Andreas Glarner und das Bodenpersonal – Sabine Gisigers «Willkommen in der Schweiz»

Gemeindeammann Andreas Glarner mag das Bodenpersonal der Kirche nicht. Er mag es auch nicht, wenn Flüchtlinge in sein Dorf Oberwil-Lieli kommen. Doch er hat Remedur auf Lager: austreten und widerstehen heisst die Devise!

https://vimeo.com/232808858

Gemeindeammann Andreas Glarner weigert sich, zehn Flüchtlinge in seiner steinreichen Gemeinde Oberwil-Lieli (AG) aufzunehmen. Doch nicht alle seine Schäfchen sind damit einverstanden: vor allem die Studentin Johanna Gündel setzt sich für eine humanere Politik ein. Der am rechten Rand politisierende Millionär Glarner will davon eigentlich naturgemäss nichts wissen. Schliesslich lässt er sich aber (von selbst oder von PR-Beratern?) zu einer Reise nach Griechenland überreden. Dort sucht er den direkten Kontakt zu Flüchtlingen…

Johanna Gündel organisiert den Widerstand gegen Glarner. (Bild: zVg)

Sabine Gisiger («Yalom’s Cure», «Gambit», «Do It», «Dürrenmatt») legt mit «Willkommen in der Schweiz» einen höchst spannenden Film vor, der tief blicken lässt – nicht nur in die Seele des Andreas Glarner, der bereits 1986 aus der katholischen Kirche ausgetreten ist und sich trotzdem als Verteidiger der Christenheit inszeniert. Mit viel Erfolg: sein Stil kommt an. Allerdings sind nicht alle mit ihm einverstanden – selbst in Oberwil-Lieli. Der in Glarus geborene Glarner ist dabei aber durchaus für eine Überraschung gut, wenn er in Griechenland und der Türkei Flüchtlinge besucht. Wer aber nun denkt, dass Glarner so vom Saulus zum Paulus wird (à la Mark Kuster, ehemaliger SVPler, der das Hilfswerk Camaquito gegründet hat), wird selbstverständlich eines Besseren belehrt. Werte sind wichtig in Oberwil-Lieli, nur ist das, was Glarner unter christlichen Werten versteht eben etwas fundamental anderes als das, was die ebenfalls christlich inspirierte Johanna Gündel meint.

Deshalb lehnt Glarner wohl denn auch alle Landeskirchen ab. Er redet zuerst von der katholischen Kirche, korrigiert sich aber gleich: gemeint sind natürlich wohl alle (Landes-)Kirchen. Eigentlich verblüffend, dass in Oberwil-Lieli 41,9% römisch katholisch sind, 38,3% evangelisch-reformiert und nur 1,4% «andere» leben. Bei diesen Zahlen müsste ja eigentlich auch der Gemeindeammann praktizierender, kirchensteuerzahlender Christ sein. Aber klar: die meisten Geistlichen sind hierzulande nicht auf der Glarner-Linie, und auch Papst Franziskus könnte wohl mit Glarner nur wenig anfangen. Sabine Gisigers gut gemachter Film wird dabei von verschiedenen Chören, die u.a. auf Jiddisch, Djudeo-Espanyol, Schweizerdeutsch und anderen Sprachen singen, umrahmt.

«Willkommen in der Schweiz». Schweiz 2017. Regie: Sabine Gisiger. Dokumentarfilm. Mit Andreas Glarner, Johanna Gündel, Charles Lewinsky, u.a. Deutschschweizer Kinostart am 19. Oktober 2017.

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