Die Rache der Fakten – The Vagina Monologues erstmals in Basel

Ausverkauft und mit grossem Nachhall feierte Eve Enslers «The Vagina Monologues» am vergangenen Wochenende seine Premiere in Basel. Eine nötige, hoffentlich bald wiederholte Aufführung.

Teil eines internationalen Aufrufs gegen Gewalt gegenüber Frauen: «The Vagina Monologues» thematisiert jedoch weitaus mehr. zVg

Von Daniel Lüthi

Es ist heute einfacher denn je, zynisch zu sein. Schlagwörter wie «Brexit», «America First» oder «Alternative Facts» sorgen für anhaltende Verwirrung und Verunsicherung sowie das schleichende Gefühl, dass die Welt (oder zumindest die Menschheit) langsam, aber sicher verrückt geworden ist. Ein Thema, das in diesem Zusammenhang von Medienchaos und Extremismus immer wieder auftaucht, ist die Geschichte der Geschlechter. Unterdrückt, verheiligt, verdammt – die Rolle der Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft ist vollkommen variabel, vom Heimchen am Herd bis zur femme fatale.

Dass Feminismus nach wie vor nötig ist und auf alle Geschlechter gleichermassen zutrifft, zeigte sich letzten Sonntag im Unternehmen Mitte in Basel. Der Ort könnte nicht passender sein: Familien verschiedenster Couleur und Zusammensetzung lassen ihre Kinder quer durch die ehemalige Bankenhalle rennen und krabbeln, Gruppen, Paare oder Singles in Laptops vertieft sitzen dazwischen – die Grenzen, so könnte man meinen, sind fliessend, und ob jemand Mann oder Frau ist, Greis oder Millennial, ist nicht wichtig.

Weiter hinten in der alten Halle führt ein Vorhang hinunter in den «Safe» – wörtlich, denn hier lagerten anno dazumal tatsächlich materielle Wertgegenstände der Schweizerischen Volksbank. Leichte Klaustrophobie macht sich auch bei nur maximal 50 Zuschauern breit, und der Bunker füllt sich bis auf den letzten Platz. Nach der Weltpremiere 1996 und unzähligen Preisen, Skandalen und Variationen feiert heute Abend, am 11. Februar 2017, «The Vagina Monologues» von Eve Ensler die Erstaufführung in Basel.

Das Bissige im Verniedlichten

Der Skandal bleibt aus. Mit Themen wie Menstruation, Genitalverstümmelung, häusliche Gewalt oder weibliche Selbstbehauptung konfrontiert zu werden, ist für niemanden im Publikum ein Tabu mehr. Dennoch sind die Monologe zum Teil schockierend, die Eindringlichkeit mancher Schilderungen geht unter die Haut. Die Stärke der Frau – das englische Wort «empowerment» drückt die Absicht viel besser aus – ist das Leitmotiv des Abends. Es geht darum, sexy sein zu dürfen, ohne dass ein Mann dies gleich ausnützen darf. Darum, sich für die eigene Sexualität nicht schämen zu müssen. Was wie «Coochie Snorcher» als Vagina-Bezeichnung niedlich klingt, kann dennoch bissig, abgründig oder widerspenstig sein.

Das Ensemble besteht aus Frauen aus allen Altersschichten und verschiedensten Ländern. Man spricht über Miniröcke, das erste Date im Autokino in den 1950ern, den (auch als Mann schmerzhaft nachvollziehbaren) Besuch beim groben Gynäkologen… alles ehrlich und entwaffnend direkt. Die gewählten Aufführungsdaten vor dem Valentinstag sind nicht zufällig: «The Vagina Monologues» ist Teil von V-Day, einer Bewegung gegen Gewalt gegenüber Frauen und Mädchen, die ebenfalls am 14. Februar begangen wird.

Letztlich konfrontiert «The Vagina Monologues» häufig mit Fakten. Wie die Tatsache, dass pro Tag zwei Frauen in der Schweiz vergewaltigt werden. Ohne Dunkelziffer. Was auch in Zentraleuropa immer noch geleugnet oder rasch unter den Teppich gekehrt wird, findet hier ungeschönt Ausdruck. Und noch viel wichtiger, mit Nachdruck: Das Ziel von V-Day ist nicht, Männer zu diskriminieren oder gar zu versklaven. Sondern Frauen auf Augenhöhe mit ihnen zu heben, auf ein gleiches Niveau. Denn mit vereinten Kräften geht das Leben leichter, könnte man leicht naiv sagen. Bleibt zu hoffen, dass Eve Enslers Stück unter der Regie von Diana Thomas bald wieder auf die Bühnen von Basel kommt – und mit Platz für mehr Publikum.

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