Mein erster Freund unter den Toten: Der Montag

Von Stefan Buttliger

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Am heutigen Texttag präsentieren wir Ihnen die zweite von fünf Folgen unserer neuen literarischen Serie «Mein erster Freund unter den Toten» von Stefan Buttliger. Es ist die Geschichte von drei Freunden: Der erste ist tot, der zweite lebt und der dritte erinnert sich. (Foto: Stefan Buttliger)

Während die Ferien erst so richtig beginnen, mit Sonne und Strand und mit Flip-Flops, die Gegenwart am türkisfarbenen Meer nur so genossen und aufgesogen sein will, kommen die Erinnerungen an den toten Freund immer wieder ans Licht.

«Mega geil», sagte Simon.

«Ja», sagte ich.

«U huere geil. Schau dir mal dieses Meer an.»

«Ja, es ist geil.»

«Schau doch mal. So türkis. Und so klar.»

«Ja.»

Ich fühlte die Riemen der brasilianischen Strandsandalen, die mein Stiefbruder mir aus Verlegenheit zu Weihnachten geschenkt hatte, zwischen meine Zehen schneiden. Ich sah einen Strand: einen Kilometer lang, gelber Sand. Hunderte, vielleicht tausende von Sonnenschirmen, blau, grün, weiss, staken in Halterungen an Plastikliegen. Rettungsschwimmertürme schauten aufs Meer hinaus. Die Uferlinie war etwas gekrümmt und wirkte deswegen wie die Hälfte eines Amphitheaters. Da draussen tummelten sich einige Dutzend Schwimmer und Spaziergänger; das Wasser musste seicht sein. Ich dachte: Wenn man hinausschwimmt und sich nach links dreht, in Richtung Osten, kann man vielleicht Syrien sehen. Ich erfuhr erst nachher, dass Syrien zu weit weg ist. Damals am Strand sagte ich mir, dass alle diese Badenden da in die falsche Richtung blickten, dass die Weltgeschichte sich jetzt im Osten abspielte, nicht im Süden, in Ägypten, wie vor eineinhalb Jahren noch; und dass da im Osten, etwa so weit entfernt von Agia Napa wie Lausanne, wenn man in Zürich war, jeden Tag Menschen erschossen und in die Luft gesprengt wurden. Simon hatte sich Sorgen gemacht. Auf dem Flug hatte er mir erzählt: Drei Prozent des südzypriotischen Territoriums gehörten zum Vereinigten Königreich, da von den Briten als Militärbasis abgesteckt. Im Falle eines Krieges der NATO gegen die Syrer würden die meisten der Kampfflugzeuge von Zypern aus starten. Vielleicht würde Assad die Basen beschiessen. Vielleicht den Flughafen in Larnaca. Vielleicht könnten wir nicht mehr zurück. Nicht das Schlimmste, hatte ich gefunden, und wir hatten einander mit Rotwein zugeprostet. Nein im Ernst, hatte ich gesagt. Man kann der Geschichte nicht entfliehen. Und ich meine, selbst wenn uns das gelänge: Da ist immer noch die Klimaerwärmung, die verfolgt uns überallhin. Also warum nicht Zypern. Dann hatte ich gedacht: Es ist, als ob Zypern unsere Konzession an unser politisches und soziales Gewissen wäre: Wenn schon ein Ort wie Agia Napa, wenn schon tequila sexo marihuana, dann wenigstens auf Zypern, dann wenigstens dort, wo wir dem Krieg am nächsten sind. Aber das hatte ich Simon nicht gesagt, und er hatte gestrahlt, gesagt, es werde sowieso nichts passieren, und das Thema gewechselt.

Ich erinnere mich jetzt an Fabio. Ich sehe ihn vor mir, wie er sich über den Sand getastet hätte: die Zehen nach innen gewandt, den Blick im Schatten des Schirms seiner weissen Baseballkappe versteckt. Am Ende wog er vielleicht noch fünfundfünfzig Kilo. Vielleicht zweiundfünfzig. Jetzt fällt mir ein: Auch damals erinnerte ich mich an Fabio: Als ich vor mir auf Simons Rücken und über seinen Schultern die Muskeln wie eine kugelsichere Weste sich drängen sah. Ich hätte Simon sagen wollen: Weisst du noch, wie dünn Fabio am Ende war? Aber nein, du hast ihn nie so gesehen, du warst ja in London die letzten zwei Monate. Erst, nachdem du gegangen bist, hat das Abmagern begonnen. Simon hätte geantwortet: Es ist schon krass. Ja, hätte ich gesagt, das war die Schlaflosigkeit, die Verdauung funktionierte nicht mehr richtig und der Appetit war weg. Aber ich sagte nichts, ich folgte Simons Spur im Sand und sah auf meine Zehenspitzen und dachte an Fabio, und jetzt denke ich wieder an Fabio. Ich sah ihn zum letzten Mal: am Bahnhof in Aarau, wir sagten ciao zueinander, er wollte sein Leben in Ordnung bringen. Ich sprach mit ihm zum letzten Mal über sein Leben: auf einer Wiese über dem Brienzersee, den Abend zuvor. Wir hatten uns am Morgen getroffen, Schlafsack, Rucksack, Kocher im Gepäck, in Brienz stiegen wir aus dem Zug, an der Anlegestelle sahen wir über den See, Israelis warteten auf das Schiff. Wir zogen los, und Fabio erzählte mir, warum er der Meinung sei, Radiohead hätten sich überlebt. Wir umrundeten den See und picknickten neben Zirkusleuten, die hinter ihren Wohnwagen in der Sonne sassen, ein Mutiger ging schwimmen, ein anderer bekam seine Haare geschnitten, eine, die zehn Jahre älter war als wir, aber nicht zu alt für uns, lag im Bikini auf dem Pier. Ein Pfad durch Farn über feuchte Steine führte uns bergauf. Fabio hatte in der Nacht zuvor vielleicht zwei Stunden geschlafen. Er konnte fast gar nicht mehr. Es tat ihm leid um die Tour, aber er musste nach Hause. Auf dem Rückweg kamen wir an einer Hütte vorbei, hinter ihr, auf einer Kuppe, stand eine andere, links von der ersten eine Wiese zwischen Tannen mit Gras hoch wie Getreide. Hier, sagte Fabio, kann ich vielleicht schlafen. Bleiben wir hier?, fragte ich. Bleiben wir hier, sagte Fabio. Du kannst dir’s ja immer noch anders überlegen, der letzte Zug fährt in fünf oder sechs Stunden, sagte ich. Fabio blieb dabei. Wir stellten das Zelt auf und rollten Baumstammstücke zurecht, die jemand zum Sitzen auf die Wiese gebracht hatte. Unter dem ersten fanden wir eine Blindschleiche, unter dem zweiten zwei. Die Stücke kamen neben die Feuerstelle. Wir sammelten Holz, und die Grillen wurden lauter. Es dauerte lange, bis das Wasser kochte. Fabio zupfte auf seiner Ukulele. Beim Abendessen wurde das Licht violett. Als wir durch den Tannenwald zum Bach hinunterstiegen, um uns zu waschen und die Zähne zu putzen, dachte ich: Es streichelt mich, das Licht streichelt mich, mich und Fabio und die Erde und die Tannen. Das Wasser verschlug uns vor Kälte den Atem. Ich sah, wie der Bach meinen Zahnpastaschaum in Fäden und Bläschen davontrug. Unter der Haut auf Fabios Schultern und Brust konnte ich viele kleine Knochen sehen. Die Kälte des Wassers brannte. Als ich mich getrocknet hatte, wärmte sie mich wie ein Glas Cognac. Ich zog die Socken über meine nassen Füsse und drängte mich in meine Wanderschuhe, und wir gingen wieder bergauf. Am Feuer kochten wir Tee, und Fabio röstete einen Marshmallow und drückte mir ein Täfelchen schwarze Schokolade in die Hand. Wie geht es eigentlich?, fragte ich Fabio. Es geht, sagte er. Ich mach mir schon bisschen Sorgen. Worum machst du dir Sorgen?, fragte ich. Zukunft, sagte er.

Jetzt, indem ich dies schreibe, denke ich, dass es nicht Fabio ist, der hier spricht, ich bin es, ich hätte so gesprochen, auch ich hätte nicht so gesprochen, ich hätte Schweizerdeutsch gesprochen, ich spreche jeden Tag anders. Ich habe dieses Gespräch Simon erzählt, Thomas, Yannick, Josh, Lilly, Lea, meiner Mutter, Lukas, Fabios Bruder, Fabios Schwester, sicher zehn Leuten, vielleicht mehr, vielleicht habe ich es dabei erfunden, Stück für Stück, bis vom wirklichen Gespräch nichts mehr übrig blieb, man könnte es nur noch rekonstruieren, indem man die Zeit, die seither verstrichen ist, also bald zwei Monate, in dem man also knapp zwei Lichtmonate weit ins Weltall reisen würde, und von dort aus würde man uns sehen, man kann uns in der Tat von dort aus sehen mit einem guten Teleskop, denn der Himmel war wolkenlos und es dämmerte erst, dunkel war es noch nicht, man kann von dort aus unsere Lippen lesen und jedes Wort zurückübersetzen in gesprochene Sprache.

Fabio sagte: Ich weiss nicht, was ich tun soll. Ich versuche, mir eine Existenz aufzubauen als Schlagzeug- und Nachhilfelehrer und als Journalist. Aber ich weiss nicht, ob ich überhaupt arbeitsfähig sein werde. Du meinst, weil du nicht schlafen kannst, sagte ich. Ja, sagte er. Und weil du depressiv bist, sagte ich. Ja. Später erzählte mir seine Schwester, depressiv sei er eigentlich nie gewesen, aber er habe an Panikattacken gelitten. Deswegen schien er sich aber zu schämen, und vielleicht liess er es deshalb bei meiner Version, oder der Einfachheit halber, weil er zum Erklären zu müde war, oder einfach, weil ich ihm nicht nahe genug stand, als dass er mir alles über sich erzählt hätte, obwohl ich es jetzt ja doch erfahren habe. Ich sagte: Weisst du, ich finde, wenn man depressiv ist – ich meine, ich selbst habe immer wieder solche Episoden gehabt und meine Mutter hat sie auch gehabt, zwanzig Jahre, vierzig Jahre, eigentlich seit sie ein Kind ist – ich finde, dann ist das Wichtigste, dass du einen Sinn siehst, weisst du? Du denkst vielleicht: Da sind alle die da draussen, die sind glücklich, die gehn tanzen und schlafen mit schönen Frauen und verprügeln einander und lesen Goethe, und die Tage in ihrem Leben scheinen fünfundzwanzig Stunden zu haben, was sag ich fünfundzwanzig, dreissig, verstehst du, weil sie einfach alles tun und darüber hinaus alles können. Hm, sagte er und nickte. Okay. Simon ist so einer, sagte ich. Aber weisst du. Neben wir an, unser Leben ist ein Bild. Okay. Also Simons Leben ist vielleicht Die Geburt der Venus von Botticelli. Da fliegen Engelchen rum und alles ist rosa und hellbau und das Meer ist schön warm und Frauen tauchen auf. Schön. Schönes Bild. Aber ein Bild kann auch auf andere Weise schön sein. Der Schrei von Munch. Da ist alles blutrot und gewitterlila und dreckbraun, aber schön ist es auch, ich glaube, es ist im Moment das teuerste Bild der Welt. Ich machte eine Pause, und dann sagte ich: Vielleicht ist dein Leben im Moment Der Schrei. Und vielleicht siehst du mal zurück wie meine Mutter und sagst: Ich bin durch das Tal der Tränen gegangen, und das bin ich, und keine Sekunde davon bereue ich, denn das Ergebnis bin ich, ja, ich, Fabio, und es ist ein schönes Bild. Ja, sagte Fabio, wir tranken Tee, die Grillen zirpten. Später sah ich durch den feingewobenen Stoff der Zelttür die Sterne. Ich konnte nicht schlafen. Fabio konnte nicht schlafen. Am Morgen ass ich Brot und ein Stück Käse und eine Handvoll Macadamianüsse, und Fabio machte Yoga.

«Schau mal», sagte Simon. «Die gehen voll ab.»

«Wer?»

«Die zwei Frauen dort drüben.»

Ich dachte: Von den Füssen zum Kinn sehen sie aus wie Tänzerinnen in einem MTV-Video. Ihre Hintern und ihre Brüste schreien Fruchtbarkeit und gute Gene und scheinen aus Marmor zu bestehen. Aber vom Kinn aufwärts machen sie den Eindruck, sie hätten die letzten zwei Wochen in einer Opiumhöhle verbracht, oder woher sonst das entrückte Lächeln. Wie kann das sein? Diese MTV-Tänzerinnen stehen doch jeden Morgen um fünf Uhr auf und gehen joggen und machen am Tag sechs Stunden Zumba und Kampfsport und essen nur Grapefruits und Proteinriegel. Oder irre ich mich? Was überhaupt tut eine schöne Frau den ganzen Tag? Ich dachte an Daniela. Die ist schön. Und sie macht sich von früh bis spät Gedanken, wie ich. Aber Schönheit ist für Daniela ein Zufall, manchmal ein Ärgernis, zum Beispiel, als sie dachte, der Assistent interessiere sich für sie als Studentin, dabei sprach er vor allem deshalb so lange mit ihr über Linguistik, weil er ihr gern in die Augen schaute. MTV-Tänzerinnen sind hingegen hauptamtlich schön. Was tut eine schöne Frau den ganzen Tag? Hat sie Sex? Wenn ja, warum? Ich dachte an die schönste Frau, mit der ich je geschlafen hatte. Sie behauptete, sich nie selbst zu befriedigen. Ich brauche es nicht, sagte sie. Und sie fügte hinzu, das Wichtigste beim Sex sei für sie die Lust des Mannes, mit dem sie schlafe. Weil sie schön war? Cum quo ergo propter quod, dachte ich, und zugleich: Simon und ich sind bestimmt die zwei Einzigen an diesem Strandabschnitt, die Latein können, aber es sieht nicht so aus, als ob die anderen das Gefühl hätten, deswegen etwas verpasst zu haben.

«Gehen wir zu ihnen hin?», fragte Simon. «Gehen wir tanzen?»

«Simon», sagte ich, «wenn ich jetzt da hin ginge und mit denen tanzen würde, dann käme ich mir recht blöd vor.»

«Schön sind sie aber», sagte Simon.

Wir lagen auf Liegen (zweieinhalb Euro), Sonnenschirme (auch zweieihalb Euro) beschatteten uns, die Strandbar beschallte uns, jeder Platz besetzt. Männer mit Muskeln wie Simon und mit Dreitagebärten und kurzgeschorenem Haar und Ray-Ban-Brillen und Goldketten trugen Bier und Caipirinhas zu ihren Liegen und schäkerten mit Frauen in weissen Bikinis.

Simon ging zur Bar und kam mit einem Bier zurück und lächelte die Tänzerinnen an und setzte sich auf seine Liege. Ich ass zwei Baumnüsse und öffnete mein Buch, in dem es um die Handelsreisen der Griechen im achten Jahrhundert vor Christus ging, und ich dachte: Ich sitze am Nissi Beach unter meinem Zweieinhalb-Euro-Sonnenschirm und esse Baumnüsse und lese über die Handelsreisen der Griechen im achten Jahrhundert, und wenn ich auf die Toilette gehe, weiche ich den Tänzerinnen aus, weil ich Angst habe, eine Erektion zu kriegen. Es geht ja irgendwie überhaupt nur um Sex hier, oder vielleicht noch um Alkohol und Drogen, oder vielleicht ums Gesehenwerden, aber wenn man erregt wird, hat man wahrscheinlich verloren, jedenfalls stelle ich mir vor, wie die Frauen kichern oder die Nase rümpfen und die Männer johlen und auf mich zeigen, und für den Rest des Tages bin ich sozial ruiniert und wahrscheinlich kommt ein Rettungsschwimmer und schmeisst mich raus.


Stefan Buttliger studiert in Zürich Deutsch, Englisch und Sanskrit. Kurzgeschichten und Erzählungen aus seiner Feder sind in den Literaturmagazinen Narr und Asphaltspuren sowie auf zeitnah.ch erschienen. «Mein erster Freund unter den Toten» hat er im Herbst 2012 in der «Textstatt» verfasst, der Literaturwerkstatt für junge Schreibende des Aargauer Literaturhauses. Stefan Buttliger dankt Ulrike Ulrich vom Aargauer Literaturhaus für ihre gekonnte und inspirierende Begleitung beim Schreiben, Dominik Holzer für viele Rückmeldungen als Leser und Gregor Szyndler und der «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012»-Redaktion für das kompetente Redigieren und Bearbeiten.

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