«Leipziger Sonette» – Gedichtszyklus von Jan Decker

Am heutigen «Zeitnah»-Texttag zeigt der Autor Jan Decker seine weniger bekannte Seite: In den «Leipziger Sonetten» folgen wir verrussten Wegen durch Leipzig, die uns die Stadt zwischen Kohlengrube und Wiese ungeschönt und doch poetisch zeigen. Wer macht hier Kohle weiss und «Tage zum Geschrei der Nacht»? Lesen Sie es nach in Jan Deckers Antworten auf das «Zeitnah»-Fragebuch.

«Zeitnah» ist stolz, Ihnen zum heutigen Texttag ein Gedichtzyklus von zu präsentieren. zVg

«Zeitnah» ist stolz, Ihnen zum heutigen Texttag einen Gedichtzyklus von Jan Decker zu präsentieren. zVg

Von Jan Decker

 

1

Du schwarzer Fleck von Stadt, leg deine Hand
Mit russgestäubter Lust in meinen Rücken.
Ein Atmen ist dein Gehsteig, ein Entzücken
Das Häusermeer, ein fliessend schwarzes Land.

Im Tagebau hat Schnee ein Grab bereitet.
Die Kohle ist ein Bett aus weissen Kissen.
Hoch bläst der Rauch. Ich werde nichts vermissen.
Du hast mein Herz zu einem Schlot geweitet.

Das Kraut schiesst aus den asphaltierten Böden
Und Krähen hüpfen zwischen Tonnen sacht.
Sie machen Tage zum Geschrei der Nacht.

So will ich dich als Totenbett erwählen.
Bist nicht als Gruft der Lebenden gedacht,
Ich habe oft den Tod hier ausgelacht.

 

2

Ich sah das Licht durch Russ und starken Regen.
Du gibst mit deinem Firnis helle Freuden.
Wir können unser Leben hier vergeuden
Und müssen uns nicht falschen Anstrich geben.

Ein Riss durchtrennt mein Herz, es ist das Pochen
Von Blut in deinem Mund, in deinen Lenden.
Wie oft kamst du mit mir die Nacht beenden,
Und hast dann nur das Nötigste gesprochen.

Du warst von brauner, auch von weisser Haut,
Arabisch war dein Kuss, ein Kohlehauch.
Ich kam zuerst, und oft kamst du dann auch.

Ich sah dich nicht mehr wieder, und die Stadt
Schob dir im Schoss ein neues Pochen zu.
Ich kam woanders, und dort kamst auch du.

 

3

Ich zeugte Leben in den Russpalästen
Und fuhr der Wölbung eines Rückens nach.
Du sahst mich an, als ich von Liebe sprach.
Ich lag im Schlaf, du nahmst von meinen Resten.

Erst trug die Stadt mir einen Russfilm auf;
Sie liess mich seufzen, ausgestreckt umarmen.
Dann griff ich zu mit Kälte und Erbarmen.
Ich schob Figuren in den hellen Lauf.

Oft griff ich dann in weit gespreizte Hüften.
Der Sturm war hier ein Lied, das leise bläst.
Ich kenne keine Stadt, die so verwest.

Das Blei der Städte ist der tote Himmel.
Er wölbt sich über dir, doch ohne Trauer.
Die Kohle zeugt blutrot und manchmal blauer.

 

4

Ich gehe in den Norden. Ohne Kummer
Fliegt Kohleduft in meine weiten Lungen.
Bald rede ich erneut mit platten Zungen,
Und irgendwann holt mich der lange Schlummer.

Ich will dann in dem Loch begraben sein,
Das Schaufelheben für die Kohle machte.
Wo ich das Leben schwarz und gross belachte,
Da soll mein weisser Totenrock gedeihen.

Schmeckst du sie jetzt, die Lenden und die Münder,
Die meinen Saum hier streiften? All die Lust?
Sie hat so oft nicht um ihr Glück gewusst.

Die Lust war in dem Park, da wir uns liebten.
Du zogst mich tief an dein Geschlecht heran,
Und sagtest: Komm. Komm. Noch ein Stück heran!

 

5

Ich spucke auf die Orte meiner Ahnen,
Wo man den Dünkel ewig gross gezogen.
Die Lenden sind reinweiss, der Mund verlogen,
Und so verstreut man sich auf weiten Bahnen.

Ich kam und sah das Kohleloch im Osten,
Das abgebaut war und doch angefüllt
Mit einem Pochen, das den Schoss enthüllt.
Du fragtest mich nicht nach den Lebenskosten.

Ich küsste dich in meiner ersten Nacht,
Ging weiter und kam schwarz beglückt ins Schlendern.
Da wusste ich: Du kannst die Welt verändern!

Die Erde, die auf einer Wiese lag,
Nahm ich als einen russbestäubten Schoss.
Ich war in deinen Schenkeln schwerelos.

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