gesichtet #62: Der Graffiti-Beyeler

Von Michel Schultheiss

Der Kunstsammler wurde selbst zum Kunstwerk: Nicht schlecht gestaunt hat so mancher Passant, als plötzlich ein prächtiges Porträt Ernst Beyelers auf der Fassade einer Abbruch-Bude auftauchte. Der im Jahr 2010 verstorbene Kunstsammler und Museumsgründer wurde beim Kohlistieg in Riehen als Graffiti verewigt. Hinter dem Werk steckt der Künstler DEST. Andere stadtbekannte Bilder, etwa der Tutanchamun beim «Jugi Eglisee» stammen auch von ihm. Im Rahmen eines Projekts der «Mobilen Jugendarbeit Riehen» wurden im Jahr 2013 die Fassaden des Hauses jungen Sprayern zur Verfügung gestellt. Während die hinteren Wände des Gebäudes zum rund um das Thema Nordpol verziert wurden, blieb die vordere Fassade zunächst leer. «Ich war dann so frech, auch dort etwas anzubringen», meint DEST. Dabei wollte er sich für ein Motiv entscheiden, das einen Bezug zu Riehen hat und auch die ganze Bevölkerung anspricht. Lange musste er nicht überlegen: Mit Ernst Beyeler hat er ins Schwarze getroffen und viele begeisterte Feedbacks erhalten.

Beyeler-Porträt

Der berühmte Riehener in einem kurzlebigen «Museum»: Die Graffitiwand am Kohlistieg (Foto: smi).

Der weltberühmte Gründer der Fondation Beyeler hat an einem Ort Platz gefunden, der vordergründig nicht so recht ins Bild von Riehen passen will. Zu oft ist dieses nämlich für manche Leute von Vorurteilen geprägt. Die Vorstellung von Riehen als ein vornehmen Villen-Dorfs mag zwar teilweise zutreffen, doch lässt sich die zweitgrösste Gemeinde der Nordwestschweiz nicht bloss auf diesen Aspekt reduzieren. Es gibt andere Facetten. Dies zeigt etwa das kürzlich thematisierte Geisterhaus auf: Eine Bauruine mit verwildertem Garten inmitten von Riehen sorgt für einen plötzlichen Bruch mit wohlgeordneten Gegend. Auch im Niederholzquartier, wo dieser Graffiti-Beyeler in seinem Glanz erstrahlt, kommt ein anderes Riehen als das beim Wenkenpark zum Vorschein: Einst stand im Areal des Dreiecks Rüchligweg-Kohlistieg-Rauracherstrasse eine ganze Siedlung von so genannten Notwohnungen des Kantons. Solche Einrichtungen sind zur Überbrückung von Notfällen bestimmt, das heisst für Menschen, welche wegen Hausbränden oder drohender Obdachlosigkeit durch Wohnungsnot in eine schwierige Lage geraten sind.

Graffitihaus Rüchligweg

Wo einst Notwohnungen standen und die «Village Sauvage» über die Bühne ging: Die Bauten am Rüchligweg in Riehen (Foto: smi).

Im Oktober 2009 kamen die bereits leer stehenden Notwohnungen in die Schlagzeilen: Unter dem Titel «Village Sauvage» stieg dort eine illegale Party, wie man sie in Riehen kaum erwartet hätte und auch weit über die Gemeindegrenzen hinaus Beachtung fand. Nach Angaben der Organisatoren sollen insgesamt bis 4000 Leute während zwei Tagen auf dem verlassenen Areal gefeiert haben. Im ehemaligen Kindergarten und in den Kellern ging die Post ab: Es spielten Live-Bands und DJs legten auf. Nach jenem Wochenende blieb das Areal lange einer der wenigen verwilderten Orte Riehens. Mittlerweile sind aber fast alle Notwohnungen verschwunden und längst sind die Bagger aufgefahren. Die Stiftung Humanitas baut ihr neues Alters- und Pflegeheim und wird somit von der Inzlingerstrasse ins Niederholzquartier ziehen. Zudem soll eine Wohnüberbauung für Familien entstehen. Knapp hundert Wohnungen sollen anfangs 2016 bezugsbereit sein.

Eskimo-Graffiti

Ein Projekt der «Mobilen Jugendarbeit Riehen»: Die Bruchbude wird zum Nordpol (Foto: smi).

Es gibt aber noch einen Überlebenden aus den Zeiten der Notwohnungen und der «Village Sauvage»: Das Gebäude mit dem Beyeler-Porträt wurde noch nicht abgerissen. Wie DEST meint, habe es daran gelegen, dass der Vertrag eines dort eingemieteten Ladens verlängert wurde. Daher konnte – zur Freude der Graffiti-Künstler – das Gebäude noch nicht den Baggern zum Opfern fallen. Es ist ihm allerdings nicht bekannt, wie lange das Haus mit den Kunstwerken noch stehen wird. Wer also das Beyeler-Konterfei und die anderen Werke noch besichtigen möchte, sollte also nicht mehr lange warten.

Graffitihaus-Rüchligweg-2

Ein Altersheim und Wohnungen sind geplant: Noch weiss man nicht, wie lange das Haus mit den Graffiti-Werken noch stehen wird (Foto: smi).

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