Zitat der Woche: Die vermeintliche Rückkehr der Geschichte

Das heutige Zitat der Woche greift ein aktuelles Thema auf, dessen Wurzeln weit in die Vergangenheit zurückreichen – die Krimkrise.

Der Krimkrieg (1853 - 1856) wirkt heute wie ein dunkler Vorbote des Ersten Weltkrieges. zVg

Die Krise in der Ukraine ruft unter anderem Erinnerungen an den Krimkrieg (1853 – 1856) hervor. zVg

Die gegenwärtige Lage auf der Halbinsel Krim bewegt die ganze Welt. Nach den Olympischen Spielen von Sotschi, deren Kontroversen betreffend Sanktionen gegen Homosexuelle sowie Terrorangst sich glücklicherweise in Grenzen hielten, kommt die immer weiter eskalierende Krise am Schwarzen Meer zwar nicht völlig unerwartet, aber dennoch in schockierendem Ausmasse. Sie trifft einen Nerv der Zeit, der erst seit den Ereignissen des 11. Septembers wieder erwacht sein sollte: Die Rückkehr der Geschichte.

Nach dem Mauerfall vor bald 25 Jahren und dem Ende der Sowjetunion verkündete der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, nun sei «das Ende der Geschichte» angebrochen. Der weitgehend friedliche Ausgang des Kalten Krieges markierte den Sieg der freien Marktwirtschaft und Demokratie, welche sich nach dieser Umwälzung auf der gesamten Welt durchsetzen würden. Fukuyamas These war umstritten, da sie davon ausging, historische Entwicklungen liessen sich im Hegel’schen Sinne voraussagen – doch u.a. mit dem Erstarken von Extremismus und dem weiterhin ungelösten Nahostkonflikt begann diese Zukunftsberechnung bald zu bröckeln.

Der 11. September 2001 gilt als Wendepunkt und «Rückkehr der Geschichte» – auch heute noch nutzen Journalisten oder Politiker wie Joschka Fischer diesen Ausdruck gerne, um die Auswirkungen solcher Ereignisse dramatisch zu unterstreichen. Doch wie Fukuyama vergessen sie, dass Geschichte kein Prozess ist, den man einfach ein- und ausschalten oder dessen Ende man voraussagen kann. Geschichte geschieht immer, egal wie leise und unauffällig sie gerade am Werk sein mag.

Auch Putins Griff nach der Krim wird als vermeintliche Rückkehr der Geschichte betitelt. Erinnerungen an die Sowjetunion und den Eisernen Vorhang kommen auf, die aktuelle Krise beschwört den Geist des Kalten Krieges. Hier kommt unser Zitat ins Spiel, in dem der Journalist und ZEIT-Herausgeber Josef Joffe den Konflikt zwischen dieser Historisierung und der eigentlichen Situation aufzeigt:

Putin lebt zwar im Zeitalter der Machtpolitik, aber sein Land ist seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 auf dem Weg ins 21. Jahrhundert, wiewohl mit reichlichen Rückschlägen.

Genauso wie die aktuelle Krimkrise nicht mit dem Krimkrieg von 1853 – 1856 verglichen werden sollte, so müsste die restliche Welt anders auf die Situation reagieren, wie Joffe weiter ausführt. Sanktionen und Diplomatie vonseiten der EU und der UNO könnten den Konflikt so aufweichen, dass keine bewaffnete Auseinandersetzung nötig wäre. Ob diese Hoffnungen wirklich berechtigt sind, bleibt abzuwarten – aber wie sich die Krise auch entwickeln wird, Geschichte hört deswegen nicht auf und kehrt auch nicht als Schreckgespenst zurück.

Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2014-03/krim-diplomatie-putin-russland

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