gesichtet #31: Schmucke Geschosse

Von Michel Schultheiss

Welten können bisweilen aufeinanderprallen – so etwa, wenn der Tag der Arbeit auf die Baselworld fällt. Unmittelbar neben den luxuriösen Gefilden der Uhren- und Schmuckmesse fand der Abmarsch des traditionellen 1. Mai-Umzuges statt. Rote Flaggen mischten sich unter die blauen Baselworld-Wimpel und vor dem Hintergrund der neuen Messehalle prangerte ein Transparent die Situation der Arbeitenden während der Bauphase an. Zudem kreuzten gelegentlich ein paar erstaunte asiatische Geschäftsmännner auf ihrem Gang zum Messeplatz den Weg mit den Demonstranten.

Bischuggerie

Wenn Gummigeschosse eine neue Verwendung finden: Das «Bischuggerie»-Geschäft auf dem Basler Barfüsserplatz (Foto: smi).

Wie unterschiedlich die beiden Anlässe auch sein mögen: Schmuck wurde an beiden Orten feilgeboten. Bei der Baselworld war er omnipräsent, beim 1. Mai-Fest am Barfüsserplatz war er nicht auf den Blick zu sehen. Am Stand der Gruppierung «Revolutionärer Aufbau» war er dennoch zu sichten. Unter dem Motto «Bischuggerie» fand eine junge Frau eine neue Verwendung für Gummigeschosse. Die Fundstücke stammen von einer Demo aus dem Jahr 2011 in Zürich. Damals ging die Polizei gegen die Gegendemonstranten von Abtreibungsgegnern vor. So viel Gegnerschaft auf einmal hinterliess reichlich Sammelgut. Die Bischuggerie-Initiantin fand daraufhin eine neue Verwendung für die Relikte wilder Strassenschlachten. Mit bunten Drähten versehen dient die Munition nun als Accessoire.

Dass die Kritik am Einsatz der nicht ungefährlichen Geschosse auf sarkastische Art geäussert werden kann, wurde schon 1980 bewiesen. Beim legendären Auftritt von «Herrn und Frau Müller» in der Sendung CH-Magazin über die Zürcher Jugendunruhen wurde die Munition bei den Polizeieinsätzen mit ins Studio gebracht: Die als biedere Vertreter der Law & Order-Fraktion verkleideten Aktivisten hauten damals die anderen anwesenden Diskussionsteilnehmer in die Pfanne. Sie bemängelten, dass diese «Gummipatrönli» viel zu wenig effizient seien, um einen Armeeeinsatz mit scharfer Munition einzufordern. Somit nahmen sie ihren sichtlich verdatterten Gegnern den Wind aus den Segeln. Über drei Jahrzehnte später ist und bleibt der Einsatz von Gummigeschossen umstritten. Auch wenn es die besagten Objekte wohl kaum an die Baselworld schaffen werden, bleibt zu hoffen, dass sie vermehrt an Halsketten als in Form von abgefeuerten Schrotladungen zu sehen sein werden.

 

 

 

 


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