Der Rhythmus im Unbewussten – Michael Perkampus’ «Entropia»

Auf den Spuren von Arno Schmidt: In Michael Perkampus’ «Entropia, oder Hochzeit auf dem Lande» verlieren wir uns mal lustvoll, mal frustriert im Bilderreigen des Unterbewusstseins.

Michael Perkampus' «Entropia, oder Hochzeit auf dem Lande» bietet schwierigen, je nach Lesart jedoch lohnenswerten Zugang. zVg

Michael Perkampus’ «Entropia, oder Hochzeit auf dem Lande» bietet schwierigen, je nach Lesart jedoch lohnenswerten Zugang. zVg

Von Daniel Lüthi

Um es gleich zu Beginn zu sagen: Ich habe ein Problem mit Arno Schmidt. Ich bin fasziniert von seinen Ideen, seinem Stil und seiner damit verbundenen Sturheit – aber effektiv lesen kann ich ihn kaum. Bücher wie «Seelandschaft mit Pocahontas» oder das Riesenwerk «Zettels Traum» sind mir zu verschlossen, oder ich verhalte mich handkehrum ihnen gegenüber zu unaufgeschlossen. Trotzdem kehre ich immer wieder zu ihnen zurück, denn in kleinen Dosen und mit einer Prise Ironie finde ich dennoch manchmal Zugang.

Michael Perkampus folgt Schmidt in seiner Konzentration auf stream of consciousness, auf den freien Redefluss und die vieldeutigen Wortassoziationen. Sein neuestes Buch «Entropia, oder Hochzeit auf dem Lande» umfasst kaum 70 Seiten, dennoch sass ich fast einen ganzen Nachmittag daran. Der Hauptgrund dafür ist nicht wie befürchtet die Zähigkeit der Lektüre, sondern die Suche nach dem richtigen Rhythmus. Nach fünf Seiten war ich verwirrt und fühlte mich verloren im Dickicht des Unbewussten, weit weg von der versprochenen Hochzeit. Nach zehn Seiten blätterte ich nochmals zurück und begann von vorne. Und merkte: Es geht nicht ums Lesen, sondern ums Einlesen.

Die Bürde des Zugangs

Umberto Eco schrieb in der «Nachschrift zu Der Name der Rose», dass die ersten 100 Seiten seines Mittelalterromans eine Bürde seien, die LeserInnen zu überwinden hätten, bevor die eigentliche Lektüre und Handlung des Romans beginnen würden. Ähnlich verhält es sich bei Perkampus’ Buch, nur erstreckt sich diese Bürde über die gesamte Länge. «Entropia» versperrt den Weg, nervt stellenweise mit gekünstelter Undurchsichtigkeit. Es entsteht ein Wimmelbild-Effekt: Man kann einzelne Teile herauslesen oder das Dickicht an Wörtern überfliegen, bis man an einem davon hängen bleibt.

Liest man jedoch fliessend, d.h. von Satz zu Satz, so ergibt sich mit der Zeit zwar keine Klarheit, aber zumindest ein Rhythmus – Passagen ziehen wie Bilderreigen vorüber, ab und zu blitzt ein Aussagesatz im Chaos des Unbewussten auf. Diese Bilder erwecken durchaus Landatmosphäre und wirken in ihrer Gesamtheit fast erdverbunden, doch von Hochzeit oder gar Figurenaufbau sowie Dialogen ist so gut wie nichts zu finden. Paradoxerweise ist «Entropia» gerade in seiner Kürze verwirrend; mit mehr Länge (und vor allem mehr verschiedenen Perspektiven) hätte sich wie bei Schmidt ein Erzählmuster und Varianz ergeben. So jedoch versinkt die Lektüre in sexuellen Anspielungen, platten Vulgarismen und zahlreichen Ansätzen.

Vielleicht wäre ein bisschen mehr Ironie angebracht gewesen. Vielleicht verbirgt sich in «Entropia» mehr, als ich an einem Nachmittag herausfinden konnte. Als Experiment ist es durchaus interessant; als Roman jedoch anstrengend wie ein Berganstieg. Wer Herausforderungen liebt, sei eingeladen.

«Entropia, oder Hochzeit auf dem Lande»
von Michael Perkampus
Erschienen im September 2014 bei edition taberna kritika
70 Seiten, Klebebindung
ca. CHF 15.-
ISBN: 978-3-905846-30-0

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