Miszelle zu Carl Spitteler – Essay von Dominik Riedo

Carl Spitteler zum Zweiten: Im Jubiläumsjahr 2019 beleuchtet Dominik Riedo das Geheimnisvolle und Eigentümliche des Schweizer Literaturnobelpreisträgers.

Spittelers Texte lassen sich mit einer Schatzsuche vergleichen: tiefgründig, geheimnisvoll, oberflächlich frustrierend und schlussendlich umso lohnenswerter. zVg

Von Dominik Riedo

«Endlich kommen wir in diesem Zusammenhang noch auf Spitteler, den Dichter, der es bewiesen hat, dass seine Kraft im Epischen lag, der im ‹Olympischen Frühling› ein umfangreiches Epos geschaffen hat, das nicht übersehen werden darf, wie sehr uns auch ein eigentümliches Unbehagen anwandeln mag.» – Emil Staiger reiht hier in seinen «Grundbegriffen der Poetik» (erstmals 1946; letzte Ausgabe zu Lebzeiten 1987) gewissermassen (‹versteckte›) Ablehnung an Ablehnung. Denn obwohl er Spitteler zugesteht, ein ‹Dichter› zu sein, musste er es ihm erst ‹beweisen›, dass ihm das Epische lag, und trotzdem würde er ihn wohl lieber übersehen, was man aber leider nicht ‹darf›; vor allem jedoch wandelt ihn ein ‹eigentümliches Unbehagen› an: die doppelte Markierung seines Gefühls, das ihn beim Lesen der Texte von Spitteler offenbar überkam – ihn, der mit seiner textimmanenten Methode der Interpretation (‹Begreifen, was mich ergreift.›) das von Texten erzeugte Gefühl wissenschaftlich zu erklären suchte –, zeigt uns, dass sich der Literaturprofessor an diesen Texten vergebens abarbeitete und dass er zusätzlich aus irgendeinem Grunde missgünstig war (denn neidisch musste er als Nicht-Dichter ja nicht sein). Aber da war er nicht der Einzige.

Doch was ist es denn, das in Texten Carl Spittelers (1845–1924) schon zu Beginn der Laufbahn des jungen Dichters, beim Erstlingswerk «Prometheus und Epimetheus» (1880/1881) etwa, Gottfried Keller dasselbe (!) Wort brauchen liess: «Das Buch ist von vorne bis hinten voll der auserlesensten Schönheiten. Schon der wahrhaft epische und ehrwürdige Strom der Sprache […] umhüllt uns gleich mit eigentümlicher [!] Stimmung.» (Brief vom 27.01.1881 an Joseph Viktor Widmann; daraus auch die folgenden Zitate) Rührt es daher, dass Keller sich nicht erklären kann, was «der Dichter eigentlich will», auch «nach zweimaliger Lektüre noch nicht»? Und er trotzdem «gerührt und erstaunt» ist «von der selbständigen Kraft und Schönheit der Darstellung»? Denn alles bleibt ihm zwar einerseits «dunkles Gebilde» und irgendwie «Unmöglichkeit», und trotzdem empfindet er eben andererseits alles «glänzend anschaulich». Diesen Gegensatz muss man sich noch einmal verdeutlichen: ‹dunkel› & ‹Unmöglichkeit› – und eben doch ‹glänzend› & ‹anschaulich›! Was stellen diese Gegensätze anderes dar als das dichterische Eingeständnis, dass hier fühlbar etwas geschrieben steht, was Wichtigstes, Tiefstes beschreibt, das man aber selbst als Fachmann nicht so schnell zu erfassen vermag, ja, dass da etwas versteckt bleibt? Immerhin kommt Keller, selber ein gefühlsbehafteter Mensch (er blieb zum Beispiel auch dann noch Feuerbachianer aus Zuneigung, als die ganze Gelehrtenwelt fast geschlossen Schopenhauerianer war) – was zur Spitteler-Deutung wichtig ist, wie man unten sehen wird –, vermutlich ganz nahe ans Geheimnis, wenn er eingesteht: «Die Sache kommt mir […] vor, wie wenn ein urweltlicher Poet aus der Zeit, wo die Religionen und Göttersagen wuchsen und doch schon vieles erlebt war, heute unvermittelt ans Licht träte und seinen mysteriösen und großartig naiven Gesang [mit solchen ‹Gesängen› kannte sich Keller aus; über Feuerbach schrieb er ja im «Grünen Heinrich»: «Da ist Ludwig Feuerbach, der bestrickende Vogel, der auf einem grünen Aste in der Wildnis sitzt und mit seinem monotonen, tiefen und klassischen Gesang den Gott aus der Menschenbrust wegsingt!»] anstimmte.» Man behalte diese Aussage im Kopf, denn das ‹Urweltliche› ist es eben wirklich, was bei Spitteler immer eine Rolle spielt …

Zuerst sollen jetzt noch weitere Stimmen, die sich bis heute ähnlich äussern, belegen, dass mit Spittelers Texten eben etwas vorliegt, das man nicht ganz fassen kann, dem man nicht recht und schnell auf die Schliche kommt. Etwa Peter von Matt, der die Texte insgesamt «schwer zu fassen» findet (vielleicht ein Grund, warum er bis 2019 sich kaum über Spitteler geäussert hat; Zitate – auch die folgenden – alle aus dem Vorwort aus dem Band «Carl Spitteler: Dichter, Denker, Redner. Eine Begegnung mit seinem Werk» von 2019) und sie obendrein – vermutlich ahnend, dass noch viel mehr darunter verborgen liegt – einen «nichtgehobenen Schatz» nennt.

Diesen ‹Schatz› ein wenig zu heben, macht sich Philipp Theisohn anheischig. Er kommt tatsächlich sehr weit, weil er einsieht, dass es sich bei Spittelers Texten um Dichtung handelt, der es «obliegt», dem «eine Stimme zu leihen, das nicht ins Sein gekommen ist» (Nachwort im Lesebuch «Carl Spitteler: Dichter, Denker, Redner. Eine Begegnung mit seinem Werk» von 2019; alles weitere auch von dort). Sie blickten wie «hinab, um dort unten den einen Moment zu erspähen, in dem sich einst alles entschieden hat». Und er begreift, warum Spittelers zentrale Form das Epos sein musste und hilft uns mit Riesenschritten, dem Geheimnis näher zu kommen, wenn er sagt: «Die Gegenwart erscheint in diesen Texten immer als Resultat einer vorgängigen Verfehlung, die das Epos zwangsläufig als ein Problem der Weltentstehung verhandeln muss.»

Hier kratzt Theisohn mehr als an der ‹Lösung›. Nur einen Schritt muss man noch gehen und sich klarmachen: Was sagt das denn eigentlich, dass die Gegenwart immer ein Resultat einer vorgängigen Verfehlung ist? Wenn es zum Beispiel um eine spezifische Kindsgeburt ginge, könnte es einfach den Zeugungsakt meinen; aber da Theisohn wie Keller und Staiger vor ihm einsieht, dass dies in jedem Text immer so geht, dieses Spezielle, ist es eben nicht nur irgendeine Verfehlung, sondern immer wieder kommt der geheime Blick auf die Verfehlung, auf die Verfehlung per se, die ursprünglichste Verfehlung allen Seins: Es ist die Verfluchung, die Verdammung des Urknalls, oder, mythischer gesagt, vorzeitlicher, das knirschende Weinen vor dem Umstand, dass es leider nicht nichts gibt. Und in einer kleinen Abwandlung davon die Suche nach dem Warum eines Nicht-Nichts anstelle eines eigentlich präferablen Nichts. – Darum war auch das Theologiestudium Spittelers nicht völlig abwegig: Befand er sich doch schon sehr früh auf der Suche nach dem Sinn überhaupt, nach einer Erklärung für das Dasein im Gegensatz zum Nicht-Sein – nicht nur seiner selbst, sondern der Welt, des Universums. Aber er merkte, wie er eben vieles im Gespür richtig machte, dass die Suche weitergehen würde oder, ehrlicher, dass die Antwort an sich schon feststand: Es wäre besser, gäbe es die Welt nicht. Als Künstler aber glaubte er an die Macht der Literatur, die Menschen hinter diese Dinge sehen lassen zu können und, da sie eben eine Erlösung auch nicht schafft, wenigstens helfen kann, die Welt auszuhalten. Darum auch sein Wahlspruch: «Mein Herz heisst ‹Dennoch›.»

Daher kommt also das seltsame Gefühl all der Lesenden, selbst der Profis. Aber die Missgunst, fragen Sie? Vermutlich, weil Spitteler schon früh hinter all diese Dinge gekommen sein musste, zumindest intuitiv – schliesslich wusste er bereits als Heranwachsender, dass er Epen schreiben wollte und zeichnete schon eine Menge der später beschriebenen Bilder in Schulhefte (siehe zum Beispiel in «Carl Spitteler zum 100. Geburtstag», Seite 15) –, darf man annehmen, dass er eben auch später vieles intuitiv richtig machte, vieles unerklärlich richtig machte. Er merkte zum Beispiel, dass er beim Erstlingswerk eben bis ins 36. Lebensjahr brauchte, um es veröffentlichen zu können, dass er seine ‹Variantenmühle› durchleiden musste, ohne zu verzagen; dass er auch später viel Zeit brauchte, selbst wenn das hiess, als er noch Brotarbeit leisten musste, dass die Veröffentlichung von Werken Jahre auseinander lag; bis er eben vom ererbten Geld des Schwiegervaters leben konnte und sein Output sich massiv steigerte, ohne schlechter zu werden; bis ans Ende des Lebens, wo er sich wieder zehn Jahre Zeit nahm für sein letztes Werk. Das er also alles im Grossen gesehen richtig machte. Aber Neid vielleicht auch, weil man wie Peter von Matt merkt, dass Spitteler selbst im Kleinen irgendwie alles richtig gemacht hat, gerade dann, wenn seine Verse «derb» sind oder er sich «schnappende Reime» leistet. Oder dass er oft zur historisch (also nicht nur sein Leben betreffend) richtigen Zeit das Richtige tat, wie bei «Unser Schweizer Standpunkt» im Ersten Kriegsjahr 1914 des Ersten Weltkriegs. Und vielleicht ist es eben doch hauptsächlich auch ein Neid, weil man bei Spitteler lange nicht alles merkt, nicht hinter die Hauptsache kommt, oder erst langsam. Auch ich brauchte 24 Jahre dazu.

So oder so: Spitteler hat – irgendwie – fast immer alles richtig gemacht. Und er kam dem Geheimnis des Lebens beziehungsweise des Universums auf die Spur sowie der ewigen Daseinsberechtigung für die Kunst, die Literatur. Unser aller Herz heisst: DENNOCH!

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