Riesenrad in den Abgrund – Woody Allens «Wonder Wheel»

Nach «Café Society» erzählt Altmeister Woody allen eine weitere schwierige Familiengeschichte mit vielen Abgründen, viel Stil und natürlich auch viel Humor. Im Zentrum des neuen Films steht dabei aber doch eher das Dramatische. Interessant nicht nur für Theater- und Woody-Allen-Buffs.

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1950er Jahre. Mickey Rubin (Justin Timberlake) ist Bademeister in Coney Island. Daneben bildet er sich weiter; seine grosse Leidenschaft gilt dem Theater. Er lernt die bereits verheiratete, ältere Ginny (Kate Winslet) kennen. Die zwei verlieben sich. Ihr Mann, genannt Humpty (Jim Belushi) und wie Mickey und Ginny in Coney Island (bzw. in der dortigen Tourismusbranche) beschäftigt, ahnt nicht. Da erscheint wie aus dem Nichts seine Tochter aus erster Ehe (Juno Temple) und eine ganz neue Dynamik entwickelt sich…

Beziehungen spielen bei Woody Allen fast immer eine wichtige Rolle. In einem gewissen Sinne ist sein neuer Film auch eine Art Neuauflage von «Café Society». Doch auch wenn Allen immer wieder zu den gleichen Themen zurückkehrt – interessant ist in diesem Zusammenhang auch ein Vergleich zwischen «Crimes and Misdemeanours» und «Match Point» – er findet doch immer wieder einen neuen Zugang. Hier ist es u.a. die wichtige Rolle, die das Theater spielt, die den Film u.a. von «Café Society» unterscheidet.

Kate Winslet als gescheiterte Schauspielerin Ginny in Woody Allens neuem Film. (Bild: zVg)

Natürlich gibt es sicher Stimmen, die Woody Allen Wiederholung vorwerfen. Doch genau diese Wiederholung ist es ja, die den 1935 als Allan Stewart Konigsberg geborenen Woody als echten Auteur auszeichnen. Nach Jim Jarmusch ist er übrigens bereits der zweite Autorenfilmer, der einen von Amazon Studios produzierten Film vorlegt. Das metafiktionale Element ist hier stärker als in anderen Filmen, auch wenn ein Grossteil des allenschen Œuvres zweifellos im intertextuellen Kontext zu verstehen ist, angefangen bei seinem ersten Film «What’s Up Tiger Lily» – einem Film, der notabene fast gänzlich aus found footage (bzw. einem bereits bestehendem japanischen Actionfilm) zusammengesetzt wurde.

Natürlich muss Woody unterdessen nicht mehr japanische Filme neu synchronisieren, um seinen Weg ins Kino zu finden. Er hat immer wieder bewiesen, dass er sowohl mit Komödien als auch mit Dramen zu brillieren vermag. Dass dabei auch unangenehme Themen zur Sprache kommen, die an Allens eigenes turbulentes Leben erinnern, ist natürlich sicher kein Zufall – andererseits ist es sicher verfehlt, überall autobiografische Elementen zu wittern wie der Kritiker von AVClub.com [1].  Es stimmt aber, dass bei Woody Allen immer wieder ein Kampf der Geschlechter ausgetragen wird, der in seinem eigenen Leben wohl auch eine wichtige Rolle spielt – sein Sohn Ronan Farrow spielt da neuerdings ja eine Hauptrolle; schliesslich stammen wichtige Recherchen zu Harvey Weinstein aus seiner Feder.

Nun ist Woody Allen zwar sicherlich kein besonders progressiver Denker – nicht zuletzt deshalb, weil bei ihm die Kunst im Vordergrund steht. Damit mag er zwar von persönlichen Verfehlungen ablenken, aber letztlich muss eben doch die Kunst im Zentrum stehen – was aber weder künstlerische noch persönliche Missgriffe rechtfertigt. Gerade in «Wonder Wheel» geht es dabei eben um diese nur allzu menschlichen Verwerfungen, die eben jenseits von aller Politik und progressiven Phrasen auch noch lange nach MeToo weiterwirken werden.

«Wonder Wheel». USA 2017. Regie: Woody Allen. Mit Justin Timberlake, Kate Winslet, Juno Temple, Jim Belushi, Steve Schirripa, Max Casella u.a. Deutschschweizer Kinostart am 25. Januar 2018.

[1] https://www.avclub.com/wonder-wheel-is-one-of-woody-allens-sourest-stagiest-1820899462