gesichtet #91: Die Leiden des Stänzlers

Von Michel Schultheiss

Vor dem Hintergrund eines milchigen Vorhangs sind von der Strasse aus mehrere Zettel zu sehen: «Raucher sterben nicht an Krebs – sie erfrieren vor der Kneipe» steht etwa hinter der Fensterscheibe geschrieben. Zudem prangt dort der «Dezember-Hit» für 8.90 Franken – zurzeit ist’s Hörnli mit Hackfleisch und Apfelmus. Die Hinweise auf Fondue, Glühwein und gefrorene Raucher bekamen kürzlich Besuch von anderen Bekundungen: Aussagen «OSZE angreifen», «Fight back» und «Kultur statt Kulturstadt» waren kürzlich auf der Fassade des Restaurants «zem Stänzler» zu lesen.

Stänzler Raucherwitz

Deutliche Worte am Fenster: Der Stänzler-Wirt sieht im Rauchverbot den Niedergang der Quartierbeiz (Foto: smi).

Diese Bilder gehören aber mittlerweile der Vergangenheit an. Inzwischen wurde alles weggeschrubbt. Noch vor ein paar Tagen sah diese Ecke an der Feldbergstrasse in Basel ganz anders aus. Am Umzug vom 8. November wurden ein Lebensmittelladen im St. Johann sowie die Häuser am Erasmusplatz besonders hart angepackt, was auch unter den Teilnehmenden für Kontroversen gesorgt hat. Lange Zeit waren auf den Fassaden des Stänzlers die Spuren noch sichtbar. Während bei der Lady Bar und Herzog & de Meuron, dem PowerZone die Motive der Sprayenden bekannt sein dürften, ist es schleierhaft, weshalb eine Quartierbeiz am meisten Anti-OSZE-Sprüche abbekam. Vielleicht lag es an ihrer exponierten Lage an diesem Platz, der eigentlich nicht wirklich einer ist.

Stänzler mit Sprayereien

Spuren vom 8. November 2014, die mittlerweile verschwunden sind: Beim «Reclaim the streets» wurde der Erasmusplatz besonders hart angepackt (Foto: smi)

Dabei haben die Sprayenden und der «Stänzler» vielleicht mehr gemeinsam, als ihnen bewusst ist: Beide haben nicht selten mit nörgelnden Anwohnern zu kämpfen. Die Beiz hat nämlich weit grössere Sorgen als zeitweilige Anti-OSZE-Sprüche an den Hausmauern: Wegen Beschwerden muss im Sommer die Gartenwirtschaft im kleinen Innenhof schon um 20 Uhr geschlossen werden. Wie Stänzler-Wirt Helmut Zankl erzählt, sei schon mal wegen drei im Freien rauchenden Gästen die Polizei gerufen worden. Wie er sagt, würde seiner Beiz das Rauchverbot zu schaffen machen. Der berühmte Stammtisch, der im Stänzler nicht in der übertragenen, sondern richtigen Form noch existiert, zerfalle immer mehr. Daher sind auch die lustigen Zettel mit den erfrierenden Rauchern besser verständlich.

Stänzler Monatsmenü

Schlicht und währschaft: Das Konzept von Quartierbeizen wie dem Stänzler blieb unverändert, was nun nicht mehr ganz einfach ist (Foto: smi).

Den Stänzler gab’s schon lange bevor diejenigen, welche nun die Feldbergstrasse und überhaupt das Matthäusquartier hip finden, überhaupt in den Windeln lagen (ja, ich geb’s zu, diese Aussage klang ziemlich altväterlich): Seit über dreissig Jahren führt Helmut Zankl er den Stänzler schon. Bevor die Beiz übernahm, trug sie den Namen «Erasmuseck». Da aber auf der anderen Seite der Strasse ein Restaurant «Zum Erasmus» gab – die heutige Fussballkulturbar «Didi Offensiv» – entschied sich Zankl für einen anderen Namen. Eine Fasnachtsclique, die sich nach der Bezeichnung für die alte Basler Standeskompagnie benannte, diente als Inspiration.

Am Beispiel des Stänzlers, der nach dem Demoumzug unfreiwillig für Aufsehen sorgte, wird ein Problem mancher Quartierbeizen deutlich: Viele dieser urchigen Lokale, die etwas «älteln», haben es zurzeit nicht gerade einfach. Wer tagsüber in den Kleinbasler Beizen dieser Art unterwegs ist, wird schnell feststellen, dass insbesondere im Winter diese Orte eine Bleibe sind für so manchen Anwohner – und nicht nur für die privilegierten unter ihnen. Was diese tun werden, wenn mal die letzten Quartierspunten als Orte der Begegnung fallen sollten, ist ungewiss. Noch aber macht zum Beispiel der Stänzler mit Altbewährtem weiter: Weiterhin hängt der «Monatshit» in der Vitrine, manchmal auch mit etwas sonderbar klingenden Gerichten wie «Bebbi-Flitzer mit Kartoffelsalat». Das Schöne daran ist auch, dass sich diese Speisen gleich unter dem Gedenkschild zu Ehren von Erasmus von Rotterdam prangen dürfen, womit der grosse Humanist auf währschafte Hausmannskost trifft.

Stänzler Wirtshausschild

Der Humanist trifft auf die Fasnachtsfigur: «zem Stänzler» am Erasmusplatz (Foto: smi).

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