gesichtet #14: Zwei einsame Akkorde

Von Michel Schultheiss

Für Spielleute waren die Zeiten in Basel auch schon einfacher. Seit letztem Jahr weht ein rauer Wind: Was sich Kultur- und Humanistenstadt nennt, kommt in Sachen Strassenmusiker nun mit einer Kleinkrämerseele daher. Die Spielzeiten sind präzise auf gelben Tafeln festgelegt: Montag bis Samstag 11.00 bis 12.30 sowie 16.00 bis 20.30. Die gute alte mediterrane Siesta wird also zumindest theoretisch abgehalten – ausser an verkaufsoffenen Sonntagen. Dann dürfen die Musiker von 13.00 bis 18.30 ihre Stücke zum Besten geben. Die Grösse der Ensembles darf maximal vier Personen umfassen – Pech also für jedes Klarinettenquintett. Zudem zählt der so genannte Halb-Stunden-Modus, was heissen will, dass zwischen der halben und der vollen Stunde Darbietungen untersagt sind. Weitere Massnahmen, welche den Regeln eines komplizierten Brettspiels ähneln lauten folgendermassen: Einmal pro Tag darf ein Ort frequentiert werden, dann muss einer mit ausreichender Distanz zum vorherigen Platz und zur nächsten Spieleinheit gesucht werden.

Akkordeon

Auch wenn ihr Repertoire begrenzt ist, gehört sie mittlerweile schon fast zum Stadtbild. (Foto: smi)

Nur eine scheinen diese Vorschriften nicht im Geringsten zu stören. Mit stoischer Ruhe wiegt sie ihr Akkordeon in den Händen, egal ob es nun regnet oder schneit. Da sie ohnehin immer solo und überdies noch sehr piano spielt, dürfte ihre Anwesenheit kaum jemanden stören. Wobei man ja aber nie weiss: Manche Bürgerinnen und Bürger im Strassenmusiker ein neues Feindbild entdeckt. Insbesondere diejenigen Musiker, die im Tram auftreten möchten sie liebend gerne mit noch mehr Vorschriften aus der Stadt verbannen. Oder die Luftblockflötenspieler, bisweilen als schlecht getarnte Bettler angefeindet, werden immer wieder als Beispiele für die Bedrohung einer bevorstehenden Strassenmusiker-Invasion genannt. All dies bringt aber die besagte Akkordeonistin nicht aus der Fassung – sonst würde sie wohl kaum noch regelmässig ihre Stammplätze vor dem Vögele und beim Globus aufsuchen können. Auch wenn ihr Repertoire begrenzt ist und eine meist zufällige Abfolge von zwei Akkorden umfasst, gehört sie mittlerweile schon fast zum Stadtbild. Mit ihrer Neudefinition von Minimal Music entlockt sie einigen Passanten die eine oder andere Münze, vielen auch ein Schmunzeln.

Auch wenn ihre Darbietung kaum melodiöser als eine Pausenglocke ist und sie wenige Passanten dazu bringt, innezuhalten, um ihr zu lauschen, wäre es vermessen, ihr deswegen böse zu sein. Dass sich mit einer Palette von wenigen Akkorden viel machen lässt, haben schon die Punkbands bewiesen. Ähnliches gilt vielleicht auch für die Akkordeonistin: Auch wenn sie sich dessen vielleicht nicht bewusst ist, unterwandert sie mit ihrer einsamen und unkonventionellen, doch immer noch regelkonformen Spielart jegliche Disziplinierungsmassnahmen kleinkarierter Machart. Jedenfalls harrt sie auch jetzt im Winter dort aus. Und dies schon seit Monaten, wenn nicht Jahren. Vielleicht wird sie auch die nächste Welle von verschärften Strassenmusikregeln überleben.

Einige Gedanken zu “gesichtet #14: Zwei einsame Akkorde

  1. dl

    Wenn Städte singen können, dann ist sie einer der Haupttöne von Basels Melodie. Ich höre diese zwei simplen Akkorde vermutlich schon länger, als ich denken kann.


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