Netzbuch (1–4)

Von Ulrich Schödlbauer

Wo soll es langgehen, Bücher? Weiter in Regalen rumstehen und Staub ansetzen, oder doch lieber flügge werden und in eine farbigere Zukunft fliegen? Solcherlei Flugmanöver macht euch jedenfalls kein Tablet oder eBook-Reader nach. Wohin sich digitalen Bücher erst noch träumen müssen, da seid ihr seit Jahrhunderten heimisch: Das Land «Libraria», die unstillbare Lust, an endlosen Regalen vorbei durch endlose Flure zu gehen, Staub in der Nase und Tausende Datenträger, fein säuberlich aufgereiht, entlangflanieren. Solch körperliche Lust wird das WWW nie produzieren. Und doch, Obacht, liebe Bücher: Letzten Endes seid auch ihr zuerst einmal Datenträger! (Foto: www.lucianhunziker.com).

Kann man die Ordnung des Buches im Netzbuch überwinden? Gilt die Chronologie der Entstehung mehr als die Anordnung von Abschnitten und Kapiteln im Buch? Kapitel eines geschriebenen als auch eines erst noch zu schreibenden Werkes können über sich herauswachsen, selbst Bücher werden, sie, die Buchbestandteile. (Foto: www.lucianhunziker.com).

 1. Die Ordnung des Buches

Über annähernd hundert Jahre – nach einer anderen Zählung, solange es Bücher gibt – wurden Bücher geträumt, entworfen, geschrieben, die sensu stricto nicht realisierbar sind, jedenfalls nicht in der Ordnung des Buches, und sie sind die wahrhaft anregenden geblieben, neben denen die anderen muffig wirken, populär oder ‹nicht richtig›. Entwerfe ich ein Netzbuch, muss ich mir die Frage gefallen lassen, ob ich die Möglichkeiten des Mediums richtig taxiere. Ich stelle mir diese Frage auch selbst. Kann ich die Ordnung des Buches nicht loswerden?

Ein Netzbuch ist ein Buch ‹im Netz›: offen zugänglich, von allen Seiten her einsehbar, in Sekundenschnelle von jedem Ort der Erde aus abzurufen, sofern eine Verbindung besteht, jedenfalls näherungsweise, der Idee nach.

Natürlich gibt es Zensur, vielleicht Selbstzensur, bei so viel Offenheit wächst der Wunsch, sich zu verstecken, nicht irgendwo, sondern gerade dort, wo der Trubel herrscht. Auch hier existiert Herrschaft und damit der Wunsch, sich zu widersetzen. Es ist ein Buch: geschrieben, um gelesen zu werden, und sei es vom Verfasser. Aber ist es ein Buch? Mit einzelnen, mechanisch, das heisst nicht-sinnhaft miteinander verbundenen Seiten, mit einer Seitenfolge, einem Oben und Unten, einem Vorn und Hinten, mit Abteilungen, Kapiteln, Abschnitten, Absätzen – Unterteilungen, an die jeder gewöhnt ist, der weiss, was dieses Wort bedeutet? Hat es einen Titel? Einen Untertitel? Zwischentitel? Eine Widmung? Ein Motto? Was hat es nicht? Was hat es darüber hinaus? Ist es ein ‹elektronisches Buch›? Was ist ein elektronisches Buch?

Bücher schreibt man abschnitt- oder kapitelweise. Was nicht heisst: hintereinander. Man stellt die Kapitel, wie man sie braucht: sie sind die mobilen Einheiten des Buches. Zusammen sollen sie eine Sache ergeben, etwas mit Hand und Fuss: eine Abhandlung oder einen Roman. Gleichgültig, in welcher Reihenfolge sie geschrieben wurden, am Ende gilt die, in der sie angeordnet werden. In dieser Reihenfolge ergeben sie einen Sinn. Besassen sie vorher keinen? Natürlich, man hätte sie einzeln publizieren können und manche Bücher sind nichts weiter als Sammlungen von Aufsätzen oder Erzählungen, die am losen Faden eines Einfalls aufgereiht wurden. Das sind mit Nachsicht oder sogar Wohlwollen betrachtete Mogelpackungen. Kapitel sind anders. Wann ergeben sie ein Buch? Warum ergeben sie ein Buch?

Ein Buch hat ein Thema: das Kapitel hat auch eins. Ein Buch bildet eine Einheit: das Kapitel auch. Ein Buch bringt ein Thema zu einem (vorläufigen) Ende: nicht anders das Kapitel. Das Buch steht in Zusammenhängen: das Kapitel auch. Hier ist kein Durchkommen. Das Kapitel ist ein kleines Buch, das Buch – ein grosses? Aber das ist ein relatives Kriterium, wie jeder Leser weiss. Kapitel können sich auswachsen, können zu Büchern werden, wie jeder Autor weiss. Soll heissen: Sie sprengen das erdachte Gefüge. Demnach bilden sie zunächst ein Gefüge. Sie fügen sich zusammen (oder auch nicht). Jedenfalls misst sich ihre Brauchbarkeit daran, ob sie einen Platz innerhalb des erdachten Gefüges einnehmen oder einnehmen können.

Was ist ein Gefüge? Fürs erste ein Bild, eine Metapher, abgelesen an einfachen Handlungen des Aneinander- oder Zusammenfügens: das Zusammengefügte muss wohl ein Gefüge bilden. Dennoch stockt der Sprachsinn an dieser Stelle: Ist ein Stuhl ein Gefüge? Ein Tisch? Eine mechanische Uhr? Eine Lampe? Ein Kugelschreiber? Ein Computer? Eine Seite, bedeckt mit Worten? In gewisser Hinsicht, ja. In anderer also nicht? Ein Gefüge ist ein Verbund: Das Zusammengefügte muss sich zu etwas verbinden, das es so vorher nicht gab. Das trifft auf die gewählten Beispiele zu. Ein Kugelschreiber ist ein Kugelschreiber, nicht die Summe seiner Bestandteile. Allerdings kann man ihn jederzeit in seine Bestandteile zerlegen, ohne ihn zu zerstören: man kann ihn wieder zusammenschrauben. Kann man ein Gefüge zerlegen, ohne es zu zerstören? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Eher nicht: Besser man lässt es, wie es ist. Warum? Weil das Wort Zerstörung ihm näher steht: ein zerlegtes und wieder zusammengesetztes Gefüge ist vielleicht nicht mehr dasselbe.

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4 Gedanken zu “Netzbuch (1–4)

  1. flo

    Jorge Luis Borges hätte sich wohl für den folgenden Gedankengang interessiert:

    «Andererseits geht sein (ebenfalls dynamisches) Verweissystem so sehr über alles hinaus, was die ausgeklügeltste Bibliothek zu leisten vermag, dass sich auch diese Analogie verbietet.»

    Inwiefern kommt das Netzbuch der «Bibliothek von Babel» nahe?

  2. Workaholic

    Es würde mich interessieren, wie der Verfasser zur Thematik Leistungsurheberrecht steht.

    Wie und warum etwa sollen WWW-Distributoren den klassischen Verlagen überlegen sein, so lange es ein Ding der Unmöglichkeit ist, seine WWW-Texte ordentlich zu schützen und wenigstens ein bisschen Geld dafür zu bekommen?

    Bei klassischen Verlagen ist wenigstens klar, die Bücher werden im Laden gekauft und nicht fotokopiert und irgendwo als Datei ins Netz gestellt …

  3. Ulrich Schödlbauer

    Die Verrechtlichung des Internet und die Durchsetzung der Autorenrechte in diesem Medium wurden von mir nicht behandelt. Generell dürfte ein Plagiat oder eine Raubkopie im Netz leichter erkennbar zu sein, wenn die authentische, vom Verfasser freigegebene Publikation ebenfalls im Netz steht. Dass Verlage ihre Rechte auch im Internet, selbst auf internen Plattformen, energisch durchzusetzen wissen, haben sie bereits bewiesen. Die Frage an die Zukunft wäre daher, was unter WWW-Distributoren zu verstehen ist und welche Leistungen sie mit den Autoren aushandeln. Das steht natürlich in engem Zusammenhang mit den Verdienstmöglichkeiten im Netz und ihrer Ausgestaltung.

  4. gsz

    Wo alleiniger Besitz und daraus resultierende Abgeltung illusorisch sind, muss man wenigstens die Top-Domains, auf welchen eigene Inhalte erscheinen, selbst gestalten und kontrollieren.

    Wenn Google schon alles, was ich jemals schrieb, zusammenträgt, will ich wenigstens die Ursprungsquelle gestalten und kontrollieren.

    In dem Sinn wären WWW-Distributoren Fürsprecher der AutorInnen, Plattformen der Sichtbarkeit und des Sichtbarbleibens, zugleich ’sichere Häfen‘, in denen man vor den Zumutungen des Betriebs ein Stück weit in Sicherheit ist, wo der künstlerische Anspruch mehr Gewicht hat als vorauseilende Anpassungen an Lektoren und Agentinnen.

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