Mein erster Freund unter den Toten: Der Sonntag

Von Stefan Buttliger

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Am heutigen Texttag präsentieren wir Ihnen die erste von fünf Folgen unserer neuen literarischen Serie «Mein erster Freund unter den Toten» von Stefan Buttliger. Es ist die Geschichte von drei Freunden: Der erste ist tot, der zweite lebt und der dritte erinnert sich. (Foto: Stefan Buttliger)

Zwei Studenten machen in Agia Napa auf Zypern Urlaub. Erst wenige Wochen sind vergangen, seitdem ihr gemeinsamer Freund sich das Leben genommen hat. Inmitten von Meerespanoramen, muskelbepackten Strandgängern, verheirateten Russinnen, Retsina und antitürkischer Propaganda, lebt der Freund unter den Toten auf.

«Ich hab ja was erlebt damals, das war so lustig, aber lachen konnte ich erst ein paar Tage später. Nein, eigentlich schon nach ein paar Stunden … ja, nach ein paar Stunden, als ich es meiner Mutter erzählt habe.»

«Was hast du erlebt?», fragte Simon.

«Ich trat ins Büro meiner Chefin. Sie war nicht da, also wartete ich. Nach einigen Minuten kam Yusuf rein, er ist einer der Festangestellten. Wir begrüssten einander, und er fragte mich: Was tust du hier? Ich erzählte ihm, soeben hätte ich erfahren, dass ein guter Freund von mir sich das Leben genommen hat, und ich wolle unsere Chefin um Erlaubnis bitten, deswegen nach Hause zu gehen. Um es den anderen Freunden zu sagen und um Dinge zu organisieren, weisst du, sagte ich. Zum Beispiel ist am Samstag die Abdankungsfeier. Bis dahin hatte Yusuf zugehört. Jetzt fragte er: ‹Was? Ihr feiert, dass er sich umgebracht hat?›»

Ich sah Simon an, dass er darüber lachen wollte, dass er sich zurückhielt, weil er dachte, es könnte mich verletzen; dass er sich an meine Ankündigung erinnerte, ich hätte eine lustige Geschichte erlebt, und dass dies ihn von seinem Vorbehalt befreite: Da wurde das nie ganz schwindende Lächeln in seinem Gesicht zu einem bedachten, geradezu sorgfältigen Lachen.

«Nein, sagte ich zu ihm, das sagt man einfach so, weisst du. Abdankungsfeier. Das heisst nicht, dass man wirklich feiert.»

«So lustig», sagte Simon, und er war zu seinem Lächeln zurückgekehrt. Wenn ich ihn mir jetzt vorstelle, muss ich mich korrigieren: Simon lächelt nicht, er strahlt, er strahlt den ganzen Tag, und zwar nicht nur sein Gesicht, sogar seine Ohren strahlen und die Muskeln auf seinem Rücken.

Ich dachte: Simon findet es überhaupt nicht lustig. Diese Art Humor ist ihm verschlossen. Aber Fabio hätte sich amüsiert. Und ich stellte mir Fabio vor, wie er als Dritter hier neben uns auf dem breiten Trottoir der Hauptstrasse von Agia Napa ins Nirgendwo ging. Vielleicht nicht neben, sondern zwischen uns: Simons breite Schultern rechts und meine schmaleren, aber im Vergleich zu Fabios immer noch breiten Schultern links von ihm.

Ins Nirgendwo, dachte ich. Als wir aus unserem Hotel getreten und uns nach rechts gewandt hatten, waren wir vor einem Niemandsland aus Macchia gestanden, die den scharfen Geruch von Raubtieren im Zoo verströmt hatte, aus sandiger Erde, die im Licht der Strassenlaternen gelb erschienen war, sich aber später als rot erwies, und aus einem Himmel, von dem ich gedacht hatte, er müsse schwärzer sein als in der Schweiz, der aber erhellt gewesen war von Larnaca zur Rechten und vom Zentrum von Agia Napa zur Linken. Die Hauptstrasse führte in dieses Niemandsland und vermutlich zu einer britischen Militärbasis und irgendwann nach Larnaca. Eine letzte Bushaltestelle verstaubte am Strassenrand. Sie trug den Namen WATERPARK und ein Werbeplakat für etwas, das ich mir als eine tristere Variante des Alpamare vorstellte, obwohl ich noch nie im Alpamare gewesen war. Familien aus Russland spazierten auf den Trottoirs in Richtung Larnaca, blonde Väter mit Stoppelfrisur schoben Kinderwägen dorthin und Mütter folgten ihnen und plauderten mit ihren Schwestern oder mit ihren Freundinnen und zogen Parfümschwaden nach sich, die bald wieder dem Raubtiergeruch der Macchia wichen. Zwei oder drei dieser Familien kamen an uns vorbei, während wir auf den Bus warteten, und ich fragte mich, wohin sie unterwegs waren und ob sie genauso im Niemandsland verschwinden würden wie die Scharen russischer Soldaten, die in den Weltkriegen von der Steppe geschluckt worden waren. Gerade wollte ich Simon sagen, dass Russen meiner Ansicht nach zum Verschwinden neigten, seit wir Europäer überhaupt von ihnen wussten, oder aber zum Aus-dem-Boden-Wachsen, und ihn fragen, woran das wohl liege, als Simon den Bus sah. «Der Bus», rief er, und wir rannten. Wir hatten vergessen, dass auf Zypern Linksverkehr gilt, und deshalb hatten wir auf der falschen Strassenseite gewartet. Die richtige Bushaltestelle hatten wir übersehen, da sie nicht der unseren gegenüber stand, sondern hundert Meter weiter vorne im Niemandsland, kurz bevor die Strasse eine Kurve beschrieb und in die Nacht führte. Simon rannte voraus, sprach mit dem Fahrer und hatte schon zwei Fahrkarten gekauft, als ich den Bus erreichte. Die russischen Familien sassen im Bus und schwatzten. Ein Kind weinte.

Nach zwei, drei Haltestellen hatte sich der Bus so weit mit Russen und Briten gefüllt, dass Simon und ich einander ins Ohr sprechen mussten, und bald gaben wir es auf. Zum ersten Mal, seit wir uns am Nachmittag in Zürich auf dem Flughafen getroffen hatten, fühlte ich mich alleine, und ich war froh. Ich lehnte mich zurück und spürte die trockene Kälte der Klimaanlage auf meinen Unterarmen und in meinem ganzen Körper das Vibrieren des Busses. Ich sah in die Nacht hinaus. Toga Strip Club. Agia Napa Casino. Luigi’s Authentic Italian Restaurant. Russen in kurzen Hosen. Russinnen in Sommerkleidern. Eine Gruppe dicklicher Fünfundzwanzigjähriger, vermutlich Britinnen, die eine umringt von allen anderen, sie zeigte etwas auf ihrem i-Phone. Ein Pfandleihegeschäft. We take gold, jewellery, watches. Palmen in Töpfen. Domino’s Pizza. Kentucky Fried Chicken. Ming Lee’s Asian Kitchen and Cypriotic Meze. Мы говорим по-русски. Scandinavian Church. The Flintstone’s Pub. Karaoke. Ein Rummelplatz, auf dem zwei pink und hellblau beleuchtete Stahlkonstruktionen wie Victory-Finger in den Himmel zeigten.

Ich dachte: Bin ich ein intellektueller Snob, wenn ich diesen Ort für einen der schlimmsten denkbaren halte?

Seitenblick auf Simon. Er strahlte.

Wir stiegen aus und beschlossen, zum Meer zu spazieren. Nach zehn Minuten hatten wir es gefunden, und wir lauschten dem Rauschen der Wellen und ich bekam Sand in meine Schuhe. Nachher suchten wir ein Restaurant.

«Seltsamer Ort“, sagte ich, als wir das erste verworfen hatten, und meinte damit Agia Napa, nicht das Restaurant, von dem wir uns gerade entfernten. Ich drückte mich so behutsam aus, weil ich Simon nicht den Spass verderben wollte.

Zu meiner Überraschung stimmte er sofort zu. «Ja, gell. Es hat so eine Art Leere. Keinen Inhalt. Es ist ein bisschen trostlos. Aber du wirst sehen, wenn wir ausgehen, wird’s anders. Irgendwo hier muss man ausgehen können. Richtig, meine ich, nicht nur diese Pubs.»

«Man kann hier sicher irgendwo ausgehen, und es wird sicher cool», sagte ich. «Ja, eine Leere, das empfinde ich auch so.» Ich dachte: Ich fühle nicht nur Leere, sondern es ist so, als ob mir der Tod hier jeden Augenblick auf die Schulter tippen würde.

Dann erzählte ich die Anekdote im Büro meiner Chefin, und wir kamen wieder auf Fabio zu sprechen und blieben bei ihm, bis wir ein Restaurant gefunden hatten, das sich Greek Tavern nannte und das halb leer stand.

Ich ass Lamb Kleftiko und Simon Greek Mixed Grill Plate. Wir tranken Retsina. Auf der Etikette stürzte ein Strichmännchen einen Humpen Wein hinunter, und ein goldener Schlüssel steckte in seinem Bauch: vermutlich der Geist des Weins, der seine Seele öffnete, die der Meinung des Zeichners nach offenbar im unserem Magen wohnte.

«Dieses Bild erinnert mich an etwas, das Kleist geschrieben hat», sagte ich zu Simon, «da unterhalten sich zwei übers Tanzen, und der eine sagt, die Seele des Tänzers müsste sich eigentlich immer in seinem Schwerpunkt befinden, dann wäre sein Tanz ideal. Aber in Wirklichkeit sitze sie dem einem Tänzer im Nacken und dem anderen im Ellbogen.»

Simon strahlte und sagte: «Es ist zu bedauern, dass Kleist keinen Retsina kannte.»

«Vielleicht hätte er sich dann nicht das Leben genommen», sagte ich. Sofort tat es mir leid, wieder von Selbstmord angefangen zu haben. «Du hast mal was über Kleist geschrieben, stimmt‘s?»

«Über den Prinzen von Homburg», antwortete Simon. „«Frühlingssemester 2011.»

Ich entfernte Lammfasern aus meinen Zähnen. Wir tranken den Retsina aus. Eine magere Katze gesellte sich zu uns, und wir streichelten sie. Simon erklärte mir, es handle sich dabei um ein Exemplar einer anderen Rasse, als es sie in der Schweiz gebe, deshalb sei die Katze so dünn, dafür könne sie lauter miauen.

«Wir können ja die beiden Französinnen da hinten fragen, wo man in Agia Napa ausgehen kann», schlug Simon vor.

«Ja, können wir», sagte ich, und ich wusste, dass ich heute überhaupt mit keinem Fremden mehr sprechen wollte ausser mit dem Kellner. Ich lenkte mein Bewusstsein in meine Beckengegend. Dort fühlte ich nicht das angenehme Kribbeln, das ich empfinde, wenn ich eine Frau sehe, die mir gefällt, sondern ein nervöses Ziehen. Die erste Frau, mit der ich geschlafen habe, sagte mir nach der zweiten Nacht mit ihr nicht ohne Zuneigung, ich sei ein bisschen kompliziert: «Du besch e chli-n-e Komplizierte.» Das nahm ich fast mit Stolz zur Kenntnis. Ich war lieber kompliziert und halb glücklich als ganz glücklich und einfach. Jetzt dachte ich, dass ich offenbar immer noch ein bisschen kompliziert war, und ich lächelte.

Simon war weniger kompliziert, aber ihm schien der Mut zu fehlen, zu den Französinnen hinzugehen. Also blieben wir sitzen, und die Französinnen zahlten und standen auf. Simon bestellte a Cypriotic coffee. Ich versuchte das Meer zu hören, aber obwohl wir auf der Terrasse sassen, wurde es von der griechischen Musik übertönt, die aus dem Restaurantgebäude drang.

Der Kellner hatte uns erklärt, wo man ausgehen konnte. «Gehen wir aus?», fragte Simon, und ich sagte, ja, ich käme gerne mit, ich sei aber müde und ginge wahrscheinlich bald ins Hotel, und Simon sagte ja sicher, ja sicher, auch er sei müde, aber das Ausgehviertel wolle er schon noch sehen, und ich stimmte ihm zu, auch ich wolle das Ausgehviertel noch sehen.

Wir zahlten, standen auf und schlenderten durch die weite, leere Restauranthalle, deren Wände hellblau gestrichen waren, deren Boden Bilder im Mosaikstil aufwies, auf deren weissen Tischen Menükarten in Russisch und Englisch standen. Hummer krochen auf dem Grund eines Aquariums herum. Die Kellner sagten Goodbye, Simon sagte καληνύχτα.

Ich fragte Simon: «Kannst du dich erinnern, dass der Pfarrer gesagt hat, unsere Beziehung mit einem Menschen höre nicht auf, wenn er sterbe, sondern sie verändere sich nur?»

«Ja», sagte Simon. «Ja, ich kann mich erinnern. Ja, das habe ich mega interessant gefunden.»

«Ich habe damals Lea gesagt: Fabio ist mein erster Freund unter den Toten.»

«Genau, ja, ich erinnere mich, das hat sie mir erzählt. Das hat sie sehr getröstet.»

«Ich hab manchmal das Gefühl, Fabio stehe neben mir. Jetzt zum Beispiel. Ich möchte ihm gern auf die Schulter klopfen und sagen: Na, Alter, wie hast du’s da drüben?»

«Ich denke auch oft an ihn.»

«Vielleicht ist es sogar einfacher, eine Beziehung mit einem Toten zu haben als mit einem Lebendigen, denkst du nicht?»

«Wieso meinst du?»

«Ein Toter hört dir immer zu. Ein Toter kommt nie zu spät, er will nie was anderes als du, du musst nach einem Restaurantbesuch nie die Rechnung aufdröseln.»

«Auf eine gewisse Weise hast du Recht», sagte Simon.

«Hm», machte ich.

«Jetzt hab ich Angst. Erschlägst du mich heute Nacht im Schlaf?»

«Keine Sorge, ich lass dich am Leben», sagte ich, und wir lachten.

Simon begann wieder zu strahlen, und ich merkte, dass er mir Zeit gab, mein Thema wieder aufzunehmen, falls ich wollte. Da ich es nicht tat, sagte er: «Jetzt bin ich irgendwie doch wieder fit, um auszugehen. Du?»

«Schaun wir mal», sagte ich. Wir gingen am McDonald’s vorbei. Die Nacht war jung und ich wollte in meinem Hotelzimmer sein.


Stefan Buttliger studiert in Zürich Deutsch, Englisch und Sanskrit. Kurzgeschichten und Erzählungen aus seiner Feder sind in den Literaturmagazinen Narr und Asphaltspuren sowie auf zeitnah.ch erschienen. «Mein erster Freund unter den Toten» hat er im Herbst 2012 in der «Textstatt» verfasst, der Literaturwerkstatt für junge Schreibende des Aargauer Literaturhauses. Stefan Buttliger dankt Ulrike Ulrich vom Aargauer Literaturhaus für ihre gekonnte und inspirierende Begleitung beim Schreiben, Dominik Holzer für viele Rückmeldungen als Leser und Gregor Szyndler und der «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012»-Redaktion für das kompetente Redigieren und Bearbeiten.

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