Leidenschaft und Understatement – Andy Strässle über Jessie Wares Album «Devotion» (nach einem Jahr Dauerhören)

Mit ihrem Debut «Devotion» erinnert die Londonerin Jessie Ware an Massive Attack, als der Trip Hop noch jung war. «Zeitnah»-Redaktor Andy Strässle kann gar nicht genug kriegen von ihrer Musik. – Besprechung eines Albums, das sich in einem Jahr Dauerhören bewährt hat.

Es ist wohl den unzähligen Casting-Sendungen zu verdanken: Oft gleicht das Singen eines Pop- oder Soulsongs einem Wettrüsten, aus den Stimmbändern wird alles herausgequetscht, es wird geschluchzt, gebrüllt, gefleht, sei der Inhalt eines Lieds noch so banal. Damit sei nicht gegen Göttinnen wie Whitney Houston, deren Songs zwar Stangenware sind, deren Stimme aber toll ist, gemotzt. Es sei höchstens ein kleiner Zweifel geäusserst, dass Anna aus Bielefeld oder Jessica aus Bümpliz mit Souldiven wie Anita Baker mithalten kann. Gut, man könnte einwenden, auch Rebecca Ferguson aus Liverpool hat eine tolle Stimme und immerhin wurde die ehemalige Sekretärin bei «X-Factor» Zweite.

Trotzdem: Zum zwanzigsten Geburtstag des wegweisenden Massive Attack-Albums «Blue Lines» sei auf eine Südlondonerin hingewiesen, die zwar eine grosse Soulstimme hat, diese aber sparsam einsetzt. Jessie Ware macht auf ihrem Album «Devotion» ganz auf Understatement. Der Soulpop von Ware, die während ihrer Tournee schon mal den Friseur per Facebook sucht, wird unterlegt von einem sparsamen Electroteppich den geflüsterte Zeilen wie

«Small steps don’t lead to your heart, so I’m still dancing on my own, dancing on my own»

umso herzzerbrechender machen. Die 29-jährige studierte Künstlerin hat eindeutig Stil und kultiviert diesen mindestens im Äusserlichen bis zur Maske, während ihre Songs kleine, wohlgeschliffene Diamanten sind, die vielleicht niemandem wehtun, die jedoch funkeln und glitzern und die Dunkelheit verteiben. Wie singt Jessie Ware doch in «Night Light»:

«You’re the shadow, a ghost I cannot see. You’re my night light. The Moon on the sea.»

So sind diese Songs auf den ersten Blick zwar Liebeslieder, doch auf den zweiten bleibt für Jessie Ware die Liebe fast immer ein Echo, etwas, das sie durch ein Glas sieht, aber niemals berühren kann.

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