DWVEBDMSBHBEBDS #20

DWVEBDMSBHBEBDS von Gregor Szyndlervon Gregor Szyndler

Hans Bissegger redet Süsswasserkrebsen in einer Kaffeetasse  zu. Ein Anruf und der Gedanke an eine Motorsäge versäumt ihn so lange, bis sein Viertelvor-Termin die Tür zum Büro eintritt.

Hans Bissegger fährt den PC herunter: bekanntlich lässt es sich sonst nicht arbeiten. Er ist unschlüssig, wie es weitergehen soll. Ein Blick in die Agenda führt ihm eine Häufung gerne gemiedener Namen vor Augen: die Liposuktion um viertel nach, das bleaching kaum eine Stunde darauf, gefolgt von der aufgeplatzten OP-Narbe und der Zyste: Viel zu viel Laser, Skalpell, Nadel und Faden und Kundekontakt für einen noch so unverbrauchten Montag. Harsches, unausweichliches Schicksal, harsch und unausweichlich, sich selbst auferlegt auf dem Hypothekenmarkt. Früher oder später, so viel steht fest, führt  nichts daran vorbei. Bis es aber so weit ist, gibt es noch eine Menge zu tun.

Hans Bissegger holt die Kaffeetasse mit den Süsswasserkraben. Er redet beruhigend auf die Viecher ein. Er bröselt einige Krümel Süsswasserkrebse-Aufbau-Futtermittel in die Kaffeetasse und beobachtet seine Pappenheimer. Hungrig sind sie – sie müssen den Schock des Untergangs recht gut verarbeitet haben. Bissegger scheint es, die Kleinen knabbern, schlingen, rülpsen zu hören. Er entschliesst sich nach einiger interner Debatte, zu seiner Sekretärin durchzuklingeln, sie damit zu beauftragen, das aus den Nähten platzende Wartezimmer zu räumen.

«… weil ich verhindert bin!», teilt er ihr mit, «Sie haben ja keine Ahnung, wie es auf meinem Schreibtisch aussieht!»

Die Sekretärin verzieht keine Miene.

«Herr Hansler bittet um Ihren Rückruf.»

«Herr Hansler?», wundert sich Hans Bissegger.

«… von der Lotteriegesellschaft.»

«Ach so? Er soll es in fünf Minuten versuchen.»

Hans Bissegger starrt in die Ecke des Raumes, hin zur Ständerlampe, die unkontrolliert flackert und zuckt. Er spielt mit dem Gedanken, in den Baumarkt zu gehen, um einen Ersatzleuchtstoffkörper zu erwerben. Bei der Gelegenheit könnte er bei den Sägen vorbeischauen, bald muss die für Mitte-Ende Jahr angekündigte, neue VOLLDAMPF mit ihrer Titaniumkette und der USB-Wartungsschnittstelle in den Regalen stehen. Bissegger geht zur Lampe und entfernt den Leuchtstoffkörper. Ein paar Minuten später nimmt er den endlich abgekühlten Leuchtstoffkörper in die Hand, mustert die Röhre, versucht, Hersteller und Wattzahl abzulesen. Er verfällt dazu in ein Hin und Her, lässt die Röhre schwingen, hin und her. Dann wird er sich seiner Handlungen gewahr und seufzt raumfüllend.

Ihm muss das Gestänker und Gemurre von draussen vor der Tür, aus der Region des Wartezimmers, in den Sinn gekommen sein. Anders ist der Umschwung nicht zu erklären. Beim Gedanken daran, überhaupt an seine unweigerlich bevorstehende Arbeit gedacht zu haben, fühlt Hans Bissegger sich unsäglich alt und verbraucht. Den Finger schon auf dem Knopf der Gegensprechanlage, um es, ach! herrje endlich beginnen zu lassen, entscheidet er sich um.

Wie gut, dass das Telefon klingelt. Hans Bissegger greift zum Hörer: Direktor Hasler von der Lotteriegesellschaft meldet sich mit zigarrengeräucherter, whiskeytiefer Stimme. Es stellt sich heraus, dass diese vermaledeiten Telefonscherzkekse vor keinem Aufwand zurückschrecken, um ihn, Hans Bissegger, in der Illusion zu halten, tatsächlich den Jackpot geknackt zu haben, eine 23 mit sechs Nullen. Direktor Hansler bleibt aber bierernst und er gibt sich besorgt, wie Bissegger die Botschaft aufnehme. Hans Bissegger bleibt höflich-resolut, verwehrt sich gegen die Behauptung des Gewinnes, und gibt sich dann dann gleich wieder so, als ob er den  Käse  glaube, dieweil Direktor Hansler auf ihn einredet und ihm Anlagemöglichkeiten aufzählt, hartnäckig, wenn auch stets mit Charme.

«Es gibt viele Möglichkeiten, einen solchen Gewinn anzulegen, Herr Bissegger!»

So plätschert das vor sich hin, Hansler immerzu mit Fonds und Derivaten, Immobilienpools, Industriewerten, Bissegger konternd mit verschluckten Ausrufen und Serien gedämpfter Mhm-hmm-mhhms. Durch diese passive Gesprächshaltung angespornt, wird der Hansler-Direktor  kühn, lässt vor Anlagemöglichkeiten, Aktien und todsicheren Geldesgeldern keine Pause mehr zu.

Hans Bissegger, überzeugt, es mit einem Fall wenig vertrauenswürdigen Telefonmarketings, mit einer festnetzgebundenen Butterfahrt, zu tun zu haben, streut das eine und andere «Nein, das brauche ich nicht!» oder: «Ich arbeite fürs Geld, nicht umgekehrt!» ein. Eine Zeit lang kann er sich Hansler so vom Leib halten, doch: ach! von den Ablehnungen Bisseggers fühlt der sich angespornt. Bissegger registriert diesen Wechsel von Tonfall und Gestik; jetzt noch geduldig, bemüht er sich, sich nicht zu ereifern, er will nicht unhöflich sein, ausserdem linst gerade Ernst Fröhlich ins Büro, sodass es das Beste sein dürfte, so zu tun, als erledige er, den Hörer zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt, sich der gewichtigsten Mimik befleissigend, einen immens wichtigen geschäftlichen Anruf. Hansler von der Lotteriegesellschaft schreibt diesen Wandel seinen Bemühungen zu.

«Sie sollten sich», nimmt Direktor Hansler den Faden wieder auf, «die 23 Millionen Gewinn  dringend von der Raten- zur Globalzahlung umwandeln lassen, Herr Bissegger … Herr Bissegger? Sind sie noch dran?» – Bissegger ist noch dran, bloss sprachlos und ohne einen Atem in der Lunge, bleich wie ein Leintuch und mit den Füssen auf dem Boden, während er an der Verriegelung seines Bürostuhls herumnestelt: «Herr Bissegger?»

Doch seine Worte gehen in das Leere; Hans Bissegger legt den Hörer auf den Pult, um den allzu neugierigen Fröhlich zu verscheuchen und draussen nach dem Rechten zu sehen. Schnell zieht er sich angesichts der Lage im Wartezimmer in sein Büro zurück. Er hat soeben  die Türe hinter sich zugezogen und verriegelt, als es mit Wucht dagegen poltert, begleitet von Rumpeln und Grollen, Poltern und Fauchen und Zeter und Mordio. Die Türe zum Büro geht fast aus der Angel. Vorwurfsvoll hastet Bissegger hin und öffnet, um einen gröberen Sachschaden zu vermeiden. Draussen steht, unüberraschend, schliesslich hat er ihre Stimme schon seit einiger Zeit im Ohr gehabt: Frau Trulla, der Viertelvor-Termin, ein Gespenst ihrer Selbst, mit Verbänden bedeckt, ein grosser weisser Knopf nur bleibt von ihrem Gesicht. Bisseggers Sekretärin bemüht sich, Frau Trulla zu stoppen. Sie scheitert jedoch daran oder ist zu eingeschüchtert, um der Anstürmenden etwas entgegenzuhalten. Unter Maulen und Nörgeln aus dem Wartezimmer drängt sich Frau Trulla an Hans Bissegger vorbei in das Büro.

Schauen Sie nächsten Mittwoch um 9 Uhr am Morgen wieder bei «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» vorbei, wenn es weitergeht mit DWVEBDMSBHBEBDS!

Stempel2

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