gesichtet #60: Der gestohlene Ueli

Von Michel Schultheiss

Bekanntlich tummeln sich ziemlich viele Basilisken in Basel herum. Meist thront das Wappentier stolz auf Sockeln und Brunnen. Ein derart traurig in die Welt blickendes Exemplar wie das, welches einsam in diesem dunklen Gang anzutreffen ist, findet man aber kaum anderswo: Auf einem etwas vergessenen Wandbild macht der «König der Schlangen» ein bedrücktes Gesicht – die etwas heruntergekommene Wand mit den Tags mag dazu beigetragen haben. Da mag es schon fast zynisch erscheinen, dass er mit dem Schriftzug «Fasnacht» versehen wurde.

Basilisk im Ueli-Gässlein

Auch beim Kiosk ist nicht bekannt, wer sein Künstler ist: Der etwas verlorene Basilisk im Ueli-Gässlein (Foto: smi).

Gesichtet wurde der Basilisk in einer Fussgängerpassage, welche die Rheingasse mit dem Oberen Rheinweg verbindet. Dem düsteren kleinen Tunnel wurde sogar ein Strassenname verliehen – und erst noch einer, der kleinbaslerischer nicht sein könnte: Die traditionellen lokalen Narrenfigur stand für das Ueli-Gässli Pate. Nicht unbedeutend ist das Gässlein deshalb, weil sich dort der wohl legendärste Kiosk Basels befindet: Der «Wilde Mann», auch als «Trudis Kiosk» bekannt, gehört längst so sehr zum Inventar der Rheingasse wie das Ueli-Bier und die Fischerstube. Der von den Schwestern Trudi Hartmann und Erika Furrer seit Jahrzehnten geführte Kiosk hat es längst zu städtischer Bekanntheit mitsamt Fernseh- und Radiopräsenz geschafft. Wie kaum jemand kennen die beiden Frauen somit die Gegend rund um die Rheingasse und all ihre Geschichten. Daher ist auch naheliegend, dass sie wissen, was es mit diesem seltsamen Ueli-Gässlein auf sich hat und weshalb es nicht angeschrieben ist. Wie Erika Furrer erzählt, ist das Strassenschild ein begehrtes Objekt von Langfingern geworden. Ob Namensvetter, Liebhaber der Fasnacht, des Vogel Gryffs, des gleichnamigen Biers oder die berühmten «Nachtbuben» – unterschiedlichste Leute könnten an einem solchen Souvenir Interesse gehabt haben.

Ueli-Gässlein

Verbindet den Rhein mit der «Rue de la Carabole» und Trudis Kiosk: Das Ueli-Gässlein (Foto: smi).

Dabei ist das Ueli-Gässlein eigentlich ein Privatweg: Es gehört zum benachbarten Hotel Krafft. Zu später Stunde kann der Durchgang abgeriegelt werden. Dies wiederum hat mit der wechselvollen Geschichte der Rheingasse zu tun: Wie Erika Furrer erzählt, wurde diese einst mit dem Kosenamen «Rue de la Carambole» versehen. In Anlehnung an das französische Wort bedeutet der baseldeutsche Ausdruck «Grampool» so viel wie Radau oder Lärm. Der Spitzname bezog sich auf die zahlreichen Beizen in dieser Gegend. Nebst heute noch existierenden Lokalen wie Brauerzunft und «Zum Schwarzen Bären» gab’s das Schwalbennest, das Jägerstübli, wo sich nun das Dancing Sonne (und eben kein Veganer-Restaurant) befindet, das Kap Hoorn, welches mit Live-Musik für Stimmung sorgte – an all diese Namen kann sich Erika Furrer noch gut erinnern. Früher habe auch die eine oder Prostituierte in der Rheingasse gearbeitet und zeitweise sollen Rocker die Gegend unsicher gemacht haben. Später erlangte die Rheingasse erneut Bekanntheit, allerdings als Knotenpunkt der offenen Drogenszene. Damals soll jeweils ein Polizist mit einem Hund das Ueli-Gässli bewacht haben. Zu jener Zeit wurde der Durchgang sogar während längerer Zeit geschlossen. Um die Kioskfrauen nebenan nicht im Dunkeln sitzen zu lassen, wurde eine Beleuchtung installiert.

Ueli-Gässlein und Rhein

Der Blick vom Kiosk auf den Rhein war nicht immer gewährt. Einst wurde das Ueli-Gässlein geschlossen (Foto: smi).

Die Zeiten der Drogenszene an der Rheingasse sind aber mittlerweile vorbei. Bisweilen nutzten sogar Kinder das Ueli-Gässli als Flohmarkt. Zudem ist die Rheingasse wie vor als Ausgangsmeile beliebt, wenn sie auch nicht mehr als wilde «Rue de la Carambole» bekannt ist. Noch immer zieht die eine oder andere lokale Persönlichkeit, etwa der General oder die Dame in Weiss durch die Rheingasse. Der berüchtigte «Schwarze Bär», gleich gegenüber vom Ueli-Gässlein hat sich zu einer Shisha-Bar gewandelt hat, was die Kioskbetreiberin nicht als negativ sieht, da nach dem Ende der Bierschwemme nun weniger Alkoholleichen dort herumhängen würden. Das Dancing Sonne, mehrere Bars, die Fischerstube und natürlich der besagte Kiosk sorgen dafür, dass trotz entwendeter Strassenschilder der närrische Geist des Ueli nicht ganz aus der Gegend verschwindet.

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