Mein erster Freund unter den Toten: Der Mittwoch

Von Stefan Buttliger

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Am heutigen Texttag präsentieren wir Ihnen die vierte von fünf Folgen unserer neuen literarischen Serie «Mein erster Freund unter den Toten» von Stefan Buttliger. Es ist die Geschichte von drei Freunden: Der erste ist tot, der zweite lebt und der dritte erinnert sich. (Foto: Stefan Buttliger)

Simon und der Erzähler sind im Urlaub in Agia Napa. Das heisst: schöne Russinnen, türkisfarbenes Meer, Retsina – und die Erinnerung an Fabio, ihren gemeinsamen Freund, der sich im selben Sommer das Leben genommen hat. Am Dienstagabend sind Simon und der Erzähler zusammen ausgegangen, mit unterschiedlichem Erfolg und unterschiedlichen Folgen.

Um zwanzig nach Mitternacht kam ich ins Hotelzimmer, zog mich aus, putzte meine Zähne und legte mich aufs Bett.

Nach wahrscheinlich ein paar Minuten schlief ich ein, und nach zwei Stunden wachte ich wieder auf. Ich hatte geträumt. Simon war ins Zimmer gekommen. Er begann sich auszuziehen.

«Entschuldigung», sagte er, als er merkte, dass er mich geweckt hatte.

«Schon gut», sagte ich. «Ich hatte sowieso einen Alptraum.»

Ich zündete das Licht an. Er setzte sich in seiner Unterhose auf sein Bett und sah mich an. «Das tut mir mega leid», sagte er. «Ich hätte leiser sein sollen.»

«Wirklich, kein Problem», sagte ich. «Wir sind in Agia Napa. Wenn ich einen Urlaub gewollt hätte, in dem ich jede Nacht acht Stunden am Stück schlafen kann, hätte ich nicht Agia Napa vorgeschlagen.»

Simon sagte nichts.

«Gut gewesen?», fragte ich.

«Ja.»

«Keine Jelena?»

«Nein, Jelena hab ich nicht gesehen.»

«Gut. Eine andere?»

«Ich hab mit einer Engländerin getanzt, und sie hätte glaub ich mehr gewollt, aber sie war nicht so ‘ne hübsche, also hab ich eine Runde gemacht, um zu schauen, wer sonst noch da war.»

«Was es sonst noch im Sortiment hatte.»

«Genau. Ich hab dann keine andere gefunden und die Engländerin auch nicht mehr. Dann hab ich noch eine Weile getanzt und dann hab ich ein Taxi genommen ins Hotel.»

«Klingt gut», sagte ich. «Klingt jedenfalls so, als hättest du deinen Spass gehabt.»

«Ja», sagte er.

«Cool», sagte ich.

«Ja», sagte er.

Ich wartete darauf, dass er ins Bad ging, um sich die Zähne zu putzen.

Er sagte: «Ich hätte, glaub ich, diese Fisch-Meze nicht essen sollen.»

«Die Fisch-Meze?»

«Ja.»

«Warum?»

«Mir ist ein bisschen übel.»

«Könnte auch der Alkohol sein.»

«Ich denke, es sind die Fisch-Meze. Ich hab nicht so viel getrunken.»

«Kann sein.»

Ich sagte nichts.

Er sagte nichts.

«Denkst du, du kannst schlafen?», fragte ich.

«Mal schauen.»

«Schaust du mal.»

«Kann auch sein, dass ich erbrechen muss.»

«Meinst du?»

«Vielleicht.»

«Ich würd mir jedenfalls keine Sorgen machen. Wenn es die Fisch-Meze waren, dann ist es nichts Ernsthaftes. Keine Lebensmittelvergiftung oder so, meine ich. Ich hatte ja auch die Fisch-Meze, und ich merke gar nichts. Jedenfalls nichts, dessentwegen du im Spital landen wirst.»

«Ja.»

«Fieber hast du keins, oder?»

«Nur Übelkeit.»

«Da bin ich froh.»

«Ja.»

«Ich finde übrigens, du hast eine relativ gesunde Gesichtsfarbe.»

«Falls ich erbrechen muss: Das ist mega laut bei mir.»

«Okay.»

Er sagte nichts.

«Du kannst so laut erbrechen, wie du willst.»

Er sagte nichts.

«Denkst du, du musst erbrechen? Oder willst du dich mal hinlegen?»

Anstelle einer Antwort stand Simon auf, ging ins Bad und übergab sich.

Ich hörte eine Weile lang zu, dann rief ich: «Wenn du mich brauchst, ruf einfach. Ich bin sofort da. Du brauchst nicht zu antworten.»

Er antwortete nicht. Ich fragte mich, ob ich zu ihm gehen sollte, aber ich sagte mir: Die meisten Leute möchten alleine gelassen werden, wenn sie erbrechen. Wahrscheinlich kann er nicht sprechen im Augenblick, und deswegen hat er nicht geantwortet.

Simon blieb zwanzig Minuten im Bad, kam ins Schlafzimmer, legte sich ins Bett, ging ins Bad. Als er zum zweiten Mal zurückkam, schlief ich ein. Am Morgen wachte ich neben ihm auf. Er schlief ruhig, seine Brust und sein Hals und das Kinn und die Nase und die Wange waren so blank, braun und gesund wie immer. Ich ging in den Frühstückssaal, und später gesellte er sich zu mir, trank ein Glas Wasser und wickelte drei Scheiben Brot in eine Serviette ein.

«Ich möchte gehen», sagte er. Er meinte die Tour.

«Bist du sicher?», fragte ich.

«Ja», sagte er.

«Wir können easy hier bleiben.»

«Nein», sagte er. «Ich bin fit.»

Er war fit. Seit dem Aufstehen war er unter der Bräune blass geworden, und er sprach wenig und presste manchmal den Mund zusammen, was aussah wie eine magische Geste, die ihm half, das Glas Wasser bei sich zu halten. Im Bus fragte ich ihn, ob er eine Plastiktüte bei sich hatte, und er bejahte, aber aus irgend einem Grund glaubte ich ihm nur halb, und als er begann, an seinem Brot zu knabbern, fürchtete ich, ja sah ich, wie es ihn schüttelte, wie er würgte, sich in den Gang beugte und auf den dunkelgrünen staubigen Spannteppich kotzte. Ich merkte, dass ich mich schämen würde, wenn das passierte, dass ich mich jetzt schon schämte, und ich richtete mich in meinem Sitz gerade auf und sagte mir: Hör auf damit, es ist egal, was die anderen Leute denken, vielleicht ist es nicht egal, ich zum Beispiel wäre nicht begeistert, wenn jemand im Bus auf den Gang kotzen würde, aber ich hätte Verständnis: Zypern, ungewohntes Essen, Nahrungsmittelunverträglichkeit und so weiter. Am Alkohol liegt es übrigens nicht bei Simon. Na also. Sollen die anderen auch Verständnis haben. Ausserdem ist es gar noch nicht passiert. «Alles klar?», fragte ich. «Alles klar», sagte Simon und biss ein Stück Brot ab. Die Reiseleiterin zeigte uns Ausgrabungen aus dem Neolithikum fünfhundert Meter rechts von der Autobahn. Simon erklärte mir, die weisse Kuppel darüber sei eine Art Zelt und schütze die Ausgrabenden vor der Sonne, er presste die Lippen zusammen, nahm einen Schluck Wasser, biss vom Brot ab, nahm wieder einen Schluck Wasser und presste wieder die Lippen zusammen und übergab sich nicht.

Wir frühstückten in einem Bergdorf: zypriotischer Kaffee, Weissbrot, Oliven, Käse, Joghurt und eine Vielzahl von Marmeladen, die man auch kaufen konnte. Simon ass mit Zurückhaltung, gemessen an seinem üblichen enthusiastischen Appetit, aber er ass, und er interessierte sich für die Fresken in der Kapelle, die die Reiseleiterin uns erklärte, und er fragte sie nachher, ob die Lieder und Psalmen der griechisch-orthodoxen Kirche wirklich in Altgriechisch verfasst seien, wie sie gesagt hatte, oder nicht vielmehr auf Katharevousa. Ich hörte ihnen zu und sah einer Katze nach, die im Schatten lag und blinzelte.

Der Bus fuhr zum nächsten Bergdorf. Auf dem Weg dachte ich: Hätte das Fabio interessiert? Die Fresken? Altgriechisch? Das, was die Reiseleiterin über die griechisch orthodoxe Kirche erzählt? Das Graffito neben dem Kriegsdenkmal im Dorf, in schwarzer Farbe auf der Mauer: TOYPKOΣ KAΛOΣ MONO NEKPOΣ, nur ein toter Türke ist ein guter Türke? Interessierte er sich für Radiohead und für Fotomotive oder nur noch dafür, ob er jemals wieder schlafen können würde, ob er arbeiten können würde und ob er ein Leben führen würde, dass keine beständige Qual war? Interessierte er sich für mich? Früher sorgte er sich noch über Frauen: War er attraktiv genug für eine, die für ihn genug attraktiv war, war es nicht so, dass die, die in einer Beziehung sind, jeden Tag glücklicher werden, und zwar, wie er mir erklärte, wegen des Oxytocinausstosses, der durch die Berührung nackter Haut mit nackter Haut verursacht wird, wogegen die, die nicht in einer Beziehung sind, jeden Tag unglücklicher werden, weil ihnen ebenjener Oxytocinausstoss fehlt, wodurch sie an Attraktivität verlieren, so dass ihre Chance, einen Menschen für eine Beziehung zu gewinnen, dramatisch sinkt. Fabio, sagte ich mir, so kannst du nicht denken. So kannst du vielleicht denken, wenn du auf der Gewinnerseite stehst, aber dann wirst du es nicht tun, weil du dann so glücklich bist, dass dich die Frage nach dem Oxytocin nur noch so interessiert wie die Falter einen Schmetterlingssammler, und zwar einen, der sie mit Sorgfalt und mit Willen zum Wissen, aber mit innerer Distanz fängt und präpariert, und dass du dir lieber den Kopf frei hältst für das, wofür du den Kopf immer hättest frei haben wollen: für deine Gedichte, für das Schlagzeugspielen, für die Psychologie.

Der Priester hatte gesagt: Fabio wollte leben. Er wollte seine Schlaflosigkeit überwinden, seine Panikattacken, seine Magenprobleme. Ich dachte an einen Satz, den ich irgendwann einmal gelesen hatte, der angeblich aus dem Dao De Jing stammt: Etwas zu lieben heisst, zu wollen, dass es lebt. Fabio liebte sich also, und trotzdem hatte er sich umgebracht. Ich dachte an Agia Napa, an die Clubs, an den Strand, an die jungen Griechen, Libanesen, Polen, Schweden, die im flachen Wasser standen, Cocktails tranken und skandierten: Agia! Agia! Agia fucking Napa! Sie wollten leben. Ich auch. Hatten sie keine Angst vor dem Tod? Hatten sie keine Angst vor dem Moment, wo sie ein letztes Mal ausatmen würden, wo man sie von den Maschinen trennen würde, wo ein Leichenbestatter mit wahrscheinlich behandschuhten Fingern ihre Kinnbärte und die Muskeln auf ihrem Bauch waschen würde, falls sie dann noch Kinnbärte und Muskeln auf dem Bauch hatten? Hatte Fabio sich deswegen das Leben genommen: aus Angst vor dem Tod; um wenigstens eines noch zu können: zu entscheiden, wann? Auch ich hatte Angst, aber weniger als er, denn er fürchtete sich vor allem. Ich dachte: Ich bin stärker, und gleichzeitig fühlte ich, dass es nicht stimmte, und ich fühlte, wie die ganze Welt auseinanderfiel: meine Turnschuhe, meine Sonnenbrille, mein Ray-Ban-Modell wie diejenigen der jungen Männer und Frauen am Strand, mein hundertzwanzig Euro teures italienisches Polohemd, das wie aus dem H&M aussah und auch wie aus dem H&M aussehen sollte, überhaupt mein ganzes Bankkonto, der alte stinkende Bus, die Nidwaldner Sekretärin auf der anderen Seite des Ganges und ihr Freund, der Informatiker, das alte Ehepaar aus Hamburg, der gleissend blaue Himmel, der höchste Berg von Zypern und alle anderen Berge und Hügel, deren Namen die Reiseleiterin uns nicht genannt hatte, die Wasserreservoirs, die Olivenhaine, die Rebberge, die weissen Dörfer und die Statuen der Kriegshelden, die Souvenirmärkte, das Kloster und die Klosterkirche und der Priester darin, die jungen Zyprioten, die ihren BMW vor der Kirche parkten, hineingingen, eine Kerze anzündeten und die Ikonen küssten, die Reiseleiterin mit ihrem Zuviel an Parfum, ihre pinkfarbene Bluse, das Makeup, die vierzigjährige Haut darunter, ihre Erklärung, die jungen Zyprioten seien deswegen religiös, weil sie zwar alles hätten, weil aber doch etwas fehlte in ihrem Leben, meine giftige Antipathie ihr gegenüber, mein Versuch, sie irgendwie objektiv zu sehen, als einen genauso liebenswerten Idioten wie mich selbst, ich selbst, die Narbe auf dem Gelenk meines Zeigefingers, derentwegen ich den Finger nicht mehr vollständig krümmen konnte, was aber eigentlich keine Rolle spielte, da er auseinanderfiel, meine Hände, die für die Hände eines Mannes zu klein waren, mein Kinn und mein Bart, meine Stirn, wo das Haar langsam zurückging, die sechs Liter Blut in mir, die Linsen in meinen Augen, die Fingernägel, die Nagelbetten, der ganze groteske girlandenartige Darm in meinem Bauch, der kleine Zeh, auf dem eine Blutkruste sass, weil ich mir am vorherigen Abend ein Stück Nagel abgerissen hatte, die prallen, verwundbaren Beeren meiner Mittelfinger.

Stefan Buttliger studiert in Zürich Deutsch, Englisch und Sanskrit. Kurzgeschichten und Erzählungen aus seiner Feder sind in den Literaturmagazinen Narr und Asphaltspuren sowie auf zeitnah.ch erschienen. «Mein erster Freund unter den Toten» hat er im Herbst 2012 in der «Textstatt» verfasst, der Literaturwerkstatt für junge Schreibende des Aargauer Literaturhauses. Stefan Buttliger dankt Ulrike Ulrich vom Aargauer Literaturhaus für ihre gekonnte und inspirierende Begleitung beim Schreiben, Dominik Holzer für viele Rückmeldungen als Leser und Gregor Szyndler und der «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012»-Redaktion für das kompetente Redigieren und Bearbeiten.

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