Literarisches Refugium: “Narr – das narrativistische Literaturmagazin”

Von Anna Ospelt

Drei junge Schweizer Literaten geben mit “Narr: das narrativistische Literaturmagazin” neuen Talenten eine Plattform und verjüngen die Schweizer Literaturszene. „Texte, insbesondere literarische, gehören gedruckt, zwischen Buchdeckel, auf Seiten“, lautet ihre Devise.

 

Es ist Dienstagabend in Basel. Ich treffe die drei Gründer des narrativistischen Literaturmagazins „Das Narr“ in einer Bar nahe beim Bahnhof. René Frauchiger erwartet mich bereits leicht nervös, nach wenigen Minuten kommt Daniel Kissling hereingestrauchelt. Er ist übernächtigt und auf den ersten Blick unmotiviert, nach zwei schwarzen Kaffee wird er aber quiekfidel und redselig. Schliesslich reicht mir auch Lukas Gloor seine regennasse Hand. Er kommt direkt von einem Interview, das er für die Aargauer Zeitung führte.

Zwischen Schublade und Verlag

Was ist eigentlich das „Narr“ und was steckt hinter dem Begriff „narrativistisch“, möchte ich wissen. „Das Narr ist ein Magazin für junge Literatur. Wir vertreten dabei die Idee, möglichst frei zu sein und beschränken uns nicht auf bestimmte Gattungen. Und auch nicht auf das Alter der Autorin oder des Autors. Jung meint: unbekannte, frische Literatur, die noch keinen Verlag hat“, erklärt Daniel. „Wir sind aber kein Feel-good-Magazin, wo jeder mal was veröffentlichen kann. Wir wollen anspruchsvolle und gute Literatur drucken“, macht Lukas deutlich. Daniel nickt und sagt: „Wir wollen die Lücke schliessen zwischen Schublade und Verlag.“ Dabei gehe es nicht darum, dass nur Studierte das Magazin verstehen sollen, die Gründer des „Narrs“ versuchen eine breite Leserschaft anzusprechen und keine elitäre Studentenliteratur zu verlegen. Hier liege ein Problem beim Wort „Narrativismus“. Dabei geht es laut René schlicht um eine Gruppe, die gerne erzählt, im allgemeinsten Sinne. Dieser Drang zu erzählen – sei es dem Klang der Sprache oder einer Geschichte zuliebe – sei letzte Voraussetzung für Literatur. Aber: „Wir wollen kein narrativistisches Manifest schreiben, an das sich alle halten müssen. Das Gegenteil ist der Fall, wir sind offen, jenseits der Stile“ betont Lukas.

Steigende Auflage

Wer denn nun das „Narr“ liest, frage ich weiter. „Wir waren unglaublich überrascht, wie gross die Nachfrage war“, betonen alle drei. So musste das erste Heft innert kürzester Zeit nachgedruckt werden und die Auflage stieg von 250 auf 350 Exemplare. „Nun stehen wir an der Schwelle zu 500 Exemplaren“, erklärt Daniel. Die Resonanz, die das „Narr“ ausgelöst hat, ist beachtlich. Das erste Magazin wurde vom Tagesanzeiger, der “Basler Zeitung”, der “Aargauer Zeitung” und dem “Oltner Tagblatt” rezensiert. Es folgten Einladungen an die Basler Buchmesse und das Aargauer Kulturradio „KanalK.“ Auf die Frage nach der Zukunft, ob sie beispielsweise einen Verlag gründen möchten, zögern die drei. Prinzipiell sind sie ja schon ein Verlag, meinen sie, sie nennen sich einfach nicht so. Schön wäre es, in Zukunft noch mehr an Präsenz zu gewinnen und die Sache weiter professionalisieren zu können. Sie wünschen sich, beispielsweise das Korrektorat von einer auswärtigen Person machen zu lassen und weniger ehrenamtliche Arbeit hineinstecken zu müssen. Für das Layout ist Valeria Moser verantwortlich, eine junge Künstlerin und Kunstvermittlerin aus Untersiggenthal. Gemeinsam arbeiten alle zusammen über 100 Prozent an dem Magazin.

Viel Herzblut und viel Arbeit

Textauswahl, Presse, Versand, Layout, Webauftritt, Zusammenarbeit mit den Buchhandlungen, Finanzen, Promotion, Lesungen organisieren, Gelder akquirieren und Lektorat. Dies alles gehört zu ihrem Aufgabenbereich. Den grössten Aufwand bedeutet die Textauswahl, da sind sich die drei einig. Es werden um die 35 Texte pro Ausgabe eingeschickt, wovon 10 bis 15 ins Magazin gelangen. Klar gibt es Texte, die von vornherein wegfallen und andere, die eindeutig überzeugen. Am schwierigsten sind jene in der Mitte. Diese werden in mehreren Sitzungen besprochen und schliesslich angenommen oder abgelehnt, was manchmal „schweineschwierig“ sei.

„Es muss klingen“

In einer kurzen Verschnaufpause trinken meine Interviewpartner Bier und rauchen im Regen selbst gedrehte Zigaretten. Lukas, Daniel und René merkt man an, dass sie viel Zeit miteinander verbringen, ein bisschen sind sie wie Geschwister, die sich wortlos verstehen, voller Ideen stecken und bei jeder Gelegenheit einen kleinen Streit vom Zaun brechen. Zurück im Trockenen frage ich, was ein Text erfüllen muss, um im „Narr“ abgedruckt zu werden. In erster Linie müsse er unveröffentlicht sein und sollte nicht mehr als 12000 Zeichen betragen. „Spannend ist, wenn sie oder er etwas probiert, wenn man merkt, dass am Text gearbeitet wurde“, so René. Lukas wiederum ist die Sprache besonders wichtig. „Wie du etwas sagst, bestimmt, was du sagst“ und sei nicht einfach die Verpackung der Geschichte. „Das heisst nicht, dass es einfach darum geht, schöne Sätze zu schreiben, es geht auch um den ehrlichen Zugang zu den Figuren.“ Texte, die schön geschrieben sind, aber keinen stringenten Plot verfolgen, seien „Streitfall-Texte“, meint René. Ihm sind die Geschichten wichtig. Allein das Musikalische mache einen Text nicht eigenständig. „Ich kann einen Text nicht lesen, wie ich eine Sinfonie höre“, philosophiert er und wird sogleich von Daniel unterbrochen: „Hesch du jemols e ganzi Sinfonie glost?“ Als Drittem im Bunde ist Daniel der Erkenntnischarakter der Texte wichtig, der soziokulturelle Bezug, ein Wagnis. In der Überzeugung, dass ein Text dann gut ist, wenn man als LeserIn mitgeht, finden die drei einen gemeinsamen Nenner.

Autoren für Autoren

Unternehmer würden sich die jungen Kulturschaffenden nicht nennen, „nicht bei 1000 Franken Verlust pro Ausgabe, die wir ohne die Fördergelder machen würden“, lachen sie. Vielmehr sehen sie sich als Autoren. „Wir sind alle auch junge Autoren“, sagt Lukas. Das ist teils ein Konflikt, da sie ja andere Talente fördern und sich im „Narr“ gleichzeitig selbst eine Plattform geben. Aber das Schöne sei: „Die Autoren und wir sind Gleichgesinnte, sowohl beim Schreiben, als auch, wo wir beim Schreiben stehen.“ Dem getreu distanzieren sie sich von Sportmetaphern im Literaturgeschehen. „Literatur, Kunst allgemein, verkommt in den Medien immer mehr zur Meisterschaft, wird immer mehr Wettbewerb. Dagegen wollen wir uns verwehren“, sind sie sich einig. Tatsächlich haben sie mit dem „Narr“ ein gelungenes Refugium geschaffen.

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