«Ich bin heute anstatt zu schreiben in Basel spazieren gegangen» – Interview mit Judith Hermann

Von Anna Ospelt

Ihre beiden Erzählbände «Sommerhaus später» und «Nichts als Gespenster» sowie der Roman «Alice» wurden von der Kritik hochgelobt und haben sich zigfach verkauft, ihr wurde sowohl der Hölderlin- als auch der Kleistpreis verliehen – trotzdem gibt Judith Hermann beim Einchecken in Hotels den Beruf Journalistin an. 

Nun sitzt mir die Autorin, welche sich nicht als solche betitelt, in der Bibliothek der Lesegesellschaft Basel gegenüber. Von draussen klingt leise das Tosen der Herbstmesse, was den bibliophilen Raum auf schöne Weise kontrastiert. Judith Hermann legt ihre flache Hand an die Wange und neigt den Kopf zur Seite, währenddem sie offen über ihren Zugang zum Lesen und Schreiben spricht.
«Das Lesen ist ganz elementar wichtig. Noch über den Bezug zum eigenen Schreiben hinaus ist es einfach fürs Leben wichtig. Ich kann nicht nicht lesen, ich möchte gerne immer lesen und ich möchte auch lesen während ich schreibe», sagt die grosse, schlanke Autorin. Während sie beim Verfassen ihres Debüts, «Sommerhaus später» viel las, unter anderem ein «unsagbar sprachgewaltiges» Buch von Peter Wawerzinek, macht sie das heute nicht mehr. «Weil es sich unheimlich auf die Sprache legt. Das ist ein bisschen wie ein ohrwurmartiges Gefühl beim Schreiben. Heute würde ich mehr aufpassen, Bücher zu lesen, die relativ weit weg sind von dem, was ich gerade mache oder von Autoren, die schon lange tot sind oder die wirklich ein völlig anderes Sujet haben.» Bevor sie «Alice» schrieb, hat sie also viel von Dostojewski gelesen, und vor «Nichts als Gespenster» alles von Raymond Carver. Dann aber hat sie aufgehört zu lesen und angefangen zu schreiben. «Das ging nicht gleichzeitig.»

 

«Ich denke es gibt nur einen richtigen Augenblick, es gibt nur einen Schlüssel für den Schreibraum und nur einen Moment, an dem ich diesen Schlüssel benutzen darf.» (zVg)

 

Hochkarätige Wenigschreiberin

Judith Hermann ist während unseres Gesprächs sehr ruhig und klar, ihre Sätze sind auf eine natürliche, ungekünstelte Weise präzise.
Beim Verfassen ihrer drei bisherigen Bücher ist sie einem Vierjahrestakt gefolgt – drei Jahre lang hat sie nachgedacht, ein Jahr lang geschrieben. «Ich habe alle drei Bücher mehr oder weniger in einem Zug durchgeschrieben, nachdem ich bereit war anzufangen.»  – Sie brauche sehr viel mehr Zeit dafür, nachzudenken, was für ein Buch sie überhaupt schreiben möchte, zu Zögern und Zaudern, als es dann zu verfassen. «Bis ich anfange, dauert es ziemlich ewig, aber wenn ich einmal begonnen habe, geht es irgendwie auch nicht zurück.» Das hat wahrscheinlich damit zu tun, dass sie ein «etwas magisches Verhältnis» zum Schreiben hat: «Ich denke es gibt nur einen richtigen Augenblick, es gibt nur einen Schlüssel für den Schreibraum und nur einen Moment, an dem ich diesen Schlüssel benutzen darf. Und wenn das nicht der Richtige ist, dann krieg ich die Tür niemals auf.» Bisher hat sie sich immer getraut, nun auch für das vierte Buch, wie sie lächelnd gesteht.

Wenn der Text sich verselbständigt

Auf meine Frage, wie sie es bisher geschafft hat, ihre Geschichten in jeweils so schneller Zeit zu schreiben, antwortet die Autorin: «Es gibt beim Schreiben einen Punkt an dem der Text sich sozusagen verselbständigt. Das hat merkwürdigerweise mit der Namensgebung der Figuren zu tun. Es gibt nur einen möglichen Namen für die Figur, und wenn man den nicht findet, dann wird sie nicht dreidimensional. Dann bleibt sie aus Papier. Aber wenn man ihn findet, steht sie auf und geht mit dem Text. Dann muss man eigentlich nur noch hinterher.» Dass das sehr schön sei, sagt sie auf ihre zurückhaltende Art. Auf eine Weise, aus der ich schliesse, dass sie vor nicht allzu langer Zeit wieder einen Namen gefunden hat. «Das ist dann so ein merkwürdiger Moment, für den man den ganzen Zweifel vorher in Kauf nehmen möchte.» Zum Glück – Judith Hermanns Prosa ist von einer melancholischen Musikalität geprägt, einer gleichzeitigen Klarheit und Fassbarkeit, welche es vermag, sich über Tage hinweg auf das Denken, Fühlen und Sehen der Lesenden zu legen.

Übersichtliches Schreibumfeld

Judith Hermann schreibt zu Hause, im Arbeitszimmer ihrer Berliner Wohnung. „Meine alltägliche, familiäre und private Situation muss so aufgeräumt, ordentlich und klar wie möglich, es muss alles ganz übersichtlich sein. Und ich muss mich in einer ausgesprochen guten und stabilen Verfassung befinden. Es ist ein Irrglaube, den ich früher hatte, dass je schlechter es mir ginge ich umso besser schreiben könne. Das stimmt heute jedenfalls nicht mehr.“ Dass ihr 12jähriger Sohn zur Schule geht und bestimmte, ganz klare Tagesabläufe vorgibt, bindet ihr Arbeiten in einen Rhythmus ein, der ihr gut tut. Dass ihre Arbeit einsam und für andere schwer nachvollziehbar ist, macht ihr jedoch zu schaffen, sie beneidet Leute, die in ein Team eingebunden sind, sich austauschen können.
Es ist Zeit abzuschliessen. Gleich wird Judith Hermann gemeinsam mit der Journalistin Manuela Reichart im Rahmen der BuchBasel über Alice Munro sprechen. Während sie sich im Verlauf des Gesprächs sehr entspannt verhielt, nimmt sie nun wieder Haltung an, ihr Händedruck ist fest, ihr Blick aber nicht mehr kritisch wie zu Beginn, sondern freundlich und warm.

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