Universiphil1 #7: Festivallaune, ein Dinner-Blutbad und das wohl anzüglichste Theaterstück der frühen Neuzeit

Von Tante Étudiante

In ihrer neuen Kolumne berichtet Tante Étudiante von ihrer Shakespeare-Exkursion in Stratford-upon-Avon und den fünf abwechslungsreichen Aufführungen, die auf dem Programm standen.

Das Geburtshaus von Shakespeare ist nur eins von vielen Highlights des Städtchens Stratford-upon-Avon. zVg

Das Geburtshaus von Shakespeare (links) ist nur eins von vielen Highlights des Städtchens Stratford-upon-Avon. zVg

Das Tolle an Exkursionen ist, dass unglaublich viel geboten wird zu einem Preis, der selbst für Phil1-Studierende zu berappen ist. Und seien wir doch ehrlich: Sie stehen zwar unter dem Zeichen einer universitären Studien- und Bildungsreise, aber für mich waren Exkursionen bis anhin eigentlich immer Ferien mit Animationsprogramm. Vielleicht habe ich in dieser Hinsicht einfach nur Glück gehabt, aber ich könnte so spontan keine Exkursion nennen, die mehr mühsam als unterhaltsam war. Wie dem auch sei, Stratford-upon-Avon war das Ziel der diesjährigen Reise. Während einer Woche im – schockierenderweise extrem touristischen! – Geburtsort des grossen englischen Barden drehte sich das ganze Programm um Shakespeare; mit Workshops, Vorlesungen, Gesprächen mit Schauspielern und nicht zuletzt fünf Theatervorführungen. Wir hatten das Glück, alle aktuellen Produktionen dieser Saison der «RSC» – «Royal Shakespeare Company» – anschauen zu können, und bekamen so einen vielseitigen Einblick in das Schaffen professioneller Shakespeare-Künstler.

Einen unterhaltsamen und kurzweiligen Einstieg in die Woche bot uns die Aufführung von «As You Like It». Es ist eine der klassischen romantischen Komödien – sprich, am Ende gibt es mindestens drei Hochzeiten (in diesem Falle sogar vier!) – und durch die Interpretation der Regisseurin, die ihre Inspiration vom Glastonbury-Festival hatte, wurde die Bühne nach und nach zu einer Art Festivalgelände. Die Musik, die eigens von der Singer/Songwriterin Laura Marling nach Shakespeares Text komponiert wurde, tat ihr Übriges und liess das Theater zu einem richtigen «Feel-Good»-Stück werden.

Eine grosse, traditionsreiche Bühne: Die Royal Shakespeare Company geniesst Weltruhm. zVg

Eine grosse, traditionsreiche Bühne: Die Royal Shakespeare Company geniesst Weltruhm. zVg

Mit «Titus Andronicus» gab es am zweiten Abend eine Wendung um 180 Grad. Es ist Shakespeares blutrünstigstes Stück und hat am Ende des ersten Aktes bereits mehr Todesopfer vorzuweisen als am Ende jeder anderen Tragödie. In Shakespeares Zeit erfreute sich «Titus Andronicus» immenser Beliebtheit – zweifellos war es das frühneuzeitliche Äquivalent eines modernen Splatter-Movies. Auf jeden Fall verschwand das Stück in den letzten hundert Jahren vom Radar der Theaterschaffenden – wohl um die zarten Gemüter des Publikums zu schonen – kam jedoch seit der Jahrtausendwende wieder vermehrt auf, nicht zuletzt dank der visuell äusserst ansprechenden Filmversion von Julie Taymor (1999). Obwohl die ganze Aufführung insgesamt sehr gelungen ist, so ist das Highlight doch das fulminante Ende, auf das alles hinausläuft: Eine Dinner-Szene, in der innerhalb von knapp zwei Minuten so gut wie alle der anwesenden Personen umgebracht werden. Mit Hilfe eines professionellen Illusionisten gelang es dem Cast, spektakuläre «Todesursachen» (z.B. ein Stuhlbein durch den Bauch oder einen Korkenzieher durch den Hals) darzustellen, die auch auf einer ins Publikum reichenden Bühne funktionieren und so für ein wahres Blutbad-Finale sorgten.

Ein wenig ruhiger aber nicht weniger mitreissend war «All’s Well That Ends Well». Es ist ein Stück, das normalerweise eher selten aufgeführt wird, da es nicht eine klassische Komödie ist, sondern eher zu der Gruppe der «problem plays» gehört, also derjenigen Stücke, die auch mit einer Hochzeit und Happy End am Schluss noch ungelöste Probleme aufweisen. Trotz dieser Schwierigkeiten und der Tatsache, dass ich das Stück während dem Lesen als äusserst mühsam empfunden habe, muss ich sagen, dass die Inszenierung meine (zugegeben niedrigen) Erwartungen um ein Vielfaches übertroffen hat.

«A Mad World My Masters» war das ideale Gegenstück zu den dramatischeren Aufführungen von Hamlet und Titus Andronicus. zVg

Mit krudem Humor und sexuell aufgeladenen Figuren war «A Mad World My Masters» das ideale Gegenstück zu den dramatischeren Aufführungen von «Hamlet» und «Titus Andronicus». zVg

Das Highlight der verschiedenen Aufführungen war aber das einzige Nicht-Shakespeare-Stück der Saison; eine moderne Adaption von Thomas Middletons «A Mad World My Masters». Alkohol, Geld, Betrügereien und viel Sex sind die Hauptthemen des wohl skandalösesten Stückes der Frühneuzeit. So richtig bewusst wurde uns dies jedoch erst während der Aufführung selber: Wo die etwas altertümliche Sprache im Originaltext das eine oder andere Innuendo schluckt und ein veraltetes Vokabular das Verständnis zusätzlich erschwert, wurden während der Inszenierung alle auch noch so kleinen Anspielungen und Toiletten-humoristischen Witze verdeutlicht und zum Teil regelrecht ausgeschlachtet. Einen tieferen Sinn in «A Mad World My Masters» zu suchen wäre ein wenig fruchtbares Unterfangen, aber genau diese plakative Oberflächlichkeit und Überspitzung der Gesellschaft, gemischt mit toller Musik sorgten für einen äusserst gelungenen Abend, der bestimmt nicht zu wenige Lacher hervorholte. Gute Unterhaltung muss nicht immer tiefgründig sein.

Umso tiefsinniger war dann aber die letzte Aufführung während unserer Exkursion; Shakespeares tragisches Meisterstück «Hamlet» markierte das «Grande Finale» vor unserer Abreise. Zugegeben, knappe vier Stunden «Sein oder nicht sein» und andere Unentschlossenheiten bieten vielleicht nicht ganz so ein unterhaltsames Erlebnis wie «As You Like It» oder «A Mad World My Masters», auch ist die Schlussszene mit insgesamt vier Toten nach einem Massaker wie bei «Titus Andronicus» vielleicht auch eher anti-klimaktisch … Trotzdem, und persönliche Meinung hin oder her, «Hamlet» ist ein Stück, das eigentlich jede/r irgendwann mal gesehen haben sollte (und sei es auch «nur» eine Filmversion auf DVD). Es ist eines der bekanntesten und wichtigsten Werke Shakespeares und auch wenn mir die Inszenierung an sich nicht so zugesagt hat wie in anderen Stücken, so war es allemal ein Erlebnis zu sehen wie die Geschichte interpretiert und umgesetzt wurde. Umso mehr, da uns die Schauspieler zu dieser Zeit schon sehr bekannt waren, da sich der Cast von «Hamlet», «As You Like It» und «All’s Well That Ends Well» mehr oder weniger aus den gleichen Leuten zusammensetzte. Es war spannend, wie die Schauspieler zwei oder drei verschiedene Charaktere in verschiedenen Stücken darstellten und bei welchen es besser klappte als bei anderen.

Nach so einer Woche galt es erst einmal, all diese vielen Eindrücke zu verarbeiten. Es war sicherlich eine Menge Spass, und trotzdem auch eine intensive Zeit. Ich bin auf jeden Fall mit vielen schönen Erinnerungen zurückgekommen – und einer grossen Portion Inspiration für die kommende Shakespeare-Produktion der «Gay Beggars» im Englischen Seminar der Uni Basel, «The Merchant of Venice».

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