Alice Doesn’t Live Here Anymore – Richard Glatzer und Wash Westmorelands «Still Alice»

Das Regie-Duo Glatzer und Westmoreland legt nach «Quinceañera» einen Independent-Streifen mit Mainstream-Appeal vor, der auch bei der Academy sehr gut angekommen ist. Julianne Moore wurde für ihre Darstellung einer an Alzheimer erkrankten Linguistik-Professorin mit dem Oscar für die beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet.

Die Linguistik-Professorin Alice Howland (Julianne Moore) weiss nicht mehr, was los ist. Bei einer Vorlesung weiss sie nicht mehr, was Phonologie ist und was Phonetik und muss alles vom (digitalen) Blatt ablesen. Ihr Arzt muss ihr nach einiger Zeit schonend beibringen, dass sie an Alzheimer erkrankt ist, einer seltenen, vererbten Art, die schon früh einsetzt – Alice ist erst 50 Jahre alt. Für ihren wohl etwa gleichaltrigen Mann (Alec Baldwin) beginnt aber das Leben erst: eine tolle Stelle in der Medizin winkt, und auch die Kinder Lydia und Anna verfolgen vorerst ihre eigenen Pläne. Lydia (Kristen Stewart) will eine Karriere ganz ausserhalb der akademischen Welt leben und zieht an die Westküste, Anna (Kate Bosworth) ist soeben schwanger geworden. Wird sich Alice noch an Lydia erinnern, wenn sie das nächste Mal an die Ostküste kommt?

Die Linguistin Alice (Julianne Moore) muss plötzlich vom Computer ablesen. (Bild: zVg)

Die Linguistin Alice (Julianne Moore) muss plötzlich vom Computer ablesen. (Bild: zVg)

«Still Alice» ist zwar eine Independent-Produktion; der Film ist aber ganz der Konvention verpflichtet. Deshalb hat er wohl auch der Academy so gut gefallen, dass sie Julianne Moore für ihre zweifellos gelungene Darstellung der Alice einen Oscar zugesprochen haben. So weit, so gut. Der Film ist durchwegs anrührend und packend, aber vor den wirklich schwierigen Fragen weicht er immer wieder aus, etwa dann, wenn Alice’ Selbstmordversuch im letzten Moment verhindert und nicht mehr weiter thematisiert wird. Das drohende Ende der Kommunikation wird so zwar angedeutet, aber in letzter Konsequenz eben ausgeblendet. Und dass die unabhängige Lydia am Schluss plötzlich doch ihre Mutter pflegen will, ist zwar nicht unbedingt weit hergeholt – aber doch eine zu einfache Lösung. Aber trotzdem braucht es wohl gerade so einen Film, um ein schwieriges Thema wie Alzheimer – letztlich nicht nur das Ende der Kommunikation, sondern das Ende der Identität selbst – auch einem breiteren Publikum näherzubringen.

Sicherlich, wenn ein Film wie «Quinceañera», der im Chicano-Milieu der Westküste spielt, oder auch «Selma»  einen wichtigen Oscar erhalten würde – das wäre ein starkes Zeichen, dass der Oscar eben nicht nur eine weisse Institution ist. Aber so weit ist Amerika (und die Welt) eben doch noch nicht. In «Still Alice» sind alle weiss, mal abgesehen von einigen kleinen Nebenrollen bzw. Statistinnen und Statisten. Weiss – und reich. Trotzdem ist Alzheimer natürlich ein Thema, das alle angeht – nur haben sicherlich nicht alle die finanziellen Ressourcen der Familie Howland. Und Alice ist eben schon bald nicht mehr «Still Alice» – auch der Titel des Films ist beschönigend.  «Still Alice» ist also sicherlich kein schlechter Film, aber eben doch eine wenig kontroverse Wahl – wie auch «Birdman». Beide Filme sind aber – bei aller Kritik – absolut sehenswert.

«Still Alice».  USA 2014. Regie: Richard Glatzer, Wash Westmoreland. Mit Julianne Moore, Alec Baldwin, Kristen Stewart, Kate Bosworth, Hunter Parish u.a. Deutschschweizer Kinostart: 5.3.2014.

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