Transit als Dauerzustand

René Hamanns bei edition taberna kritika erschienener Band «Die Suche nach dem Glam» bietet Einblicke in den Schreib- und Denkprozess eines Autoren.

René Hamanns mittlerweile eingestellter Blog ist nun in Buchform verfügbar. zVg

Von Daniel Lüthi

Internet-Tagebücher sind mittlerweile so populär geworden, dass man sie fast schon wieder als veraltet bezeichnen müsste. Ob auf Facebook, in Minimalstform per Twitter oder ganz klassisch auf Blogspot – wer etwas zu sagen hat, kann dies über verschiedenste Kanäle tun. Auch Autorinnen und Autoren greifen gerne auf Blogs zurück, um längere Gedankengänge zu verstauen oder Skizzen für Textideen am Publikum zu testen.

Solche Gedanken selbst in Buchform zu veröffentlichen, kommt ausser in Eigenregie aber noch eher selten vor. Der Berner Verlag edition taberna kritika kann in dieser Hinsicht als Pionier betrachtet werden: Experimentelle Literatur und Blogauszüge sind hier ebenso willkommen wie Heimatkunde und Essays. Mit René Hamanns «Die Suche nach dem Glam» findet nun ein weiterer literarischer Blog die Aufnahme in dessen Katalog.

Der übergreifende Erzählrahmen

Eins gleich vorweg: Das Thema Sex liest sich in Hamanns Buch meist ernüchternd. Die stets wiederkehrenden Beschreibungen von Annäherungsversuchen an Frauen, gespickt mit Zitaten von Thomas Mann oder Jean Baudrillard und Songzeilen, sind wenig originell und repetitiv. Interessanter ist es, stattdessen den einleitenden Worten «Eine Reise beginnt» zu folgen. Wie man bald feststellt, ist die titelgebende Suche nach dem Glam ein Abenteuer mit viel Absicht, jedoch ohne fixes Ziel.

Anfänglich lassen die teils bruchstückhaften Textabschnitte ein Ganzes vermissen, bilden bei längerer Lektüre aber einen übergreifenden Erzählrahmen. Der Autor erhebt den Transit zum Dauerzustand: Egal ob in Berlin oder Kalifornien, das Glück ist immer woanders, auf dem nächsten Flug, in der letzten Strassenbahn. Wir erhalten hier ungefilterte Einblicke in Hamanns Schreib- und Gedankenprozesse, in ein Dasein im Dazwischen. «Heute war ich berühmt, morgen wieder nicht», wie es der Schriftsteller pointiert ausdrückt.

Es wirkt ironisch, im Zeitalter von Snapchat und Tweets einen Blog auf Papier zu bannen. Was nicht mehr ständig up-to-date gehalten werden kann, ist veraltet, nicht länger aktuell. Andererseits birgt das Internet bekanntlich auch stets die Gefahr, das Vergangene unter dem Neuen zu begraben. Dass René Hamanns mittlerweile eingestellter Blog nun in Buchform ein Neudasein gefunden hat, ist daher lobenswert. Und weckt die Neugier auf weitere Fundstücke und Momentaufnahmen aus dem World Wide Web, die im Druck folgen werden.

«Die Suche nach dem Glam» von René Hamann
116 Seiten, mit farbigen Abbildungen
ISBN: 978-3-905846-46-1
Preis: 16 Euro / 20 CHF
Erschienen bei edition taberna kritika im Oktober 2017

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