Der Durchbruch – Kurzgeschichte von Daniel Lüthi

Aus aktuellem Anlass veröffentlicht «Zeitnah» an diesem Sonntag den Text «Der Durchbruch», den Daniel Lüthi im Rahmen einer Lesung vom 18. Mai am Hafenplatz vorgetragen hat. Ähnlichkeiten mit realen Ereignissen sind nicht auszuschliessen, jedoch auch nicht beabsichtigt.

Uferlose von oben

Hier feierte die Kurzgeschichte ihre Premiere. Mittlerweile steht «Uferlos», der Ort der Lesung, nicht mehr (Foto: smi).

Von Daniel Lüthi

Am Tag, als wir in unserem Keller endlich auf Gold stiessen, kam der Stromableser vorbei.
«Sei mal still», sagte Céline. «War das die Türklingel?»
«Ist Michael noch da?», fragte ich.
«Der ist vor einer Stunde arbeiten gegangen. Vielleicht hat er was vergessen.»
Sie lehnte ihre Spitzhacke an die Mauer und hastete zum Ende des Gangs. Steinstaub und Kiesel rieselten von den Querbalken, als sie die Treppe hinaufstürmte. Ich wandte mich wieder zu der kleinen Goldader, die wir heute früh freigelegt hatten. Es waren kaum mehr als glitzernde Kratzer im Gestein, doch sie zogen sich mindestens einen halben Meter durch den Granit, vielleicht sogar noch weiter. Wir würden tiefer graben müssen.
«Kommst du mal?», rief Céline von oben. Irgendetwas in ihrer Stimme verriet mir, dass ich das Licht ausmachen und die Kellertür hinter mir schliessen sollte. Sonne und der Geruch von frischgemähtem Gras warteten oben, ausserdem ein Mann in einem grauweissen Overall.
«Guten Tag. Sie sind der Besitzer des Hauses?», fragte er mich. Ich nickte und wir schüttelten die Hände. Célines Lächeln hätte Steine spalten können.
«Ihr Termin für die Stromablesung ist für heute elf Uhr vorgesehen», fuhr er fort. «Ich müsste dazu kurz in Ihren Keller.»
«Heute?», fragte ich vorsichtig. Der Mann nickte.
«Haben Sie Ihren Brief nicht bekommen?»
«Doch, aber… sind Sie sicher, dass es heute ist?», fragte ich mit einem Seitenblick zu Céline.
«Hier.» Der Mann klopfte mit einem Kugelschreiber auf seinen Schreibblock. «Das ist doch Ihre Adresse, oder? Ich muss nur schnell den Zähler ablesen, das dauert höchstens zwei Minuten», fügte er hinzu.
«Würde es Ihnen etwas ausmachen, nächste Woche zu kommen?», fragte Céline.
«Nächste Woche?», sagte der Mann.
«Nächste Woche?», hakte ich nach.
Sie rollte mit den Augen.
«Ja.»
«Können wir kurz reden?», zischte ich durch die Zähne. Céline folgte mir in die Küche.

«Wieso nächste Woche?»
«Um den Tunnel im Keller zu verdecken. Denkst du, ich will, dass der das Loch sieht?»
«Natürlich nicht! Aber unsere Ausrüstung?», fragte ich. «Die Deckenlampen? Das Geröll? Wir können das nicht alles bloss verdecken!»
Céline holte Luft.
«Wenn wir uns jetzt komplett querstellen, kommt der nicht alleine wieder, sondern bringt noch jemanden von der Stromverwaltung mit. Oder vom Baudepartement oder von der Polizei. Wir müssen ihm eine Alternative bieten. Er darf heute nicht in den Keller, aber bald.»
«Und was willst du ihm sagen?»
«Dass der Keller momentan nicht zugänglich ist, weil gerade andere Arbeiter da unten sind und Rohre versiegeln oder so etwas in der Art. Giftige Dämpfe, zu wenig Platz, was weiss ich. Hauptsache, es tönt plausibel und verschafft uns Zeit.»
«Gut, aber dann verdecken wir den Tunnel nicht einfach. Wir mauern ihn zu. Das sollte in einer Woche machbar sein.»
Céline seufzte.
«Abgemacht.»

Zu unserem grössten Erstaunen klappte es mit der Ausrede. Da unser Haus an einen anderen Stadtbezirk angrenzte, stimmte der Stromableser zögerlich zu, den Termin zu verschieben. Eine Woche später hatten wir den Tunnel zugemauert, das Baumaterial und die Werkzeuge weiter hinten im Gang eingelagert. Die Goldader war mit weisser Kreide umrandet. Pünktlich um elf Uhr klingelte es an der Tür. Ein paar Minuten später waren wir im Keller. Céline und ich standen da und warteten, während der Mann weit mehr tat als bloss den Strom abzulesen. Wie immer dauerte es länger als gedacht.
«Wussten Sie, dass eine Ihrer beiden Heizungsleitungen verrusst ist? Die müssen wir bald ersetzen.»
Ich streifte an der neuen Wand vorbei, die wir mehr oder weniger stabil verputzt hatten, und zählte die Sekunden. Mach schon, dachte ich und ignorierte die Klopfgeräusche, die meine Ohren mir vorgaukelten. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Céline mir ein Handzeichen gab. Sie deutete auf ihr Ohr und dann zur Wand. Ich erstarrte. Sie hörte es auch. Das Klopfen wurde dumpfer, etwas polterte zu Boden.
«Waren Sie das?», fragte der Stromableser, ohne sich umzudrehen. Céline zeigte energisch auf die Wand, ich zuckte mit den Schultern.
«Gut, das wärs auch schon», sagte der Stromableser und schloss den Zählkasten. «Ich brauche nur noch Ihre Unterschrift… hören Sie das auch?»
Das Klopfen war spürbar geworden. Es kam von der anderen Seite der Mauer. Céline und ich wechselten einen Blick.
«Wohnen noch andere Leute in diesem Haus?», fragte der Stromableser. «Haben Sie Untermieter?»
«Nein», antwortete ich und hoffte, zuversichtlich zu klingen. «Wir sind nur zu dritt.»
«Aber da ist doch jemand!» Der Mann klopfte gegen die Wand, legte ein Ohr dagegen. «Hohl! Diese Wand ist hohl! Wussten Sie das?»
Das Klopfen hörte auf. Wir starrten uns an. Schritte. Anschliessend erst leise, dann ein wenig lauter, erneutes Klopfen direkt an der Wand.
«Hallo?», fragte eine gedämpfte Stimme. «Ist da jemand?»
«Wer ist da?», fragte Céline zurück. Pause.
«Treten Sie bitte ein wenig zur Seite», kam schliesslich als Antwort von der anderen Seite, gefolgt von einem Schlag gegen die Wand. Der Verputz bröckelte und spaltete sich, beim vierten Schlag brach die Ecke eines Ziegelsteins hervor.
«Achtung!», rief die Stimme und ein Hammer durchschlug die Mauer. Schutt und Kies flogen uns entgegen, und erst jetzt realisierten wir, dass wir wirklich zur Seite springen sollten. Weitere Schläge hämmerten durch den Keller, und als sich die Staubwolke endlich gelegt hatte und Ruhe eingekehrt war, schaute ein Kopf aus dem Loch in der Mauer.
«Hallo», sagte er. Wir schwiegen und blickten ihn an. «Ist dies etwa auch ein Keller?», fragte der Kopf weiter. Céline nickte. «Interessant», meinte der Kopf und verschwand.

«Wohnt der hier?», fragte der Stromableser.
«Nein», antwortete ich. Der Kopf erschien wieder und machte sich daran, mit einem Brecheisen die übrigen Backsteine loszuhebeln.
«Äh… was tun Sie da?», fragte ich.
«Ich mache das Loch grösser, damit Sie durchkommen können. Dieses Grubensystem müssen Sie unbedingt sehen. Wer auch immer das gebaut hat, war zwar Amateur, aber begabt.»
Céline und ich sahen uns erneut an.
«Wo kommen Sie denn überhaupt her? Sie wohnen hier ja nicht, hat man mir gesagt», fragte der Stromableser.
«Nein, ich wusste gar nicht, dass hier auch noch ein Haus steht. Ich dachte, hier sei nur Garten.»
«Sie sind also ein Nachbar?», fragte Céline. «Warum graben Sie denn von der anderen Sei– ich meine, warum graben Sie denn von Ihrem Keller hierher?»
Der Mann stutzte.
«In diesem Teil der Stadt gibt es viel Edelmetalle unter den Häusern, sagt man. Und wenn ich schon mal die Zeit habe… kommen Sie!»
Er führte uns durchs Loch in den Hauptgang, den Céline und ich vor fünf Monaten begonnen hatten. Der Stromableser kritzelte etwas auf seinen Notizblock.
«Also das muss ich melden. Scheint ja alles stabil zu sein, aber es ist dennoch Vandalismus…», murmelte er und schaute auf die Uhr. Der Mann von der anderen Seite ging weiter, geradewegs auf die Goldader zu.
«Das ist wohl das Verwunderlichste», sagte er und wies auf die markierte Stelle hin. «Wer auch immer vor mir hier war, musste wohl abrupt abbrechen und dieses Gold unberührt lassen. Schade drum.»
Céline holte Luft, doch der Stromableser klopfte mit dem Stift auf den Block.
«Geben Sie mir bitte Ihre Adresse? Ich muss in zehn Minuten im nächsten Haus sein und brauche Ihre Personalien, um dies den Behörden zu melden.»
Der Mann drehte sich um.
«Was genau wollen Sie wem melden?»
«Ich muss wissen, wo genau Sie wohnen. Dies muss gemeldet werden.»
«Aha.»
Der Mann nickte.
«Gut. In Ordnung. Ich habe meinen Ausweis in meinem Haus. Kommen Sie mit.»
Der Mann und der Stromableser gingen weiter. Céline zuckte mit den Schultern und wir folgten ihnen.

Es roch nach altem Holz, als wir die Treppe zum Haus hinaufstiegen und einen dunklen Gang entlang in eine grosse Stube kamen. Etwas stimmte nicht. Im Kamin brannte ein offenes Feuer. Reagenzgläser und Bücher standen schief durcheinander in hohen Regalen, und vor den Fensterfronten fiel Schnee. Schnee im Juli?
«Irgendwo…», sagte der Mann, an einem Schreibtisch stehend, «ah, hier.»
Er schloss eine Schublade wieder. Ein Tier, das aussah wie eine Mischung zwischen Katze und Eule und daneben auf einem Buch zusammengerollt lag, öffnete kurz ein grün leuchtendes Auge, schnurrte unbeeindruckt und schlief dann weiter.
«Also, das ist mein letzter Ausweis. Ist eine Weile her, aber er sollte noch brauchbar sein. Diese Strasse hiess mal Kleiner Knöchelweg, heute nennt man sie nur noch den Knöchel. Die alte Strasse–
«Was soll das?», unterbrach ihn der Stromableser. «Hier steht, dass Sie 376 Jahre alt sein sollen und diplomierter Psychologe sind!»
Der Mann seufzte.
«Nicht Psychologe. Psychomant.»
«Psychomant?»
«Richtig. Was bedeutet, dass ich nun praktischerweise folgendes machen kann.»
Seine Stimme hallte auf einmal von den Wänden wider.
«Sie gehen zurück durch den Gang ins andere Haus, erledigen den Rest Ihrer Arbeit und gehen dann ins nächste Haus. Sie erinnern sich an nichts Aussergewöhnliches, was im Keller geschehen ist. Ach, und lassen Sie bitte meinen Ausweis hier.»
Der Stromableser stand starr, wie eine Puppe, die Augen auf nichts fokussiert. Dann drehte er sich um, legte den Ausweis auf den Schreibtisch und schritt langsam davon. Als seine Schritte im Keller verstummt waren, drehte sich der Mann zu uns um.
«Das wäre erledigt. Kommen wir zum Wichtigen. Da unsere Häuser wie auch immer aneinander angrenzen, sollten wir Einzelheiten betreffend Gold und möglicher Zusammenarbeit besprechen. Bleiben Sie zum Tee?»
Céline und ich sahen uns an und nickten dann. Nachbarn waren schliesslich Nachbarn.