Netzbuch (1–4)

3. Die Buch-Mensch-Maschine

Wo soll es langgehen, Bücher? Weiter in Regalen rumstehen und Staub ansetzen, oder doch lieber flügge werden und in eine farbigere Zukunft fliegen? Solcherlei Flugmanöver macht euch jedenfalls kein Tablet oder eBook-Reader nach. Wohin sich digitalen Bücher erst noch träumen müssen, da seid ihr seit Jahrhunderten heimisch: Das Land «Libraria», die unstillbare Lust, an endlosen Regalen vorbei durch endlose Flure zu gehen, Staub in der Nase und Tausende Datenträger, fein säuberlich aufgereiht, entlangflanieren. Solch körperliche Lust wird das WWW nie produzieren. Und doch, Obacht, liebe Bücher: Letzten Endes seid auch ihr zuerst einmal Datenträger! (Foto: www.lucianhunziker.com).

Bücher erwerben und Informationsbesorgung sind zweierlei Paar Schuhe. Gedanken wollen Papier werden, gebunden werden wollen sie, transportiert, besprochen, ins Regal gestellt werden. Gedanken gelten Büchern, Buchgedanken Manuskripten, Manuskripte dem Wunsch, Maschinerien in Gang zu setzen: Herstellung, Vertrieb, Verwahrung. (Foto: www.lucianhunziker.com).

Ein Buch, wie immer man es ansieht, ist ein Prestigeunternehmen: für den, der es schreibt, wie für den, der es liest. Für den Verlag, der es herausbringt, ist es eine Ware, die sich verkaufen soll, aber verkauft wird es über sein Prestige. Alle sind an der Herstellung dieses Produkts beteiligt: Autor, Verlag, Leser, dazu die Medien, in denen es beworben, besprochen und sogar verteilt wird. Ein Buch erwerben ist etwas anderes als sich eine Information besorgen. Ein Bücherschrank ist ein Heiligtum, ein Bücherregal Ausweis einer intellektuellen Existenz. Man kann die Frühgeschichte des Buches nicht von seinem Erfolg lösen. Ein Buch ist etwas Kostbares, ein Schundbuch eine Schändung des Buchs oder ein geheimer Schatz.

Das Buch, das in sich ein Gefüge ist, bewegt eine Maschinerie, es repräsentiert diese Maschinerie und es lebt davon, dass diese Maschinerie wirklich existiert. Das Buch lebt vom System, das es hervorbringt, so wie das System von ihm lebt. Die Arbeit des Autors bildet dieses System ab, sie schafft ihm eine interne Repräsentanz.

Der Gedanke will Papier werden, er will gebunden, transportiert, verteilt, besprochen, beredet, befingert und ins Regal gestellt werden, damit irgendjemand ihn bei Bedarf hervorholt. Was ist das für ein Gedanke? Die Buchförmigkeit ist sein Begleiter, sein Schatten, sein Mit-Gedanke, der sich nicht von ihm lösen lässt, ohne ihn zu zerstören.

Zu zerstören? Ist der Gedanke, dieser einfache, klare oder weniger einfache, weniger klare, scheinbar selbstbezügliche Gedanke am Ende bereits – ein Gefüge? Eine Verschwörung zur Hervorbringung eines Buches?

Natürlich will der Gedanke nichts dergleichen: das ist eine blosse Redensart. Aber in dieser Redensart steckt mehr als eine Psychologie des Bücherschreibens. Gedanken werden buchförmig gedacht, so wie Kapitel buchförmig gedacht sind: nicht in sich selbst ruhend, nicht im Spektrum ihrer Verknüpfungen ruhend, sondern bezogen auf die Maschinerie von Tätigkeiten, die das System von Herstellung, Vertrieb und Verwahrung umfasst. Diese Maschinerie sollen sie irgendwann in Gang setzen: für sich, für den Autor, für die Wahrheit oder irgendeine Abart derselben: meine Wahrheit, die Wahrheit über, die Wahrheit des Bücherschreibens selbst als einer Tätigkeit, die klar, lauter, schwierig, anstrengend und lobenswert ist.

Im Buch steckt also der Buchgedanke, im Gedanken, der Buch werden soll, ebenfalls. Man kann auch sagen, das Buch ist ein Medium. So zu reden setzt die Existenz anderer Medien voraus. Es setzt voraus, dass man das Spiel ein Stückweit durchschaut hat. Das ist nicht schwer, die Auslassungen über das Bücherschreiben füllen eine eigene Bibliothek. Wichtiger scheint die Aussage, dass das Buch ein System ist, das eine innere Repräsentanz besitzt. Worin besteht diese innere Repräsentanz? Das innere Buch, kann man sagen, ist ein Anwärter. Das Schreiben eines Buches begründet eine Art von Anwartschaft darauf, gedruckt, vertrieben, besprochen, gekauft, gelesen und in Bibliotheken verwahrt zu werden. Man kann nicht sagen, die Anwartschaft sei begründet oder unbegründet: sie ist in jedem Fall real. Der Anwärter entscheidet nicht über die Aufnahme, aber er arbeitet ihr entgegen: durch geeignetes Tun, durch geeignetes Unterlassen, durch geeignetes Sein. Der ideale Anwärter ist der Berufsschriftsteller.

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4 Gedanken zu “Netzbuch (1–4)

  1. flo

    Jorge Luis Borges hätte sich wohl für den folgenden Gedankengang interessiert:

    «Andererseits geht sein (ebenfalls dynamisches) Verweissystem so sehr über alles hinaus, was die ausgeklügeltste Bibliothek zu leisten vermag, dass sich auch diese Analogie verbietet.»

    Inwiefern kommt das Netzbuch der «Bibliothek von Babel» nahe?

  2. Workaholic

    Es würde mich interessieren, wie der Verfasser zur Thematik Leistungsurheberrecht steht.

    Wie und warum etwa sollen WWW-Distributoren den klassischen Verlagen überlegen sein, so lange es ein Ding der Unmöglichkeit ist, seine WWW-Texte ordentlich zu schützen und wenigstens ein bisschen Geld dafür zu bekommen?

    Bei klassischen Verlagen ist wenigstens klar, die Bücher werden im Laden gekauft und nicht fotokopiert und irgendwo als Datei ins Netz gestellt …

  3. Ulrich Schödlbauer

    Die Verrechtlichung des Internet und die Durchsetzung der Autorenrechte in diesem Medium wurden von mir nicht behandelt. Generell dürfte ein Plagiat oder eine Raubkopie im Netz leichter erkennbar zu sein, wenn die authentische, vom Verfasser freigegebene Publikation ebenfalls im Netz steht. Dass Verlage ihre Rechte auch im Internet, selbst auf internen Plattformen, energisch durchzusetzen wissen, haben sie bereits bewiesen. Die Frage an die Zukunft wäre daher, was unter WWW-Distributoren zu verstehen ist und welche Leistungen sie mit den Autoren aushandeln. Das steht natürlich in engem Zusammenhang mit den Verdienstmöglichkeiten im Netz und ihrer Ausgestaltung.

  4. gsz

    Wo alleiniger Besitz und daraus resultierende Abgeltung illusorisch sind, muss man wenigstens die Top-Domains, auf welchen eigene Inhalte erscheinen, selbst gestalten und kontrollieren.

    Wenn Google schon alles, was ich jemals schrieb, zusammenträgt, will ich wenigstens die Ursprungsquelle gestalten und kontrollieren.

    In dem Sinn wären WWW-Distributoren Fürsprecher der AutorInnen, Plattformen der Sichtbarkeit und des Sichtbarbleibens, zugleich ’sichere Häfen‘, in denen man vor den Zumutungen des Betriebs ein Stück weit in Sicherheit ist, wo der künstlerische Anspruch mehr Gewicht hat als vorauseilende Anpassungen an Lektoren und Agentinnen.


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