Die Zauberberge Brasiliens. Über die Romane «Krieg der Bastarde» und «Leichendieb»

Was ist der Zauberberg im Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse? Ein Häufchen Koks, von dem man runterkommen muss, bevor man die Ware in einem Beichtstuhl an eine einbeinige Regisseurin verkauft – freilich nicht, ohne vorher den Priester mit neuem Kirchenmobiliar bestochen zu haben.

Krieg der Bastarde

Von Andrea Breuer

Es ist eine ganze Sporttasche voller Kokain, die Amadeu zufällig in der Chefetage einer Porno-Produktionsfirma findet. Er will die Drogen zu Geld machen und damit die Schulden seiner Freundin Gina bezahlen. Der Diebstahl bleibt nicht unbemerkt: Die beiden Ganoven Edgar und Pablo werden auf Amadeu angesetzt. Sie durchforsten die Stadt nach ihm. Auch Gina sucht Amadeu. Alle suchen Amadeu – nicht wissend, dass dieser bei einem tragikomischen Unfall längst sein Leben verloren hat.

Ana Paula Maias Roman Krieg der Bastarde ist bevölkert mit liebenswerten Kriminellen, die sich mit kleineren oder größeren Verbrechen über Wasser halten. Edgar, als Waisenkind bei Nonnen aufgewachsen, begeht seinen ersten Mord in einem Kühlhaus. Opfer ist seine grausame Chefin Dona Betinha. Mit einem Hackmesser zerlegt er sie in Steaks. Und während Edgar die verbliebenen Knochen zu Hundetrockenfutter zermahlt, läuft ein ihm unbekanntes Lied im Radio, das ihn zu Tränen rührt: «If I had to do the same again, I would my friend, Fernando…». Aber nicht nur Menschen, auch Hunde kämpfen um ihr Überleben – wie etwa der Pudel Fofinho, der eine fünfköpfige Familie aufgefressen haben soll. «Schwere Zeiten sind das, wenn Hunde ihre eigenen Herrchen fressen, mitten am Tag», sinniert Edgar. «Man kann nicht mal mehr dem Hund vertrauen, dem besten Freund des Menschen», findet auch Pablo.

In Krieg der Bastarde überschlagen sich die Ereignisse. Das ist kein Zufall, denn Ana Paula Maias Jugendjahre waren durch Comics, Telenovelas, Charles Bronson- und Bruce Lee-Filme geprägt. Entsprechend wartet Krieg der Bastarde mit einem spektakulären Showdown auf, der ganz nebenbei demonstriert, dass Literaturkenntnisse lebensgefährlich sein können. Krieg der Bastarde ist ein rasant erzählter Roman mit außergewöhnlichen Charakteren, amüsanten Dialoge und grotesken Gewaltszenen à la Tarantino. Auf der aktuellen Weltempfänger-Bestenliste von litprom belegt Ana Paula Maias Roman – verdientermaßen – den dritten Platz.

Ana Paula Maia

Amüsante Dialoge und grotesken Gewaltszenen à la Tarantino finden sich in ihrem Roman: Die brasilianische Schriftstellerin Ana Paula Maia (Foto: Andrea Breuer).

Auch dem namenlosen Protagonisten in Patrícia Melos Roman Leichendieb fällt ein Päckchen Kokain vor die Füße – samt Kleinflugzeug und leblosem Piloten. Eine einmalige Chance, denkt er, «ein Geschenk der Toten». Er nimmt die Drogen an sich und flieht vom Unfallort. Doch wie setzt man ein Kilogramm Kokain am besten ab? Er erfährt, dass das Drogengeschäft in seinem Städtchen Corumbá wie im restlichen Brasilien läuft – und findet sein Segment: den Einzelverkauf. Hierfür heuert er seinen Nachbarn Moacir, den Besitzer einer Fahrradwerkstatt, an. Es bleibt nicht beim Verkauf des einen Kilos. Gemeinsam mit Moacir besorgt er Nachschub aus Bolivien. Nun richtig in der Drogenszene angekommen, erhält unser Protagonist auch endlich einen Namen: Porco. Kein schöner Spitzname, aber immerhin. Schnell lernt Porco, dass die Drogenwelt ihre eigenen Gesetze hat. Und bevor er sich umsehen kann, schuldet er seinem bolivianischen Großhändler 50.000 Dollar. Ein neues Problem, das nach einem neuen Verbrechen ruft. Da trifft es sich gut, dass die Familie des abgestürzten Piloten immer noch nach seiner Leiche sucht und Porcos Freundin Sulamita gerade zur Leiterin des örtlichen Leichenschauhauses befördert wurde…

Leichendieb

Patrícia Melo überzeugt – ebenso wie Ana Paula Maia – durch einen flotten Erzählstil, dem es an keiner Stelle an Tiefgang mangelt. Es geht um Verbrechen und Strafe, um Schuld und Sühne, doch Sentimentalitäten sucht man hier vergebens. Beide Autorinnen stehen für eine junge brasilianische Literatur, die in gekonnter Weise Motive der klassischen Weltliteratur mit Elementen moderner Popkultur verbindet.

 

Ana Paula Maia: Krieg der Bastarde

Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Wanda Jakob

224 Seiten

A1 Verlag

ISBN: 978-3-940666-42-0

 

Patrícia Melo: Leichendieb

Aus dem Brasilianischen von Barbara Mesquita

203 Seiten

Klett-Cotta Verlag

ISBN: 978-3-608-50118-6

 

Andrea Breuer kommt aus der Verlagsbranche, arbeitet als Online-Redakteurin und betreibt den Blog danares.mag.

 

 

3 Gedanken zu “Die Zauberberge Brasiliens. Über die Romane «Krieg der Bastarde» und «Leichendieb»

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