Alles Gute zum Geburtstag, liebe «die horen» – Einer Literaturzeitschrift zur 250. Ausgabe

Die von Schiller 1798 als «Die Horen» eingestellte, 1955 unter dem Namen «die horen» neu gegründete Literaturzeitschrift feiert ihre 250. Ausgabe.

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Wer sich in verschiedensten Textformen (auch Interview, Essay, Erzählung et cetera) einen Überblick über Literaturzeitschriften verschaffen will, ist hier an der richtigen Adresse. Es ist eine reichhaltige Lektüre, die die Augen öffnet für die Vielfalt literarischer Zeitschriften – ein schlagender Beweis wider die gerne zitierte These vom Untergang des geschriebenen Wortes in Zeiten des Schriftüberflusses im WWW und des Siechens so vieler Printprodukte. (zVg)

Stecken die Töchter des Zeus, ordnungsstiftende, den Menschen wohlgesonnene Göttinnen, die Köpfe zusammen, um eine Literaturzeitschrift zu gründen. Kommt hinzu ein Schriftsteller, Publizist, Mediziner des Namens Schiller, im Schlepptau allerhand Granden des Faches, nicht zum Geringsten darunter ein gewisser Goethe. Die Zeitschrift «Die Horen» behauptet sich zwischen 1795 und 1798 auf dem dicht bevölkerten Markt. Schiller lobte sein Unterfangen über den grünen Klee, trompetend, triumphierend, literaturgeschichtsbewusst (was bei kritischen Zeitgenossen zur Forderung führte, die Zeitschrift, ein «u» machend aus dem «o», auf den Gedankenstrich zu schicken). Ein umstrittenes Unterfangen, vorangetrieben von der hochkarätigen Schar der Mitarbeiter (unter anderem Fichte, W. v. Humboldt, Körner und, erhofftermassen, Kant) und der Kraft, die Schiller ihm widmete. Kraft kostete das Unterfangen, denn, wie der jahrzehntelange «die horen»-Begleiter Rolf Michaelis es formulierte, Schiller war bereit, «sich […] als Herausgeber von Zeitschriften, […] als Aufklärer […] lebensvernichtend zu verausgaben». Es setzte harsche Kritik ab an «Die Horen», die von Schiller und Umland, wenn schon nicht als Gotteslästerung, so doch als zu parierende Gefahr wahrgenommen wurde. So notierte ein zeitgenössischer Kritiker: «Die Horen», das seien «Ausfälle ästhetischer Heuschrecken, hochtrabender Unsinn, impertinente Anmassung, hohl und fratzenhaft». Schiller verteidigte sich, gemeinsam mit Goethe, als Literaturpolitiker (nicht in «Die Horen», stattdessen in den Epigrammen die «Xenien»): hier redeten die beiden Granden Tacheles, über ihre Kritiker zogen sie her mit Vehemenz, Masken- und Streitlust und der gänzlichen Abwesenheit von Fallhöhenangst. Ob die von den «Xenien» angefächerte Polemik das Ableben von «Die Horen» beschleunigte?

Im Jahr 1955 wurde die Zeitschrift neu gegründet, unter demselben Titel, wenn auch kleingeschrieben. Erklärtes Ziel der neu gegründeten Zeitschrift ist es, unbekannte Autoren zu entdecken sowie dem Vergessen anheim gefallene Autoren ans Tageslicht zu bringen. Inhaltlich wird die Zeitschrift bestimmt von Prosa und Lyrik. Hefte erscheinen auch mit thematischen Schwerpunkten, etwa zu weniger bekannten oder bedrohten Literaturen, sei es jener Griechenlands zur Zeit der Militärjunta oder, zeitnäher, zu der Literatur Chinas. Mittlerweile stehen «die horen» im 58. Jahrgang. Soeben erschien Ausgabe Nummer 250. Das ist eine Zahl, die selbst dann beeindruckt, wenn man die illustre Vorvergangenheit beiseite lässt. Was schenkt sich eine Literaturzeitschrift zur 250. Ausgabe? «die horen» entschlossen sich, eine Ausgabe unter dem Titel «Pressköter und Tintenstrolche» herauszugeben (zusammengestellt von Sascha Feuchert und Jürgen Krätzer). Es ist eine Nummer, die sich dem Thema «LiteraturZeitSchriften» verschreibt.

Kein Angestelltenverhältnis zu wichtigsten Dingen!

Auf dreihundert Seiten entsteht ein Panorama literarischer Zeitschriften, mit einem Fokus auf der Zeit zwischen 1900 und der Gegenwart. Beiträge sind Karl Kraus und seiner Zeitschrift «Die Fackel» gewidmet, oder auch der Welt verschwundener Zeitschriften. Der Inhalt gliedert sich in acht Abschnitte, die unter Titeln stehen wie «… natürlich wurde gestritten.», «Ein unerhört aufregender Gegenstand oder Stile und Schreibhaltungen» oder «Da ist das kümmerliche Wort vom ‚Engagement’». Letztere Überschrift ist Elias Canettis Autobiografie «Fackel im Ohr» entnommen. Dort heisst es:

«Was habe ich von Karl Kraus gelernt? […] Da ist zuerst das Gefühl absoluter Verantwortlichkeit […] Das ist das kümmerliche Wort von ‚Engagement‘, das zur Banalität geboren war und heute überall wie Unkraut wuchert. Es klingt so, als ob man in einem Angestelltenverhältnis zu den wichtigsten Dingen stehen sollte.»

Canetti war aufmerksamer Leser von Kraus und seiner Zeitschrift «Die Fackel». Karl Kraus engagierte sich, ganz anders als Schillersfritz, zeitlebens schriftstellerisch, publizistisch, finanziell, menschlich für seine Zeitschrift. Kraus war «Die Fackel», die beiden waren kongruent, er investierte seine Existenz (sein privates Vermögen sowieso) in diese Zeitschrift. Der Titel von Canettis Autobiografie «Die Fackel im Ohr» ist nur ein Beispiel für den grossen Einfluss, den eine Literaturzeitschrift und ihr charismatischer Herausgeber ausüben kann.

Abseitiges im Zentrum, Zentrales im Abseits

Ein weiterer Abschnitt der Sonderausgabe ist weniger bekannten Literaturen und ihren Zeitschriften gewidmet: hier verschafft man sich einen Überblick über französisch-maghrebinische, weissrussische, koreanische, isländische, polnische Zeitschriften. Ebenfalls lesenswert (wenn auch zuweilen um den Preis einer gewissen Kaffeekränzchenhaftigkeit) und informativ ist die Passage, in der sich Diskussionen zwischen den Herausgebern verschiedener Zeitschriften finden. Hier liest man vom Spagat der Zeitschriftenherausgeber zwischen Verleger und Leser, zur belebenden Natur des Genres für Autoren, Leser, alle geistig arbeitenden Menschen. Angesichts der anstehenden Herausforderungen zu kurz kommen indes die Beiträge zu den Möglichkeiten literarischer Zeitschriften im WWW. Es ist wunderbar, wenn Abseitiges im Zentrum steht – allein, dass Zentrales derart ins Abseits gerät, wurmt: mit dem Hinweis, dass viele Literaturzeitschriften ihre Texte mittlerweile im WWW suchen, hat es sich nicht. Immerhin lernt man ein Online-Projekt namens «lyrikline» kennen, was allein schon die Anschaffung dieser «die horen»-Ausgabe wert ist. Daneben lernt man die WWW-Ausgabe der weissrussischen Zeitschrift «Die Arche» kennen, die vom Regime zur Aufgabe der Printausgabe gezwungen wurde, im WWW aber ein vielbeachtetes literarisches Weiterleben führen kann.

Nicht nur für Literatursäufer

Aufgelockert werden die Beiträge von reimenden, unreimenden, gegenständlichen Gedichten, Zeilen, die sich etwa zu Sanduhren und Strassenlaternen verdichten und sich auflockern, sich sich auflockernd auf den Seiten verlieren. Auch wertvolle Hinweise auf weiterführende Lektüren finden sich, in Form anregender Zitate. Michael Krüger wird mit den Zeilen zitiert:

«Literatur, die sich ernst nimmt, geht davon aus, dass noch nicht alles gesagt ist. Vertritt sie die Auffassung, es sei eigentlich alles gesagt, es sei aber angenehm oder auch nur lukrativ, noch ein wenig weiter zu schreiben, wird sie (meistens) zum Kitsch.»

Ein weiteres Verdienst besteht in Hinweisen auf vergessene Autoren, etwa auf Albert Vigoleis Thelen, dem einst eine umfangreiche «die horen»-Ausgabe gewidmet wurde:

«… glaubst du, ich verstünde alles, was ich lese? Mich selbst etwa, wenn ich über den korrekturbögen gebeugt sitze?»

Diese und weitere Lesehinweise, aber auch die Längsschnitte verschiedenster Literaturzeitschriften über viele Jahrgänge hinweg machen neugierig und lassen hoffen, dass zumindest die eine und andere ältere Ausgabe noch greifbar sei. Wer sich in verschiedensten Textformen (auch Interview, Essay, Erzählung et cetera) einen Überblick über Literaturzeitschriften verschaffen will, ist hier an der richtigen Adresse. Es ist eine reichhaltige Lektüre, die die Augen öffnet für die Vielfalt literarischer Zeitschriften – ein schlagender Beweis wider die gerne zitierte These vom Untergang des geschriebenen Wortes in Zeiten des Schriftüberflusses im WWW und des Siechens so vieler Printprodukte. Wenn man dann auch noch, notabene im Kapitel «Von der Suche nach der anderen Seite der Dinge» eine so spannende, immer wieder (inhaltlich wie formal) überraschende Zeitschrift wie das Oltener «NaRr: das narrativistische Magazin» entdeckt, steigt die Freude umso höher. Nicht nur für «Pressköter und Tintenstrolche», Schreiberlinge, Literatursäufer ist die 250. Ausgabe von «die horen» eine prächtige Lektüre an länger werdenden Herbstabenden.

die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik (Hg. von Jürgen Krätzer); Bd. 250, 58. Jahrgang
«Pressköter und Tintenstrolche!»: LiteraturZeitSchriften
Zusammengestellt von Sascha Feuchert und Jürgen Krätzer
SFr 23,30