Zitat der Woche: Ernst Jünger, In Stahlgewittern

Das neue Zitat der Woche bietet einen anderen Blickwinkel auf den Ersten Weltkrieg: Ernst Jüngers Erstling «In Stahlgewittern» ist so umstritten wie sein Autor; dennoch liest es sich als interessantes Zeitdokument.

Ernst Jüngers Buch liest sich heute eher als Zeitdokument denn als grosse Literatur. zVg

Ernst Jüngers Buch liest sich heute eher als Zeitdokument denn als grosse Literatur. zVg

Ernst Jünger (1895 – 1998) ist ein heute wenig gelesener Autor, dessen Oeuvre aber von Essays über fantastische Erzählungen bis hin zu autobiografischen Erfahrungen mit Drogen reicht. Sein Militarismus galt während der demokratischen Weimarer Republik als exotisch, wurde ihm jedoch vor allem nach der NS-Zeit böse nachempfunden – entsprechend findet sich auch besonders in seinen Frühwerken vielleicht nicht eine Glorifizierung, sicher aber eine starke Betonung des militärischen Geists. Auch «In Stahlgewittern» ist hiervon geprägt: Es soll ungeschönt und realistisch von Kämpfen in Schützengräben und Soldatenalltag im Ersten Weltkrieg berichten, kann sich aber der Kriegsbegeisterung nicht entziehen. Gerade das, was Jünger im Vorwort vermeiden möchte, zieht sich wie ein roter Faden durchs Buch:

Der Zweck dieses Buches ist, dem Leser sachlich zu schildern, was ein Infanterist als Schütze und Führer während des grossen Krieges inmitten eines berühmten Regimentes erlebt, und was er sich dabei gedacht hat. Es ist entstanden aus dem in Form gebrachten Inhalt meiner Kriegstagebücher. Ich habe mich bemüht, meine Impressionen möglichst unmittelbar zu Papier zu bringen, weil ich merkte, wie rasch sich die Eindrücke verwischen und wie sie schon nach wenigen Tagen eine andere Färbung annehmen. Es erforderte Energie, diesen Stapel von Notizbüchern zu füllen, in den kurzen Pausen des Geschehens, nach dem Tagewerk der Front, beim trüben Licht einer Kerze, auf den Treppen schmaler Stollenhälse, in zeltverhangenem Trichter oder feuchten Kellern von Ruinen; indes es hat sich gelohnt. Ich habe mir die Frische der Erlebnisse gewahrt. Der Mensch neigt zur Idealisierung des Geleisteten, zur Vertuschung des Hässlichen, Kleinlichen und Alltäglichen. Unmerklich stempelt er sich zum «Helden».

Ich bin kein Kriegsberichterstatter, ich lege keine Helden-Kollektion vor. Ich will nicht beschreiben, wie es hätte sein können, sondern wie es war.

Jünger schreibt in der Folge von waghalsigen Manövern sowie den dafür überreichten Auszeichnungen und Kameradschaft, was das Buch in die Nähe nationalistischer Kriegsliteratur oder Lyrik à la Rupert Brookes Gedicht «The Soldier» rückt. Andererseits verzichtet Jünger auf Hurrapatriotismus und Dämonisierung des Feindes, soweit dies nicht der Meinung der Soldaten entspricht. Was fehlt, ist eine kritische Ebene, die die Auswirkungen des Krieges reflektieren könnte – als Leser sind wir merkwürdigerweise meist aussen vor, was das Innenleben der Soldaten bzw. Kommentare der Erzählerstimme betrifft. Im Vergleich zu Erich Maria Remarques «Im Westen nichts Neues» vermissen wir Identifikationsfiguren oder Persönlichkeit, die Grausamkeiten des Krieges werden dumpf hingenommen und kaum bewertet.

Trotz der zitierten Verneinung Jüngers liest sich «In Stahlgewittern» deshalb häufig als ein mit Abenteuern geschmücktes Tagebuch ohne grosse Tiefe. Es nimmt ein wenig das vorweg, was Christopher Isherwood 1939 kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs weitaus eindrücklicher in «Goodbye to Berlin» beschreibt: Der Erzähler als Kamera, die das Geschehen aufzeichnet, objektiv, ohne kritische oder persönliche Färbung. Auch Jüngers Buch versucht sich an objektiv-alltäglicher Perspektive, scheitert aber an der eigenen Neutralität: Es wird nichts geschönt, doch auch nichts verhässlicht, zuallerletzt der immer noch heimlich als heldenhaftes Schicksal angesehene Krieg.