Jean Paul «Luftschiffer» – Ein Rezensionsspiel von Dominik Riedo

 Dominik Riedo bespricht auf verspielte Art und Weise Jean Pauls «Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch» in der typografisch wunderbaren  Wallstein-Ausgabe.

Layout 1

Sie mögen also Geschichten, mögen Erzählungen, den Tanz der Buchstaben auf der Netzhaut? – Ja? Dann lesen Sie weiter.

Von Dominik Riedo

1) Man könnte sich hinsetzen und warten, bis die Welt selbst Revue passiert. Dann hätte man allerdings nur Menschen und Tiere, die da an einem vorbeidefilieren, vielleicht noch ein paar Herbstblätter und Blütenpollen. Wir aber möchten auch Steine vorbeiziehen sehen, Bäume, Strassen und Wege, Pfade und Mauern.

a) Mögen Sie im Moment überhaupt weiterlesen? Ja?

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b) Nicht?

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2) Dazu kann man sich heute in einen Segelflieger setzen, in ein kleines Propellerflugzeug oder einen Helikopter. Früher aber, vor gut 200 Jahren, brauchte man noch – eine neue Erfindung.

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3) Luftschiffer Giannozzo nimmt sich Anfang des 19. Jahrhunderts eine Montgolfière und verbessert sie so, dass er sie in der Luft steuern kann (was herkömmliche Ballone nicht konnten). Allerdings nur in einer Erzählung, der Geschichte von Jean Paul (1763–1835).

a) Denken Sie, ‹Geschichte› meine ‹history›?

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b) Sie mögen also Geschichten, mögen Erzählungen, den Tanz der Buchstaben auf der Netzhaut?

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4a) Sie kennen Jean Paul und «Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch?»

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4b) Sie kennen Jean Paul, aber nicht diese Erzählung oder den Roman «Titan» (worin sie enthalten ist)?

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4c) Sie kennen weder noch?

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5) Jean Paul, geboren in Bayreuth, hiess eigentlich Johann Paul Friedrich Richter und war ein deutscher Schriftsteller. Er steht literarisch gesehen zwischen Klassik und Romantik, aber so richtig einteilen kann man ihn nicht. Fand auch Goethe, und las ihn kaum, während Schiller immerhin meinte, Jean Paul sei ihm zwar fremd, aber wie aus dem Mond gefallen (was Jean Paul sicher schätzte). Herder und Wieland allerdings hielten zu ihm.

Für Jean Paul waren sowohl die Aufklärung als auch die Religion als Vehikel von Trost gescheitert; gleichwohl hatten sie ihren Platz in seinem Weltbild. So gelangte Paul zu einer Weltanschauung ohne Illusionen, verbunden mit humorvoller Resignation. Dazu passt, dass der Schriftsteller einer der ersten Fürsprecher der Philosophie Arthur Schopenhauers war.

Geschrieben hat Jean Paul vielerlei und sein Werk ist umfangreich. Man kennt ihn heute vor allem als Verfasser solcher Klassiker wie «Die unsichtbare Loge» (1793), das «Leben des vergnügten Schulmeisterlein Wutz in Auenthal» (1793), «Siebenkäs» (1796–1797), «Titan» (1800–1803), «Flegeljahre» (1804–1805) und «Dr. Katzenbergers Badereise» (1809).

Jean Paul trieb die zerfliessende Formlosigkeit des Romans der Romantiker auf die Spitze; August Wilhelm Schlegel nannte seine Romane ‹Selbstgespräche›, an denen er den Leser teilnehmen lasse. Ständig spielt Jean Paul mit einer Vielzahl witziger und skurriler Einfälle; seine Werke sind geprägt von abschweifenden, teilweise labyrinthischen Handlungen.

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6) «Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch» ist eine Erzählung, ein Teil des Komischen Anhangs (dem zweiten Anhangsbändchen) zum Roman «Titan», veröffentlicht 1801.

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7) Mit Blick auf das Oeuvre ist «Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch» ein geeigneter Zugang zu Jean Pauls Werk, kann aber auch von Kennern mit Gewinn gelesen werden: Relativ kurz, relativ leicht zu bewältigen, bietet es doch alles, was diesen Autor ausmacht: satirischen Biss bei der Beschreibung seiner Zeit wie der Menschen, enormen Einfallsreichtum (so versieht er das Seebuch mit angeblichen Streichungen der Zensurbehörde oder ‹baut› sich selbst in den Text ein) und Stilsicherheit.

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8) Vom Inhalt her gesehen gibt es vor allem eine Sache, die himmelhoch glänzt: «Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch» ist einer der frühen literarischen Texte zur Luftfahrt, der Fahrt im Luftmeer.

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9) Dadurch eröffnet sich auch eine neue Perspektive von oben auf die Welt mit ihren kleinen Menschen und all den unwichtigen Sorgen und Zielen. Das gibt weidlich Anlass zu satirischen und ernsten Ausschweifungen. Satire und Idylle, metaphysische Gedanken und alltägliche (Un-)Sorgen: Das ist hier vereint.

a) Verstehen Sie? Ja?

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b) Sie verstehen nicht?

Jaja, schauen Sie jetzt einfach wieder fern.

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10) Und das ist einmalig: Denn Jean Paul, das seltsame Insekt, nimmt uns mit auf seine wundersamen, phantastischen Luftschiffs-Ausflüge, die über verschiedenste deutsche Landschaften und Städte bis zu den Schweizer Bergen führen. Dabei lässt er die Welt, auch Stein und Pflanzenwuchs, Revue passieren, und überzieht seine Landsleute, ach, die Menschen überhaupt, mit allerlei Kritik, Hohn und Spott.

Seinen zu vierzehn Fahrten gebündelten Reisebericht gibt er dabei aus als «Matrosen-Almanach» oder «Luftschiffs-Journal». Im Mittelpunkt steht denn auch sein Akteur Giannozzo, der zahlreichen skurrilen Begegnungen und grotesken Abenteuern ausgesetzt ist.

a) Giannozzo …? Ja, sicher, Sie vermuten richtig:

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b) Hä?

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11) Ja doch: Giannozzo, also Gian, also Hans, also Jean ist doch der selbstgewählte Vorname von Johann auch Gian Paul.

In einem Brief vom 23. Januar 1801 gesteht denn Jean Paul auch: «Ich bin […] wilder als sonst. Ich lege viele meiner Urteile einem über ganz Deutschland (in der Montgolfiere) wegschiffenden Giannozzo, einem wilden Menschenverächter, in den Mund, der bloss in seinem Namen spricht.»

a) Sie denken, das töne nun wie eine Vorausnahme zum noch viel mutigeren Dioskur-Stück im «Siebenkäs», also der Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei? Das aber ist circa fünf Jahre zuvor geschrieben worden.

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b) Sie haben kein Durcheinander mit den Lebensdaten?

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12) Was gewinnt der Leser dabei? Oder was ist an der ersten Frage hier bei der 12 falsch?

a) Keine Ahnung.

Zurück auf die 1.

b) Misogynie!

Weiter zur 13.

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13) Und genau so etwas lernt die Leserin oder der Leser: Giannozzo berichtet nichts über exotische Welten, sondern er macht das Vertraute durch den veränderten Blickwinkel zum Fremden und bringt dadurch häufig den eigentlichen Charakter zum Ausdruck.

a) Das macht ihn vermutlich glücklich?

Zurück zur 5.

b) Das macht ihn unglücklich?

Weiter zur 14.

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14) Unglücklich, genau: «Ich könnte ein pläsantes Leben hier oben führen, wenn ich mich nicht den ganzen Tag über alles erboste, was ich mir denke und finde. Schon drunten war ich oft imstande, tagelang die Stube auf- und abzulaufen und die Faust zu ballen, wenn ich über Ungerechtigkeit und Aufblasung reflektierte und mir die greuliche Menge der Schnapphähne und der Krähhähne vorsummierte, die ich in so vielen Ländern und Zeiten muss machen lassen, was sie wollen, ohne dass ich den einen die Sporen, den andern den Kamm abschneiden, dort Köpfe, hier Fenster einschlagen könnte.»

a) Das reicht Ihnen?

Schlagen Sie auf Ihren Computer ein!

b) Sie möchten mehr?

Weiter zur 15.

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15) «O Bruder Graul, kennst du auch den Ingrimm, wenn der Mensch sich vergeblich ein paar Sündfluten oder Jüngste Tage oder einen mässigen Schwefelpfuhl wünscht, und es wie ein fauler Hund mit anschauen muss, wie zahllose Blut- und Schweinsigel, Kirchenfalken und Staatsfalken – in allen Ländern, Departements und den drei Zeit-Dimensionen – ungestraft saugen, stechen, stossen und rupfen; – wie sie, gleich dem grünen Wasserfrosch, der die bewohnten Schneckenhäuser verdauet, Häuser und Länder verdauen; – wie sie (die besagten Bestien) wie der Ochse des Phalaris sogar den Schrei des Menschenschmerzes in das Brüllen einer wilden Tierstimme verkehren? – O könnte man nur eine Woche lang als ein hübsches volles Gewitter über die Menschenköpfe ziehen und sie zuweilen berühren von oben herab, so wollt‘ ich nicht klagen!»

a) Sie glauben, so schreibe heute keiner mehr – und meinen das als Kompliment?

Gehen Sie zur Klassiker-Ecke des Buchladens Ihrer Wahl!

b) Sie kennen legitime Nachfolger Jean Pauls?

Bitte schreiben Sie mir (mit Photo): Dominik Riedo / Weiermattstrasse 62 / 3027 Bern. Und gehen Sie dann zur 16.

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16) Sie schätzen also Jean Paul, schätzen seine Nachfolger, schätzen den Text. Warum also sollten sie eine neue Ausgabe von «Des Luftschiffers Giannozzo Seebuch» erwerben?

a) Weil davon Menschen leben, die ihren Beruf gerne weiterhin ausüben würden und die Ihnen immer wieder Freude bereiten durch schön gemachte Bücher?

Weiter zur 18.

b) Weil sie librophil sind?

Weiter zur 17.

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17) Dann lesen Sie das: «Mit der zweispaltig angelegten Typographie des Textteils und darin wechselnden Höhen der Schriftblöcke, die den Raum der Seiten ständig ausmessen, zeichnet Klaus Detjen die Wolkenformationen der Himmels-Erlebnisse des Giannozzo nach. In einer besonderen, zweifarbig angelegten, über dreissig Seiten reichenden graphisch-typographischen Suite werden vierzehn Momente der Fahrten des Giannozzo aufgerufen, die als Illustrationen das visuelle Zentrum des Buches markieren.»

Und: «Lieferbar [!], 96 Seiten, zum Teil zweifarbig, Leinen, Schutzumschlag, 18 x 27 cm, ISBN: 978-3-8353-1198-5 (2013)».

a) Sie wissen immer noch nicht, was das alles meint?

Studieren Sie Germanistik oder werden sie diplomierter Antiquar. Danach beginnen Sie wieder mit der 1!

b) Sie wissen das sehr wohl!

Weiter zur 18.

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18) Und nun kaufen Sie das Buch!

http://www.wallstein-verlag.de/9783835311985-jean-paul-des-luftschiffers-giannozzo-seebuch.html / Danach lesen Sie weiter bei der 19.

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19) Danke fürs Mitspielen!

Lesen Sie wohl!

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Dominik Riedo (*1974 in Luzern) lebt und arbeitet als Schriftsteller und Mitherausgeber von «Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie» in Bern. Dreizehn Buchveröffentlichungen. Von den Kulturschaffenden der Schweiz und der interessierten Bevölkerung direktdemokratisch zum Kulturminister der Schweiz ernannt (2007-2009). Präsident des DeutschSchweizer PEN-Zentrums von 2010-2012. – Dominik Riedo schreibt regelmässig für «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012».

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