die Identität der Toten dort nicht. All das bringt eine Welt ans Licht, die einen Todeskult pflegt. In Mexiko kamen seit der Kriegserklärung des Ex –Präsidenten Felipe Calderón an den Drogenhandel schätzungsweise 85’000 Menschen ums Leben. Bis 2014 verschwanden etwa 22’610 Personen. Diese Nummern versichern, dass mindestens 10,7 Millionen Personen einen Angehörigen haben, der im Laufe dieser Jahre Opfer eines Verbrechens wurde.

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Es gibt verschiedene Versionen zur Entstehung des Santa-Muerte-Kults. Manche Forscher sehen den Ursprung im 18. Jahrhundert, andere gehen auf das prähispanische Leben zurück.

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Du findest ihr Bild in Tätowierungen, Ketten und Armbänder, an Wänden der Strassenecken, an den Autostrassen, im öffentlichen Verkeht und in Parks. «Sie greift dir unter die Arme. Ich bat sie, dass mich aus dem Gefängnis holt und dass ich im Gegenzug gut zu ihr sein werde für den Rest meines Lebens. Ich bin draussen, sie hielt ihr Versprechen.» Juan López.

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In den Arbeitervierteln von Mexiko-Stadt, bemerkt der «Tepiteño» Juan López, «trägt man sie mit Stolz, man putzt sie mit Mezcal und reinigt sie mit Marihuanarauch». Die Santa Muerte von Tepito, ein Quartier voller Händler und berühmt für die extreme Gewalt, ist auch bekannt für seinen Altar zu Ehren von Santa Muerte. Man kann in Tepito alles kaufen, Film-Raubkopien, Kleider, Spielzeuge, Antiquitäten unterschiedlicher Herkunft, seien nun Hehlerwaren oder Markenfälschungen.

 

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Die katholische Kirche verneint jegliche Verbindung mit Santa Muerte. Es ist ein religiöser Synkretismus in einer gewalttätigen Welt. Man feiert sie am 1. November, man kleidet sie wie eine Braut und jeden Montag betet man einen Rosenkranz für sie und segnet die Bilder. Für einige ist es die Beauftragte, um Zyklen zu öffnen oder zu schliessen, um sie zur kürzen oder verlängern, für andere ist es eine alltägliche Gefährtin.

Übersetzung aus dem Spanischen: Michel Schultheiss

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