Im grünen Zimmer die Decke kauen – Andy Strässles Roman «Versprochen»

Der Basler Schriftsteller und «Zeitnah»-Mitbegründer Andy Strässle legt mit «Versprochen: Eine Liebesgeschichte» einen verstörenden, im besten Sinn des Wortes trügerischen Roman vor.

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Es ist die Klarheit solcher Sätze, es ist ihr Perlen, Schimmern und Glimmern, die «Versprochen» zu dem machen, was es ist. Weit mehr als gleissend glärrende Liebesgeschichte und Vergangenheitssuche, besticht «Versprochen» durch eine Vielzahl kleiner Fluchten aus dem Elends- in den Paradiesbereich der Sprache, und somit auch des Seins. (zVg)

Von Gregor Szyndler

«Es war im Schlaf, im Zwielicht eines Traumes.»
Marcel Proust: «Auf dem Weg zu Swann»

Martin wartet auf Natascha. Vor dem Tor der psychiatrischen Klinik wartet Martin auf Natascha. Die ganze lange Zeit lang hat Martin auf Natascha gewartet. Jetzt wird Natascha entlassen.

Martin kann es kaum erwarten, seine Natascha in die Arme zu schliessen. Sie, die Entkommene, die ihrer eigenen Hölle Entkommene:

«Die Hölle war so grau – zuerst. Eine Hölle der kleinen Dinge. Dinge, die das Leben mit sich bringt. Das Flüstern in einem Alptraum. Das immer lauter wird. Du kämpfst doch nicht gegen ein Flüstern, kämpfst nicht gegen Nebel, auch wenn er am Schluss so lange dablieb, bis du nicht mehr wusstest, wo der Rückweg jetzt zu finden war.»

Sätze wie diese zeichnen «Versprochen» vor allen anderen aus: Abgrund und Höhe dieser Sprache liegen in der Leichtigkeit, mit der Andy Strässle zwischen nüchterner Beschreibung, direkter Anrede eines abwesenden Gegenübers und Dialogpartien wechselt. Von der Oberfläche des Vertrauten geht es hier im Nu hinunter, ganz, ganz weit den Flur hinab, in die finsteren Keller einer Seele. Das Lispeln, Fieseln, Flüstern des Alptraums, das sich langsam aber sicher steigernde – kaum vom Pulsen vom Blut in den Ohren zu unterscheiden! –, das kennt doch jeder. Bei solchen allgemeinmenschlichen Erfahrungen setzt das Buch an, um die einzigartige Geschichte von Natascha und von Martin zu erzählen.

Warten auf Zeit

Anfangs versetzt uns «Versprochen» ins Innere des wartenden Martins, der die Zeit bis zum Auftauchen Nataschas nutzt, um zu qualmen. Was ist schon wartend verbrachte Zeit: sind es Minuten, Stunden, Tage, Jahre, Wochen? Minuten, ist man geneigt zu sagen, ein Dutzend Minuten, vielleicht eine halbe Stunde. Weit gefehlt. Andy Strässle nutzt die Rahmenhandlung des auf Natascha wartenden Martin, um den Leser auf eine Zeitreise zu schicken. Es ist ein Warten auf Zeit, auf Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft.

Bannendes Benennen, annäherndes Entfernen

Natascha ist Martins grosse Liebe. Er ist sicher, dass sie es ist, sie, diese betörende Schönheit, die ihm, dem manchmal etwas welken Bürogummi, so viel Liebe, Nähe, Leidenschaft gibt. Ein dunkles Geheimnis umgibt Natascha: Sie ist eigentümlich geschichts- und vergangenheitslos. Martin versucht, dem Ungesagten auf die Schliche zu kommen. Er erfindet Puff-Besuche, um ihr zu verdeutlichen, dass er tolerant sei und dazu bereit, die Vergangenheit, wenn sie denn einmal benannt wurde, ruhen zu lassen. Leider ist das bannende Benennen des Geheimnisses unmöglich. Nataschas Schatten treiben sie vor sich her, abgrundwärts, und sie überholen sie, lassen sie gebrochen hinter sich. Erst nach Nataschas Einlieferung in die Klinik flammt zarte Hoffnung auf das bannende Benennen auf:

«Das grüne Zimmer war hässlich, aber es war unsere einzige Hoffnung reden zu können.»

Martin hofft also, Natascha werde sich öffnen, werde sich ihrer Vergangenheit stellen. Es zulassen, dass die beiden gemeinsam stark sind. Natascha hingegen fürchtet, Martin werde sie jetzt, wo sie eingeliefert ist, nun, wo sie in einem grünen Zimmer haust und die Decke kaut, verlassen. Für eine andere. Für eine andere Vergangenheit, für eine andere Gegenwart, für eine andere Zukunft. Für ein anderes Leben. Natascha irrt sich.

«Wohin hätte ich davonlaufen können, wohin? Ich hatte nie die Absicht oder einen Grund gehabt, vor dir davonzulaufen.»

Kann sie seine Liebe annehmen, mit der er sich bedingungslos hinter sie stellt? Verschreckt er sie damit nicht sogar eher? Martin und Natascha nähern sich einander im selben Mass, in dem sie sich, sich einander annähernd, voneinander entfernen. Ihre Näherung ist eine paradoxe, eine stattfindende und doch nicht stattfindende Näherung. Das ist kein Zuckerschlecken für eine Prosa, die solche Paradoxien darstellen will! Andy Strässle löst nicht nur die inhaltliche Aufgabe, jene paradoxe Näherung darzustellen, sondern er weitet sie auf die stilistische Ebene aus: nämlich, indem er eine ebenso eingängig-unterhaltsame wie hintergründig-infragestellende Prosa schreibt. Es ist ja gerade Stärke und Achillessehne von «Versprochen», dass die komplexe Situation zwischen Natascha und Martin in direkte, unverstellte Worte gesetzt ist:

«In dem grünen Zimmer konnte ich [=Martin] die Fragen [warum er Natascha treu geblieben war] nicht beantworten – weder meine noch deine. Wusste nicht, warum ich war, wer ich war, und warum wir so gelebt hatten, wie wir es getan hatten. Dein Wahnsinn war ein Tausend-Watt-Scheinwerfer in einem Spiegel.»

Nicht wenig von diesem alle Wahrnehmung betäubenden Gleissen und Glärren des viel zu grellen Lichts im Spiegel zeichnet den Roman als Ganzes aus.

Raffinement und Kalauer

Andy Strässle verzichtet darauf, seine Geschichte in das schummerige Zwielicht von Sein und Schein, Traum und Wachen, zu tauchen. Er entscheidet sich für eine etwas stärkere Beleuchtung, für die Helligkeit des wachen Benennens. Das heisst nicht, dass er auf das Halbdunkel verzichtet. Das ist ja das Raffinement des vorliegenden Romans. Es ist ein Wagnis: die Präsentation eines so existenziellen, schmerzlichen Themas in einer solchen auf den ersten Blick widerhakenlosen, geschmeidigen und manchmal, ja, auch das, nicht um Kalauer verlegenen Sprache («[D]ie bürgerlichen Erwartungen an Freiheit und Sicherheit waren zwar die Autobahn, auf der man sich unmerklich dem Tod näherte, aber einen Sinn, dies weiter zu hinterfragen, hatte es nicht»).

Vom Autor verordnetes Duzis

Die Krux des Textes ist eine grundlegendere – die bei oberflächlicher Lektüre befremdlich erscheinenden Personalpronomen, ganz speziell das «Du» ausserhalb der direkten Rede. Hier wird ein Dialog evoziert zwischen Text und Lesern, auf den sich die Letztern einlassen müssen. Erst dann lässt sich dieses vom Autor verordnete Duzis analysieren. Erst dann lässt sich sehen, wie viel mehr als ein Mittel der direkten Leseranrede darin steckt. Ist man sich aber, so denke ich, nicht der an Hemingway geschulten Leichtigkeit bewusst, mit der sich dieses «Du» mal auf Natascha, mal auf Martin, mal auf die Leser, mal auf Jedermann bezieht, wirst du «Versprochen» falsch einschätzen, schlimmstenfalls – wir müssen es fürchten! – enttäuscht zur Seite legen.

Ein Roman von einem Satz

Die Komplexität von Andy Strässles Sprache erschöpft sich nicht in der Verwischung und Vermischung von Zeiten und Perspektiven. Es eignet «Versprochen» eine poetische Ader, die man nicht genug würdigen kann.

«Marlenes Stimme kam aus der Erde des Weins und fiel in die Sicherheit der Sterne.»

Was für ein Satz! Ein Roman von einem Satz. Ein Satz, der, auf hintergründige Art, im Stil dessen, der sich nicht auf den Effekten seiner Prosa ausruht, den Roman zusammenfasst. Was wissen wir schon – und auch noch mit Sicherheit! – von den Sternen? Dass sie leuchten, und dass der Wein behilflich ist, ein unter Alltagsverkrustungen diesem Zauber zu wenig zugängliches Gemüt wieder dafür zu sensibilisieren: für das Glitzern und Gleissen, für das diamantene Dasein der Sterne am nächtlichen Himmel. Was ist das für ein Dasein? Es ist ein «Dasein» von Lichstrahlen, die Minuten, eher aber Stunden, Wochen, Monate, Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte und länger, unterwegs waren, um dort anzukommen, wo sie ihre weinseligen Effekte zeitigen. Es ist ein «Dasein» ohne die örtliche Komponente «Da», ein Dortsein ist es, ein weit, weit Fort-, ein Wegsein. Weil wir nur den Abglanz sehen. Die Sicherheit der Sterne ist keine: längst kann erloschen, verschwunden, implodiert sein, was uns beim freien Blick nach ganz, ganz oben verzaubert. Dasselbe gilt in «Versprochen», das ist ja gerade die unausgesprochene, unaussprechlich traurige Grundnote. Sind Natascha und Martin noch da, sind sie einander noch nah? Sind sie erloschen, das letzte Zueinander findend in einem trügerischen Abbild? Erblicken sich da zwei auf Augenhöhe? Oder ist es nur das Anhimmeln, das der nächtliche, schlaflose Wanderer den Sternen entgegenbringt?

Spielzimmer Mittelland

Die Antworten auf solche Fragen überlässt Andy Strässle, der immer nur vordergründig alles sagt, seinen Lesern. Seine Rekonstruktion der Liebesgeschichte von Natascha und Martin lädt zu weit mehr als nur einer Lektüre ein. Neue Aspekte, Zwischentöne, Anklänge, Anspielungen lassen sich immer wieder finden; Tonlagen, die man im Fieber der ersten Lektüre überhörte. Gerade die humoristische Seite einer Prosa, die so weit in den Abgrund blickt. So wird in «Versprochen» eine Zugfahrt in den folgenden Worten beschrieben:

«Sie waren schon in der Nähe von Olten und die Landschaft sah aus, als hätte ein verrücktes Kind beim Spielen überall seltsame Häuschen hingestellt, um die Öde zu füllen.»

Eine saukomische Beschreibung des Mittelland-Einerleis aus Pendlerplantagen und steuergünstig gelegenen Verkehrsknotenpunkten ist das! Doch es ist nicht Komik um der Komik Willen, sondern es ist eine an die Landschaft delegierte Beschreibung der Lage zwischen Martin und Natascha. Ist auch ihre emotionale Landschaft einer solchen Zuglandschaft vergleichbar? Nach dem Motto: Wo die verrückten Riesenkinder Häuschen hinstellen wie Bauklötze, hantieren Natascha und Martin mit Erinnerungen, Hoffnungen, Wünschen – die gemeinsame Landschaft überbauend, strukturierend, verschandelnd, aufwertend?

Lyrischer Höhepunkt

Bei all dem ist noch kein Wort gesprochen vom Höhepunkt des Romans. Man muss es selber lesen. Denn alleine die folgenden Sätze sind es wert, dieses aussergewöhnliche Buch zu lesen:

«Ich erinnere mich an Eis und Schnee. Ich erinnere mich an das trockene Knacken von Eis in der Tanne. Es ist ein seltsames Geräusch. Es ist, als könne man die Zeit sich dehnen hören.»

Es ist die Klarheit solcher Sätze, es ist ihr Perlen, Schimmern, Glimmern, die «Versprochen» zu dem machen, was es ist. Nebeneinander verschiedenster Sinneswahrnehmungen auf engem Raum. Ernüchternd benennende, vorsichtig bannende, auf den Hoffnungsflug hinarbeitende Liebesgeschichte. Weit mehr als eine gleissend-glärrende Liebesgeschichte und Vergangenheitssuche, besticht «Versprochen» durch eine Vielzahl kleiner Fluchten aus dem Elends- in den Paradiesbereich der Sprache, und somit auch des Seins. «Versprochen» ist ein trügerisches Buch, dessen Stärke zugleich seine Achillessehne ist. «Versprochen» ist trügerisch, da es schnelle, einfache Antworten auf die aufgeworfenen Fragen zu werfen scheint. «Versprochen» ist stark, da es sich, bei eingehender Lektüre, solchen ebenso vereinnahmenden wie vereinfachenden Lektüren verweigert. Das Gleissen und Glärren des Romans droht zuweilen seine lyrischsten, subtilsten, stillsten Passagen zu übertünchen. Andy Strässle geht das Risiko ein, dass die scheinwerferhaften Aspekte seines Romans die subtileren Momente überleuchten. Doch nur wer wagt, gewinnt: Wer sich auf dieses Buch einlässt, betritt eine ebenso unterhaltsame wie schockierende Welt, eine bei all der Düsternis zwischen Titel und letztem Wort des Romans versöhnlich stimmende Welt. Versprochen.

Andy Strässle
«Versprochen»
Roman
IL-Verlag Basel, 2014
Taschenbuch, 214 S.
19.20 Fr.
978-3-905955-65-1

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