gesichtet #65: Der nimmermüde Porträtmaler

Von Michel Schultheiss

Er ist die Ruhe in Person. Täglich harrt er auf dem Claraplatz aus. Stets stellt er morgens seine Staffelei und einen Klappstuhl auf, dazu ein paar Beispielbilder, darunter ein Konterfei von Elvis. Nebst Porträts bietet er auch Schlüsselanhänger und Türschilder mit individueller Beschriftung feil. Beim Vreneli-Brunnen oder vor der UBS installiert er sich. Mit Kopfhörern und Baseballmütze wartet er in stoischer Gelassenheit auf Kundschaft, die sich aber nicht gerade oft blicken lässt. Dies vermag den vietnamesischen Künstler aber kaum aus der Fassung bringen. Als ob nichts wäre bleibt er eisern an seinen Stammplätzen.

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Gehört längst zum Inventar des Claraplatzes: Die Staffelei und das Elvis-Konterfei des vietnamesischen Porträtmalers (Foto: smi).

Was in Montmartre oder allgemein in vielen touristischen Gegenden längst zum Strassenbild gehört, ist in Basel eigentlich eine Seltenheit: Womöglich ist der besagte Porträtmaler der einzige seiner Branche in den Fussgängerzonen der Stadt. Eigentlich müssten solche Erscheinungen im stark reglementierten öffentlichen Raum eher eine Kuriosität sein – und dennoch wird er von den meisten Passanten kaum wahrgenommen. Dies scheint ihn aber nicht zu kümmern. Im Gegensatz zu manchen seiner Berufskollegen in Paris ist der wortkarge Mann alles andere als aufdringlich: Selbst auf Fragen nach seinen Werken reagiert er zurückhaltend. Auch wenn er ein Maler ist, der eigentlich kaum malt, ist er mindestens so geduldig wie die Akkordeonistin beim Barfi, welche sich mit zwei bis drei Tönen durchschlägt.

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In Touristengebieten ein fester Bestandteil, in Basel aber eine Rarität: Auch die mangelnde Kundschaft bringt den wohl einzigen Porträtmaler der Fussgängerzonen nicht aus der Fassung (Foto: smi).

Er ist nicht die einzige Figur, die mittlerweile nicht mehr vom Claraplatz wegzudenken ist. Auch andere gehören längst zum Inventar des belebten Flecks: Die manchmal lauthals streitenden Biertrinker, welche sich mit ihren Hunden unter dem Dach des Kioskhäuschens versammeln. Oder die Scientology-Beauftragten, welche die Passanten mit einem Persönlichkeits-Test beglücken wollen. Oder der charismatische junge Mann, der auf einer Kiste predigt. Oder die Info-Stände der Zeugen Jehovas, des Islamischen Zentralrats und der Aktion «Lies», die oft gleich nebeneinander um Aufmerksamkeit eifern. Oder der überzeugte Atheist mit den selbstbeschrifteten T-Shirts, der dann jeweils diesen Missionaren einen Besuch abstattet. Oder da wäre noch der Einzelgänger, der vor dem Denner während Stunden wie angewurzelt in die Welt starrt. Und schliesslich noch der etwas launische ältere Herr mit dem Rollator, dem man besser nicht im Weg stehen sollte.

Einiges diskreter als die meisten Genannten ist da der besagte Porträtmaler. Egal, ob’s die Passanten interessiert: Seelenruhig stellt er täglich von Neuem seine Staffelei und seine Zeichnungen auf. Gerade diese Routine zeichnet ihn aus. Unermüdlich wartet er ab, auch wenn er kaum je die Gelegenheit hat, sein Können zum Besten zu geben. Wie er das schafft, bleibt sein Geheimnis.

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