«Aden» von Paul Nizan in der Wertlosen Bibliothek – 3. Teil aus Elias Fausers «Wertloser Bibliothek»

Im 3. Teil seiner «Wertlosen Bibliothek» widmet sich Elias Fauser Paul Nizans Werk «Aden». Warum es lesen? Weil sich darin Betrübnis zu postmoderner Schönheit verwandelt, und weil Nizan darin mit der überkommenen Romantik des Reisens bricht.

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«Nizans Darstellungen enthalten Spuren ethnophobischer Kulturverachtung und speisen sich letztlich aus der Emotionalität seiner Selbstreflexion. Er sitzt dem Irrglauben auf, dass das Reisen nur vor dem äusseren Auge geschieht, während das innere die bewertende Instanz innehält.»

Von Elias Fauser

Ein Secondhand-Exemplar aus dem Jahr 1974, abgegriffen, vergriffen, nicht mehr aufgelegt: Paul Nizan scheint kein Autor der Stunde zu sein. 1905 in Tours geboren, erlebt er seine Kindheit im ersten Weltkrieg. Fortan entwickelt er sich zu einem urban-intellektuellen Studenten, der – an der Seite Jean-Paul Sartres – die Elitehochschule École normale supérieure in Paris absolviert. Sein Lebenswille schwankt zeitlebens zwischen Empörung und Überdruss. Er stellt seine Energie lange Zeit dem Marxismus und dem kommunistischen Untergrund der französischen Résistance zur Verfügung. Seine überschüssige Wut zieht ihn letztlich in den Krieg, in dem er 1940 bei Dünkirchen fällt.

«Aden Arabie» kann als persönlichste Schrift von Nizan gelesen werden und erhält dadurch zusätzliche autobiografische Brisanz. Während seiner Zeit in Arabien entsteht ein Pamphlet, das Francois Bondy 1970 zu Recht als ein Werk der «Anti-Exotik» beschreibt. In «Aden» wütet Nizan; er schimpft und hadert mit den «Geistlieferanten» des Nachkriegsfrankreichs, sucht Heil in einer Reise und findet dort nur neue Aufschlagflächen für Zerriss und Verschmähung. Ein Vokabular der Vernichtung, ausgeschmückt mit Gedankenspielen der Gewalt, Blasphemie und des puren Hohns. Seiner intellektuellen Beobachtungsschärfe im Detail steht der anti-kulturelle Flair des Scheuklappenkommunisten entgegen, in dessen Hasstrichter Nizan immer tiefer gen Exodus rutscht. Wenn Sartre sagt, dass Nizan die Stimme der revoltierenden Jugend Frankreichs werden könnte, so hat ihn die Geschichte fürwahr belehrt.

Weshalb findet nun das vergilbte Werk einen Platz im Kanon der rezensierten Bibliothek? Was wiegt das Wagnis auf, längst überholte Phrasen in den literarischen Kosmos zu dreschen und damit gescheitertem Pseudo-Politismus zu frönen? Es sind die aufblitzenden Gedanken des Betrübten, die sich in Melancholie gesuhlt zu postmoderner Schönheit und Relevanz wandeln: Es ist die anti-essenzialistische Romantik des Reisens, die Nizan wie kein anderer darzustellen vermag.

Bereits zu Beginn, nach seiner Reise von Paris nach Aden, bekundet er müde: «Ich bin angekommen: nichts, worauf man stolz sein könnte.» (S. 62)

Schon bald reflektiert er die Motive für das Streben nach Ferne und kommt zum ernüchternden Schluss, dass nicht die Ferne selbst, sondern die unerträgliche Nähe der Auslöser für das Streben nach Ferne sei, verwurzelt im Epizentrum angst: «Die erste Regung der Angst ist die Flucht.» (S. 63) Nizan, als Meister der Desillusion, präzisiert die Sachlage:

«Reisende, ihr werdet immer leerer und zittert, ihr werdet immer kränker von den Auswirkungen eures Leidens, umsonst versucht ihr, euch damit zu beruhigen, dass ihr euch immer wieder sagt, ihr seid frei und das könne euch immerhin keiner nehmen. Die Freiheit des Meeres und der Landstrassen ist eine Illusion.» (S. 67)

Der Ich-Erzähler beäugt – sichtlich skeptisch – die Vorgänge in der arabischen Kleinstadt. Er lässt sich widerwillig auf die Lebensweisen ein und skizziert ein nahezu kulturfeindliches Porträt von deren Sitten und Bräuchen. Aden – zu jener Zeit eine bedeutsame Handelsstadt, unweit der Meeresenge Bab al-Mandab am Roten Meer gelegen und politisch gestärkt durch Flottenstützpunkte und Regierungsbefugnisse – strahlt die kulturelle Vielfalt einer sich durch orientalische wie westliche Einflüsse mäandernden Stadt aus. Nizans Beobachtungen hegen jedoch keine Sentimentalitäten für transkulturelle Phänomene; er dokumentiert stumpf:

«Diese Leute spielen ihre Rollen in kleinen anekdotenhaften Dramen, die wie Schattenspiele die typischen Bewegungen des Lebens der zivilisierten Menschen wiedergeben. Diese Rollen sind beherrscht von Gewohnheiten und schwachen Leidenschaften, vom Leben, jenem simplen Spiel von lustlos angenommenen Bräuchen. […]

Die Bewohner von Aden leben genauso wie die von London und Paris – es sind ja die gleichen Pflanzen in einem Treibhaus, dessen Temperatur sie wachsen lässt: sie tauchen auf, bleiben stehen, gehen, weinen, verschwinden, verflüchtigen sich ohne sinn und verstand. Anfangs sieht man gar nicht, warum sie kommen und gehen, klingeln, sich unterhalten, man errät nur, dass diese Aktivitäten von fremden Plänen und Kräften geleitet werden, in denen sich eine Erklärung für jene wechselnden Erscheinungen finden muss. Sie führen sich auf, wie Erwachsene sich vor den kritischen Blicken von Kindern aufführen. […]

Schliesslich durchschaut man dieses abstrakte Spiel, bei dem die Spieler fast nur zwei Dimensionen haben, und es ist auch nicht schwer, das zu durchschauen, obwohl der Sinn des Stückes und die Fabel aus allem Widersinn des menschlichen Lebens zusammengesetzt sind. […] In allen Städten der Welt gibt es Zeitgenossen, die auf den Tag warten, wo die Deckel in die Luft gehen und die Schwungräder abspringen werden.» (S. 83)

Nizans Darstellungen enthalten Spuren ethnophobischer Kulturverachtung und speisen sich letztlich aus der Emotionalität seiner Selbstreflexion. Er sitzt dem Irrglauben auf, dass das Reisen nur vor dem äusseren Auge geschieht, während das innere die bewertende Instanz innehält. Dabei ist es eben jene Erfahrung, der wir im Fremden begegnen, die «den Horizont der eigenen Lebensweise transzendiert und für andere Möglichkeiten der Existenz öffnet, die eigene Lebensweise aber auch in Frage stellt» – wie Fuchs und Berg (1993) treffend formulieren. Nizans Resümee zum Mehrwert seines arabischen Aufenthaltes ist jedoch vernichtend.

«Das ist der Gewinn der Reisen. Es gibt nur eine einzige gewinnbringende Art zu reisen, das ist die Reise zu den Menschen, die Reise des Odysseus, wie ich hätte wissen müssen, wenn mir meine humanistische Bildung etwas genutzt hätte. Und sie endet immer mit der Rückkehr. Der ganze Gewinn einer Reise liegt in ihrem letzten Tag.» (S. 101)

Der Abspann des Pamphlets handelt von der Wiederankunft in Paris, von der Unmittelbarkeit der dort vorherrschenden Bedrückung als Ausläufer des ersten Weltkrieges. Aber auch der Ich-Erzähler spürt, dass die Variable Zeit den Begriff «Rückkehr» obsolet macht – dass es unter Einwirkung von Zeit keine solche geben kann. Er reist nicht zurück nach Paris, sondern wieder nach Paris hin. Er erlebt Paris anders, er denkt Paris anders, er spricht und handelt vor dem Hintergrund der Erlebnisse und Erfahrungen aus Aden. Er war kein herumirrender Odysseus, kein Spielball im pulsierenden Lebenskern von Aden, aber die psychische und physische Auseinandersetzung mit den dortigen Lebensgewohnheiten haben ihn dennoch beeinflusst und geformt.

«Aden» von Paul Nizan (1969 – rororo – Reinbek) ist das dritte vorgestellte Werk aus der Offjournal-Reihe «Die Wertlose Bibliothek» – zeitgleich publiziert in Offjournal:
M. Fuchs & E. Berg (Hrsg.) (1993): Kultur, soziale Praxis, Text. Frankfurt am Main: Suhrkamp

Hier findet sich der Prolog zur «Wertlosen Bibliothek».

2 Gedanken zu “«Aden» von Paul Nizan in der Wertlosen Bibliothek – 3. Teil aus Elias Fausers «Wertloser Bibliothek»

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