gesichtet #155: Ein Haus namens «Tuttenkolben»

Von Michel Schultheiss

Düstere Räume sind hinter den angestaubte Vitrinen zur erspähen. Jede Menge Kleber pflastern den Eingang zu, hinter dem Eingang herrscht gähnende Leere. Das schmale Haus an der Rheingasse 20 mit seinem mittelalterlichen Charme fällt erst beim zweiten Mal Hinschauen auf.

Geisterhäuser sind in der Region selten, aber durchaus anzutreffen. Man denke etwa an zerfallene Chalet in Riehen. Gibt’s also auch mitten in der Kleinbasler Altstadt so etwas? Nicht ganz. Wie die Eigentümer auf Anfrage versichern, sollen im ehemaligen Coiffeursalon an der Rheingasse Büroräumlichkeiten untergebracht sein. Jedenfalls war das Gebäude gleich beim Ueli-Gässli während des Festivals «Im Fluss» als Backstageraum für die Musiker zu sehen.

Was wohl das Haus mit einer «Tutte», also einem Busen oder einer Brustwarze gemein? (Foto: smi)

Die Brust als Namensspender

Nicht nur die ansonsten vorherrschende Leere des Hauses mitten in der Beizen- und Barmeile Rheingasse, sondern auch etwas anderes springt ins Auge. An der Fassade prangt die seltsame Inschrift «Zum Tuttenkolben». Seit 1384 ist das Haus unter diesem Namen urkundlich nachgewiesen, wie Thomas Lutz im fünften Band von «Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt» festhält.

Seit dem Mittelalter wurde der Hausname immer wieder umgekrempelt. Was aber soll er überhaupt bedeuten? Wie das Schweizerische Idiotikon verrät, war «Tutte» als Bezeichnung für die weibliche Brust üblich, aber auch als Wort für die Brustwarzen eines Mannes oder auch Zitzen eines Tiers. Zudem wurden «rundliche Schwellungen am Astansatz von Baumstämmen» so genannt.

Farblich unterscheidet sich das Haus beim Oberen Rheinweg von der Rheingassenfassade (Foto: smi)

Drüttel, Drutten, Trauten, Trauben

Warum das Haus diesen ausgefallenen Namen erhielt, bleibt im Dunkeln. Der Lokalhistoriker Gustav Adolf Wanner ging dieser Frage bereits am 16. Juli 1977 einem Artikel in der «Basler Zeitung» nach. Wie er dort aufführt, hat sich der Hausname im Zuge der Überlieferung mehrmals gewandelt. 1569 ist er als «Drüttelkolben» nachgewiesen, 1614 als «Druttenkeller». Im Jahr 1626 wurde er schliesslich zu «Trautenkeller» diphthongiert, 1766 tauchte das Gebäude schliesslich als «Traubenkeller» auf. Vermutlich liegt hier ein Fall von Volksetymologie vor. Im Laufe der Jahre kam es zu einer Umdeutung des undurchsichtig gewordenen Namens. Somit wurde er an ein ähnlich klingendes Wort angelehnt, sprich die «Tutte» wandelte sich zur «Traube», der Kolben zum Keller.

Nicht nur punkto Namen, sondern auch bei den Besitzverhältnissen hat das Haus eine ziemlich mannigfaltige Geschichte hinter sich. Seit dem Mittelalter gingen hier ganz unterschiedliche Menschen und Berufsgruppen ein und aus. Als erste Eigentümerin ist im 14. Jahrhundert Greda zum Rosen, Witwe des Ritters Heinrich von Mörsberg, nachgewiesen. Im 15. Jahrhundert kamen die Steinmetzen Kilchberg und Peter Roilin zum «Tuttenkolben», anschliessend eine Frau namens Agnes Dinklerin. Wie Gustav Adolf Wanner in seinem Artikel erwähnt, musste diese Eigentümerin dem städtischen Bauamt ein Versprechen abgeben, das Haus innert Lebensfrist mit Ziegeln abzudecken.

Nicht ganz ein Geisterhaus: Bisweilen diente der «Tuttenkolben» als Büro oder Backstageraum (Foto: smi).

Als eine Bedienstete zur Hausherrin wurde

Für das Jahr 1452 ist auch der Stadtschreiber Martin Berner als Eigentümer überliefert. Dieser verkaufte es aber nach wenigen Jahren an den Prokuratoren des Domstiftes. Es folgten sodann Geistliche als Hausherren. Bemerkenswert ist hierbei, dass ein Leutpriester das Haus seiner «Dienstjungfrau» Britte Schefferin vermachte. Wie Wanner aus den Quellen zitiert, muss der Gottesmann dieser Frau sehr dankbar gewesen sein. «die ihm manig Johr daher gedient, Zucht, Ehre, Liebe und vil Früntschaft erzeigt» habe.

Im 16. und 17. Jahrhundert waren es dann vor allem Handwerker, die den «Tuttenkolben» erwarben. Maurer, Schneider, Rebmänner, Tischmacher, Schuh- und Hutmacher widmeten sich wohl darin ihrem Metier. Auch ein Stadtknecht sowie «der alte Zoller uf der Rhibruck» sind als Eigentümer nachgewiesen. Im 18. und 19. Jahrhundert war das Haus unter anderem in der Hand von Seidenfärbern, Strumpffabrikanten, Posamentern und Weissbäckern. Damals änderte es auch seine Gestalt. Der Schuhmacher Heinrich Meyer baute es anno 1854 um und erweiterte es gegen den Rhein hin. Dabei bewahrte er die vier alten Fenster im Obergeschoss, sodass auf der Rheingassenseite die urchig anmutende Fassade auch noch heute zu sehen ist.

Von der Ritterswitwe bis zum Coiffeur

Anschliessend machte der «Tuttenkolben» einen kurzen Abstecher in die Gastronomie. 1860 eröffnete nämlich Samuel Hunziker darin eine Gastwirtschaft. Diese währte nicht lange, denn schon bald wurden die Untergeschosse wieder zu Handwerksbetrieben. Gewerkelt wurde im «Tuttenkolben» noch bis ins 20. Jahrhundert hinein, bis dann mal ein Coiffeursalon einzog.

Haare werden nun schon seit einigen Jahren nicht mehr geschnitten. Auch wenn es heute ein eher unscheinbares Dasein führt, hat das Haus an der Rheingasse eine turbulente Geschichte hinter sich. Auffallend ist, dass von der Bediensteten bis hin zum Seidenbandfabrikanten, vom Gottesmann bis zum Handwerker, Vertreter von ganz unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen Gefallen am «Tuttenkolben» fanden. Einst ging hier eine Ritterswitwe ein und aus, heute sind es Rockbands. Man darf gespannt sein, was in Zukunft mit dem ansonsten wenig belebten historischen Gebäude geschehen wird.

Ein Dank gilt an dieser Stelle dem Stadtführer Grabmacherjoggi für seine Hinweise zum besagten Haus.