gesichtet #55: Die Protest-Passage und die Steinewerfer

Von Michel Schultheiss

Sie sind als Schleichwege bekannt: Verwinkelte Gässlein oder finstere Fussgänger-Passagen, die nicht einmal auf Google Maps zu finden sind. Dennoch sind sie nicht zu unterschätzen – schliesslich vermeidet man dank ihnen grössere Umwege. Zudem sind diese Weglein bisweilen noch richtige Trampelpfade im Vergleich zu den gepflegten grösseren Strassen. Bisweilen sind sie namenlos, manchmal tragen sie liebevolle Kosenamen. Meistens aber übernehmen sie die Namen ihrer grösseren Geschwister, das heisst der Strassen, in denen sie münden.

Mülhauserweglein

Eine etwas finstere Passage führt zum Spielplatz an der Wasserstrasse (Foto: smi)

Ein Beispiel für einen solchen versteckten Pfad ist das Mülhauserweglein im St. Johann. Es verbindet den mächtigen Rhypark-Wohnblock mit dem Schulhaus an der Wasserstrasse. Eigentlich ist es übertrieben, hier von einem Weg zu sprechen, besteht er eigentlich nur aus einem dunklen Durchgang. Hinzu kommt noch eine kleine Fortsetzung, welche zu den stadtbekannten Wohnhäusern an der Wasserstrasse (gegen deren Abriss die Bewohnerschaft gekämpft hat) führt.

Beef Magazin

Ein Männer-Kochmagazin inmitten von Statements gegen die Gentrifizierung (Foto: smi).

Der kleine Tunnel ist zu einer beliebten Plakatiererhöhle geworden. Motive, die man nicht überall finden kann, sind dort zu sehen. Manche widerspiegeln die jüngsten Debatten und Auseinandersetzungen im St. Johann, die sich beispielsweise um den Novartis-Campus, das neue Volta-Quartier und die Wasserstrasse drehten. Wandzeitungen mit Titeln «Basel Nord wird trockengelegt – Fluten wir zurück» und «Basel blyybt dräggyg» wurden dort hingekleistert. Inmitten von kämpferischen Parolen zur Basler Stadtentwicklung taucht überraschenderweise auch das Cover eines Fleischtiger-Kochmagazins auf. «Beef – für Männer mit Geschmack» steht hier – ob mit gewollter oder ungewollter Ironie – gleich neben den Klagen über die «Wohlstandsverwahrlosung».

Steinewerfer

Ermahnungen an die Anti-Auto-Aktivisten (Foto: smi).

Auf der anderen Seite des Tunnels, gleich beim Spielplatz vor dem Schulhaus, ist eine bunte Bretterwand mit Graffiti-Männchen zu sehen. Bis vor Kurzem waren auch dort zwei ungewöhnliche handgefertigte Plakate zu sehen, die sich jedoch in ihrer Botschaft von denjenigen der Passage unterschieden. Dort wird nicht etwa zu subversiven Taten, sondern zu deren Unterlassung aufgerufen: «Keine Steine werfen» war auf den gebastelten Schildern zu lesen, illustriert mit dem, was sich hinter der Bretterwand befindet. Anscheinend hagelte es manchmal auf die dort geparkten Autos. Was die Vorgeschichte zu dieser Bitte war, ist nicht bekannt. Vielleicht hatten ein paar Kinder auf dem Spielplatz vor dem Schulhaus Freude daran, Kieselsteine über die Wand zu werfen – schliesslich machen ja gerade solche Würfe ins grosse Unbekannte den Reiz dieser Beschäftigung aus, um dann das Scheppern der einschlagenden Gegenstände zu hören. Mittlerweile hängen die Verbotsschilder bloss noch in Fetzen dort. Sie scheinen heruntergerissen oder vom Regen ausgelaugt worden zu sein.

Graffiti-Wand

Die bunte Graffiti-Bretterwand am Mülhauserweglein (Foto: smi).

Wer von den Steinewerfern und von der Protest-Passage nicht genug bekommt, kann neuerdings auch am Mülhauserweglein nächtigen. Seit mehreren Tagen hat der Tunnel ein Interieur bekommen: Eine Matratze, ein Stuhl und ein Clubtisch stehen schon bereit. Irrtümlicherweise wartet der Grobsperrgut hier noch immer auf die Abfuhr, die nicht kommen wird – oder zumindest nicht kostenlos. Doch in etwas vergessenen Winkeln und Schleichweglein halten es selbst alte Möbel eine Weile aus.

Matratze und Stuhl

Die Einrichtung steht bereits: Matratze, Stuhl und Clubtisch in der Fussgängerpassage (Foto: smi).

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