Die Grenzen zwischen Literatur und Kunst – Derek Beaulieus «Konzeptuelle Arbeiten»

Der kanadische Autor Derek Beaulieu erforscht in seinem neu auf Deutsch erschienenen Band «Konzeptuelle Arbeiten» die Grundstrukturen von Literatur.

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Der Titel ist Programm: Derek Beaulieus neustes Buch nimmt sich Literatur als grösseres oder kleineres Konzept vor. zVg

Von Daniel Lüthi

Die Frage, wie weit ein Text reduziert werden kann, um noch lesbar zu sein, ist dank neuer Genres wie visueller Poesie oder Konzeptliteratur etwas einfacher geworden. Dennoch bleibt das Thema kontrovers: So lange man als Leserin oder als Leser noch etwas interpretieren kann, darf ein Text als Literatur betrachtet werden. Oder etwa doch nicht? Oder, noch umstrittener – je nach Auffassung muss eine Geschichte überhaupt keine lesbaren Wörter mehr beinhalten, um als erzählendes Narrativ zu gelten.

Solche Grundfragen sind nicht wirklich neu. Der Bayeux-Teppich aus dem 11. Jahrhundert ist eine fast wortlose Erzählung, auf Stoff festgehalten, und spätestens seit dem Heider-Simmel-Experiment von 1944 steht fest, dass selbst abstrakteste Szenarien Geschichten beinhalten können. Der Kern bleibt die Interpretation des jeweiligen Lesers oder der jeweiligen Leserin – oder umgekehrt natürlich auch die Vorstellungskraft von Autorinnen und Autoren.

Die Suche nach dem Sinn

Was von Schriftstellern mit solcher Erfindungsgabe kreiert werden kann, zeigt Derek Beaulieus frisch bei edition taberna kritika auf Deutsch erschienener Band «Konzeptuelle Arbeiten». Der frühere poet laureate von Calgary in Kanada ist bekannt für seine Formexperimente und radikalen Reduktionen. Im vorliegenden Buch widmet er sich vor allem Letzterem: Literarische Klassiker werden eher aufs Nötigste beschränkt denn abgewandelt. Edwin A. Abbotts Roman «Flatland» etwa wird auf ein EKG-ähnliches Diagramm verknappt, wo der Verlauf einzelner Erzähllinien wortwörtlich ausschlaggebend ist. Lesen lässt sich hier nichts mehr, höchstens noch interpretieren.

Die Sinnsuche gestaltet sich schwierig, wenn man sich nicht selbst auf die Experimentierfreude der Textvariationen einlässt. Beaulieus Ideenreichtum ist gross, reicht von Kreuzworträtseln bis hin zu interagierenden Farben, aber ohne Vorkenntnis der Urtexte oder behandelten Autoren fehlt trotz einleitenden Worten oft der Bezug. Die Reduktion von Andy Warhols «a a novel» auf blosse Satzzeichen und Lautmalereien bietet ein gutes Gegenbeispiel – auch ohne Kontext erschliesst sich zumindest noch etwas Wortsinn.

Andererseits wäre eine rein textkritische Betrachtung von «Konzeptuelle Arbeiten» ungerecht. Wie eingangs erwähnt lohnt sich ein Blick über den literarischen Tellerrand hinaus – bildende Kunst à la Bayeux erzählt ebenso Geschichten wie Geschriebenes. Und hierin liegt meiner Meinung nach der eigentliche Sinn des Buches: Beaulieu bewegt sich auf der Grenze zwischen Text und Bild. Er legt die Fundamente von Narrativen offen und stellt es Leserinnen und Lesern frei, mittels Eigeninterpretation oder Anhaltspunkten den vorliegenden Arbeiten Bedeutung zu verleihen. Für Schätzer von konkreter Poesie und Neugierige ist der Band auf jeden Fall empfehlenswert.

 

«Konzeptuelle Arbeiten» von Derek Beaulieu
118 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen
ISBN: 978-3-905846-45-4
Preis: 16 Euro / 20 CHF
Erschienen bei edition taberna kritika im Mai 2017

 

«Zeitnah» bedankt sich bei edition taberna kritika für das Rezensionsexemplar.

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