«Gedichte sind Kraftampullen» – Aleš Šteger

Von Anna Ospelt

Aleš Šteger, 1973 in Ptuj/Slowenien geboren, gilt als der bekannteste slowenische Autor seiner Generation. Er leitet den akademischen Verlag «Beletrina» und ist Mitbegründer des internationalen Lyrikfestivals «Tage der Poesie und des Weins». Šteger bewegt sich zwischen den literarischen Formen Lyrik, Prosa und Essay. Seit seinem Debüt 1995 sind elf weitere Bücher erschienen, die zum Teil in 14 Sprachen übersetzt wurden. Seine Gedichte sind kraftvolle, liebevolle bis verstörende Sprachkompositionen, die von einer grossen Neugier und beglückendem, lyrischem Finden geprägt sind.

Anna Ospelt traf den Autor im Aargauer Literaturhaus in Lenzburg.

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«Ich bin jemand, den sehr viele verschiedene Formen interessieren. Ich erhalte meine Vitalität als Schriftsteller, indem ich nicht nur Gedichte schreibe, nicht nur Prosa und nicht nur Essays. Nach dem zweiten Lyrikband hatte ich das Gefühl, dass ich irgendwo angelangt bin, wo ich mich wiederhole. Das ist eigentlich die grösste Falle für jeden Künstler.» (zVg)

Das Gespräch findet in einem der hübschen, bunt tapezierten Salons des Müllerhauses statt, wir trinken Schwarztee und unterhalten uns über Štegers Schreibaufenthalt in Lenzburg. Als ich zur Sicherheit mein zweites Aufnahmegerät hervorhole, lacht Aleš Šteger. Er kann meine Angst nachempfinden, durch ein technisches Versehen das Interview zu zerstören. Zumal Autoren dafür bekannt sind, teils eitle Gesprächspartner zu sein, wie er meint …

Herr Šteger, sind Sie ein eitler Autor?

Es kommt darauf an, was man darunter versteht. Ich würde eher nein sagen, aber ohne Eitelkeit ist die Schriftstellerei fast nicht zu denken, oder? Es ist ja eine relativ einsame Kunst, und wenn man so sehr mit der eigenen Kopfmusik beschäftigt ist, entsteht ein natürlicher Fokus auf das Eigene. Obwohl man eigentlich nicht eitel sein sollte. Das ist noch radikaler bei Autoren, die sich ausschliesslich dem Schreiben widmen können und wollen. In einem kleinen literarischen Markt wie in Slowenien muss man daneben etwas anderes machen, um überleben zu können. Dadurch entsteht eine andere Art, wie man sich der Welt öffnet. Das ist vielleicht ein gutes Impfmittel gegen allzu grosse Eitelkeit.

Sie haben bereits sehr früh publiziert, mittlerweile gehören Ihre Bücher zur Schullektüre. Wie kam es dazu?

Als Gymnasialschüler hatte ich meine ersten Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und 1995 brachte ich mein erstes Buch heraus, es heisst «Šahovnice ur», «Schachbretter der Stunden». Ich hatte das Glück, dass es sehr schön angenommen wurde. In Slowenien herrschte eine Aufbruchstimmung, mit grossem Erwarten und auch Zuneigung wurde das Buch aufgenommen. Die erste Auflage wurde innerhalb von ein paar Tagen verkauft, es folgte die zweite… Heute finde ich diese Gedichte sehr barock, sehr aufgeladen mit Metaphern. Aber in dem historischen Kontext der slowenischen Poesie war es vielleicht auch eine relativ neue Mode, die zu der Zeit eingeführt wurde. Es passiert heute oft, dass man mich auf diese Gedichte anspricht. Dass 16- oder 18-Jährige noch immer diese Gedichte lesen, ist ein schönes Gefühl – dass die Texte noch immer leben.

Wie kam es zu diesen literarisch offenen Armen der Gesellschaft?

Ich gehöre zu einer Generation, die sofort nach der Wende 1992 zu publizieren begann. Dazu gehören unter anderem auch Aleš Čar, Mojca Kumerdej, Lucija Stupica, Andrej Skubic. Uns wurde sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt, weil man zu der Zeit in dieser Erwartung lebte, dass etwas Neues, Lebendiges kommen muss. Wir waren, und sind es noch immer, sehr damit engagiert, eine andere Rolle der Literatur und der Gesellschaft zu definieren.

Wie sollte diese Rolle aussehen?

Zuvor, in den 80er-Jahren gab es zwei literarische Auffassungen, die eine war hochpolitisiert, sie sah die Literatur als ein Vehikel für nationale Bestrebungen. Die andere war komplett entpolitisiert, eine sehr in sich gekehrte, autoreferenzielle Literatur. Bei uns war das anders, wir wollten in die Gesellschaft integriert sein, auf einem alltäglichen Niveau. Dadurch hat sich die literarische Landschaft und das, was Literatur im sozialen Sinn ausmacht, in den letzten zwanzig Jahren geändert. Es ist viel lebendiger geworden. In Ljubljana und auch an anderen Orten finden täglich mehrere Lesungen statt, internationale Festivals fast monatlich. Es existiert ein sehr dichtes und sehr sichtbares Netz von Leuten, die sich mit Literatur beschäftigen.

Man stösst als Autor also auf Resonanz?

Ja, die Resonanz ist da. Auch eine durchaus polemische Resonanz. Aber es gibt so was wie eine Leserschaft, die sehr breit ist. Das heisst noch immer nicht, dass man massenweise Bücher verkauft, aber man wird wahrgenommen und auch gelesen, vor allem spielen die öffentlichen Bibliotheken eine sehr wichtige Rolle in Slowenien. Wir sind eines der führenden Länder, was öffentliche Ausleihen anbelangt. Das ist ein deutliches Signal dafür, dass ein Interesse da ist.

Ist dieses Interesse auch der Lyrik gegenüber vorhanden?

Lyrik ist überall ein besonderer Fall. Diejenigen, die in Slowenien Lyrik lesen und wahrnehmen, tun es auf eine fanatische Art und Weise. Es ist zwar wie überall der Fall, dass mehr Lyrik geschrieben wird als gelesen, aber noch immer hat Lyrik eine relativ hohe Sichtbarkeit in der slowenischen Gesellschaft. Lyrik spielte eine sehr grosse Rolle in der nationalen, emanzipatorischen Bewegung. Sie wurde natürlich auch instrumentalisiert, aber es gab in den letzten zweihundert Jahren einen starken Fokus auf Lyrik. Die Dichte wirklich herausragender slowenischer Lyrikerinnen und Lyriker ist ein europäisches Unikat, eigentlich nicht mit der Grösse des Landes zu vergleichen.

Dann muss man als Lyrikerin offensichtlich nach Slowenien ziehen! Sie sind aber nicht nur Lyriker sondern auch Essayist und Übersetzer.

Ich bin jemand, den sehr viele verschiedene Formen interessieren. Ich erhalte meine Vitalität als Schriftsteller, indem ich nicht nur Gedichte schreibe, nicht nur Prosa und nicht nur Essays. Nach dem zweiten Lyrikband hatte ich das Gefühl, dass ich irgendwo angelangt bin, wo ich mich wiederhole. Das ist eigentlich die grösste Falle für jeden Künstler. Ich reiste nach Lateinamerika und schrieb einen Prosaband, das war eine sehr intensive, sehr schöne Erfahrung. Später wechselte ich wieder zur Poesie, dann wieder zu Essays etc. Mit der Zeit verschwamm die Grenze zwischen den einzelnen Gattungen. Ich möchte mit Formen spielen, die grenzüberschreitend sind.

Sind Sie als Essayist politisch?

Ich habe viel zu europäischen Themen geschrieben, aber ich bin kein aktualpolitischer Essayist im Sinne dass ich bei jeder Krisensituation aufspringe und was für die Zeitung schreibe. Aber ich würde schon sagen, dass ich politisch engagiert bin.

In welchen Sphären bewegen sich Ihre Gedichte?

Jedes Buch ist ein neuer Ansatz, eine Suche nach einer neuen Sprache, die erst gefunden sein muss. Das «Buch der Dinge» zum Beispiel handelt eigentlich von einer anderen Perspektive, aus der ein Versuch unternommen wird, den Dingen zu lauschen, ihnen Platz einzuräumen, und zu versuchen, den materialistischen Egoismus, mit dem wir tagtäglich leben, so weit wie möglich aus der Schreibperspektive zu eliminieren. Der neueste auf deutsch übersetzte Lyrikband heisst «Buch der Körper». Das ist ein Buch, in dem nachvollzogen wird, dass es eine mystische Kluft zwischen Sprache und Körper gibt, eine Kluft, die darauf hinweist, dass wir nur extraterrestrische Wesen sind, die sich einen Körper um uns angeeignet haben. (Lacht) Sprache und Körper sind getrennt voneinander.

Das führt zu einer grossen Frage: Was bedeutet Ihnen Sprache?

Eine permanente Möglichkeit. Eine Droge. Eine grosse Kluft. Es ist etwas, das sich permanent anders manifestiert und eigentlich nie das gleiche bleibt. Deshalb ist es auch etwas, das einen immer wieder beleben kann. Und immer wieder zu einer neuen, enthusiastischen Beziehung führt. Wenn man drei, vier, ja fünf Jahre an einem Buch sitzt, hat man am Ende das Gefühl, es gibt keine Sprache mehr. Aber trotzdem vergeht ein Monat, es vergehen ein paar Monate, ein paar Jahre, und dann ist die Sprache wieder in ihrer ganzen Präsenz da. Diese grosse Generierungsfähigkeit der Sprache ist etwas, das grossen Mut macht und eigentlich auch etwas über den Homo Sapiens als sprechende Entität aussagt.

Ist das der Grund, weshalb Sie schreiben?

Literatur wird ja nicht mit dem Kopf geschrieben, es ist, als gäbe es über dem Kopf noch einen unsichtbaren Hut aus Sprache, mit dem man herum geht und den man ab und zu absetzt. (Schmunzelt) Das heisst natürlich nicht, dass man nicht rational ist. Es ist sehr viel Handwerk dabei, man muss wissen, wie man mit Sprache umgeht. Aber trotzdem gibt es so etwas wie unsichtbare Türen in eine andere, energetische Daseinsform. Diese Durchgänge basieren auf Spracherfahrung. Etwas, das rational nicht restlos zu erfassen ist.

Die Inhalte sind also schwer voraussehbar?

Ein Buch funktioniert als ein grosses Ganzes. Man hat ein Gefühl, man hat eine Vorstellung, vielleicht nicht einmal eine verbalisierte Vorstellung davon, was man schreiben will. Aber was dann wirklich vor sich gehen wird, das weiss man nicht. Das ist dieses grosse Mysterium der Sprache – man muss sich diesem Prozess ausliefern, radikal. Ansonsten wird das Feuer noch vor dem Brand gelöscht sein.Es wäre undenkbar, dass ich heute Texte wie vor 20 Jahren schreiben würde. Absolut undenkbar! Aus dieser Perspektive wird klar, dass man als Schriftsteller jeden Moment nutzen muss. Das soll jetzt nicht pathetisch die eigene Vergänglichkeit darstellen. Sondern etwas über Zeit-Raum-Sprache-Person – Konstellationen sagen, die sind einmalig. Entweder macht man was, oder nicht. Gewisse Sachen sind irreversibel.

Aleš Štegers Werke erscheinen auf Deutsch bei Suhrkamp und Schöffling und Co. Zwei Tipps:
«Preussenpark – Berliner Skizzen», Suhrkamp Verlag, 2009.
«Das Buch der Körper», Schöffling und Co, 2012.

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