209 Jahre Schweizer National-Epos – Dominik Riedo über Schiller und Schillers Tell

Dominik Riedo widmet sich Schiller und Schillers Tell. Er zeigt eine Tradition der Geschmäcklerischkeit, die  auf Tell als Handelnder und Revolutionär konzentriert. In einer solchen Optik bleiben Schillers differenzierenden philosophischen Überlegungen und Abwägungen auf der Strecke. Höchste Zeit für neue Auseinandersetzungen mit diesem Text.

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Wie die Zeit vergeht: Erstdruck von Schillers «Wilhelm Tell» aus dem Jahr 1804. Der handkolorierte Kupferstich stammt von Christian Müller (1766–1824) und basiert auf einer Zeichnung von Georg Melchior Kraus (1737–1806).

Von Dominik Riedo

I Ein Regenbogen mitten in der Nacht! (II,2)

Am Anfang stand die Volkssage. Der Mann mit der Armbrust, der einen Apfel vom Kopf seines Sohnes schiesst. Man findet sie Dutzende Male in ganz Europa. Aber jene aus den Urkantonen der heutigen Schweiz verknüpft damit die Befreiung von einem Tyrannen. Das macht sie politisch, womit sie ein ureigenstes Interessensgebiet von Friedrich Schiller berührt. Zusätzlich lebte der deutsche Dichter, der diese Geschichte schliesslich in ihre gültigste und bekannteste Form kleiden sollte, zu einem Zeitpunkt, als die Schweiz gerade »en vogue« war, wie man an einem Briefzitat an seine spätere Frau sehen kann, worin Jahre vor der Arbeit am Stück noch einige Vorbehalte gegen die mit Wilhelm Tell verbundene Geisteshaltung geäussert werden: Bey Ihrer Bewunderung der Schweizerischen Helden – gestehen Sie es nur – mag wohl eine Vorliebe für das Land, das Sie in einer sehr empfänglichen Epoche Ihres Geistes kennenlernten, mit unterlaufen. Ich mache den Schweitzern die Tapferkeit und den Heldenmut nicht streitig – nichts weniger. Aber ich danke dem Himmel, daß ich unter Menschen lebe, die einer so großen Handlung […] nicht fähig sind.

Die Schweiz war also bereits einige Zeit Gesprächsthema in Deutschland. Schillers berühmtester Dichterkollege reiste sogar drei Mal ins Land. Es darf denn nicht verwundern, dass dieses Thema durch eben jenen Johann Wolfgang von Goethe, der den Tell-Stoff während seiner dritten Schweizer Reise 1797 am Vierwaldstättersee für die deutsche Klassik entdeckt hatte, in Weimar ins Gespräch kam, bis es, wie die Schweiz selbst, allgemein bekannt war, so dass Schiller, der die Schweiz nie bereist hatte, den Stoff zu einem bleibenden Werk formen konnte.

Doch die Idee zu einem klassischen deutschen Werk über Wilhelm Tell hatte eigentlich – wie erwähnt – Goethe auf seiner dritten Schweizer Reise 1797. Er schrieb Friedrich Schiller über seine Pläne: »Ich bin fest überzeugt, daß die Fabel vom Tell sich werde episch behandeln lassen, und es würde dabei, wenn es mir, wie ich vorhabe, gelingt, der sonderbare Fall eintreten, daß das Märchen durch die Poesie erst zu seiner vollkommenen Wahrheit gelangte, anstatt daß man sonst um etwas zu leisten die Geschichte zur Fabel machen muß.« Schiller bezeichnete daraufhin in einem Brief an seinen Freund Körner den Kern der Sage von Wilhelm Tell etwas burschikos als Märchen mit dem Hut und dem Apfel.

Goethe konnte sich damals nicht entschliessen, den Wilhelm Tell als Stoff ernsthaft anzupacken. Gleichwohl verdichteten sich Anfang 1801 in Deutschland Gerüchte, dass man sich in Weimar mit Wilhelm Tell beschäftige, und man traute den grossen Wurf am ehesten Friedrich Schiller zu. Schiller dementierte zunächst, liess sich jedoch verleiten, 1802 das »Chronicon Helveticum« des Glarner Chronisten Aegidius Tschudi und die »Geschichte schweizerischer Eidgenossenschaft« von Johannes Müller zu studieren. Doch erst 1803, als er mit anderen Projekten ins Stocken kam, wandte er sich endgültig dem Wilhelm Tell zu.

II Der Starke ist am mächtigsten allein. (I,3)

Andere zwingende Aufgaben und auch schwere Krankheitsschübe verzögerten aber die Arbeit immer wieder. Dennoch waren die Vorarbeiten im August 1803 abgeschlossen und Schiller begann mit der Niederschrift. Am 18. Februar 1804 war das Drama beendet, am 17. März wurde es uraufgeführt.

Von allem Anfang an wurde am fertigen Werk der Umstand gelobt, dass Schiller das Lokalkolorit genau getroffen habe, ohne doch die Landschaft zu kennen. Dies verdankt sich vor allem den intensiven Studien der Quellen und Karten. Doch wie sehr diese Materialien nicht bloss stofflich, sondern auch geistig auf Schiller eingewirkt haben, zeigt die staunenswerte Erfassung des schweizerischen Wesens und der kleinen Begebenheiten. Friedrich Schillers Verdienst ist es daher vor allem, die beiden überlieferten Ereignisse, die Tellsage und den Rütlischwur, zu einer Handlungseinheit verschmolzen und ihnen Leben eingehaucht zu haben.

Für Schiller war der Tell allerdings mehr als nur eine Geschichte, die in klassische Form gebracht werden konnte. In seinem letzten Drama greift der Dichter noch einmal sein Lieblingsmotiv der Freiheit auf und macht so die Geschichte zu seiner eigenen. Die Thematik des Tyrannenmords ist nicht zuletzt die dichterische Verarbeitung und Steigerung seines persönlichen Schicksals: Erst hatte er gegen den übermächtigen Staat zu kämpfen, später in seinem Leben gegen den Dämon der ohnmächtigen Popularität Goethes. Im Drama Wilhelm Tell, das zu Schillers reifem Spätwerk zählt, ist die Befreiungshandlung der Waldstätter, die unter der Leitfigur des Tell steht, zugleich ein Bild für die Selbstbefreiung, die sich im Prozess der ästhetischen Erziehung, im Schaffen von Kunst und im Umgang mit ihr, ereignen soll. Damit verknüpft ist folgerichtig die Frage, ob die Geschichte an sich tragisch sei.

Liest man das Werk Schillers also genau, so wird kein Kreislauf – Vertreibung und Rückkehr in die Idylle – beschrieben, sondern ein Modell auf die Bühne projiziert, in dem der Einzelne und die Gesellschaft aus ihrem jeweiligen Absolutheitsanspruch heraustreten, sich gegenseitig relativieren und ergänzen und in eine neue, noch nie da gewesene harmonische Ordnung eintreten.

III Und frei erklär ich alle meine Knechte. (V,3)

Bis an den heutigen Tag ist der Wilhelm Tell von Friedrich Schiller beim Schweizer Publikum und nicht zuletzt bei den Touristen ausgesprochen populär. Alljährlich finden in Interlaken die Tellspiele statt. Aufführungen in Tells Heimat Altdorf sind zwar seltener und richten sich eher an das einheimische Publikum, bestätigen aber trotzdem seine Beliebtheit. Auch bei Auslandschweizern ist die Tell-Tradition lebendig. So wird zum Beispiel in New Glarus, USA, jedes Jahr das Wilhelm-Tell- Fest gefeiert. Zudem sind ausserordentlich viele Verse aus dem Drama zu stehenden Redewendungen geworden. Doch die Wirkung von Schillers Tell ist nicht auf den Text selbst und seine Aufführungen beschränkt. Viele andere Schriftsteller, man denke nur an Gottfried Keller und Max Frisch, haben sich von diesem Stoff inspirieren lassen oder haben gar eine eigene Version der Sage von Wilhelm Tell verfasst. Ausserdem wurde sie vertont und verfilmt.

Am wirkungsvollsten war das Schauspiel jedoch politisch. Die Uraufführung am Hoftheater Weimar, inszeniert von Goethe, und auch die weiteren Aufführungen in Deutschland wurden zu einem durchschlagenden Erfolg. Denn während sich die Lage in der Schweiz beruhigte, führte Napoleon fast überall im übrigen Europa Krieg und errang zunächst Sieg um Sieg. In dieser Lage wurde Schillers Wilhelm Tell zum Symbol des deutschen Widerstands. In den von Napoleon besetzten Gebieten wurde das Drama verboten. Erst 1813 setzte Preussen zum Gegenschlag an. Im Berliner Theater tobte das Publikum an jenen Stellen, die sich auf die Tagesereignisse beziehen liessen.

Wilhelm Tell als Symbolgestalt des Aufruhrs. Diese Interpretation machte Schule. Sogar russische Revolutionäre beriefen sich auf ihn. Bakunin setzte sich – erfolglos – gegen die Auslieferung eines Kampfgefährten ein und verwies dabei auf Wilhelm Tell, den »Helden des politischen Mordes«.

In der Schweiz wurde der Tell-Stoff in der Fassung Schillers erst im Zweiten Weltkrieg zu der Projektionsfläche, die ihn zu einem regelrechten Nationalepos machen konnte. Zur Zeit der äusseren Bedrohung der Schweiz durch Hitler erhoben sich die Menschen im Theater von ihren Sitzen und sprachen in tiefer Ergriffenheit den Rütlischwur mit, sie identifizierten sich mit dem Geschehen auf der Bühne, mit der schweizerischen Befreiungssage in der Version des Deutschen Friedrich Schiller. Dabei war es, was diese Wirkung damals betrifft, völlig gleichgültig gewesen, ob die Leute glaubten, die Dinge hätten sich so zugetragen, wie im Drama. Was anscheinend ergriff, war der Sinn, die Kraft des Wortes.

Wilhelm Tell – auch und gerade in der Fassung von Friedrich Schiller – wurde und wird wohl in der Schweiz seither überwiegend als handelnder, die Tat ergreifender Revolutionär wahrgenommen, als ein Held, den man aber heute nicht mehr als solchen sehen würde. Schillers vorsichtig abwägende philosophische Überlegungen über Freiheit, Naturrecht und Grenzen von Tyrannei ebenso wie von Widerstandsrecht blieben weitgehend auf der Strecke. Unter diesen Umständen scheint es angezeigt, sich mit dem Wilhelm Tell erneut auseinanderzusetzen.

Dominik Riedo (*1974 in Luzern) lebt und arbeitet als Schriftsteller und Mitherausgeber von «Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie» in Bern. Dreizehn Buchveröffentlichungen. Von den Kulturschaffenden der Schweiz und der interessierten Bevölkerung direktdemokratisch zum Kulturminister der Schweiz ernannt (2007-2009). Präsident des DeutschSchweizer PEN-Zentrums von 2010-2012.

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