Rückkehr der Wölfin

Der fünfte Roman «The Wolf Border» der englischen Schriftstellerin Sarah Hall gilt als eine der wichtigsten Neuerscheinungen des Jahres. Während es der 41-Jährigen nicht leichtfällt, alle Erwartungen zu erfüllen, gelingt es ihr, die innere und äussere Geografie in ihrer Geschichte zu verschmelzen.

Die britische Autorin Sarah Hall erzählt mit Understatement und Präzision und erzeugt einen schier unwiderstehlichen Sog.

Die britische Autorin Sarah Hall erzählt mit Understatement und Präzision und erzeugt einen schier unwiderstehlichen Sog.

Von Andy Strässle

Rachel Caine weiss alles über Wölfe, hat ihr Leben als Forscherin ganz den Raubtieren gewidmet. Trotz aller Bewunderung und allen Bemühungen werden die Jäger zu Gejagten, immer mehr Lebensraum geht verloren und ihr Image ist auch nicht das Beste. Ohne es zu bemerken, lebt Rachel Caine am Anfang von «The Wolf Border» ebenfalls in einem verschworenen Forscherrudel in Idaho. Ihr Verhalten ist demjenigen einer Wölfin nicht unähnlich. Tagsüber wird in der Wildnis geforscht und abends in der Dunkelheit eine kalte, ziellose Lust erfüllt.

Es ist zehn Jahre her, seit die 42-jährige Caine das letzte Mal in ihrer Heimat Nordengland gewesen war, auch jetzt kehrt sie nur zurück, um die Mitarbeit an einem Wolfprojekt in der Grafschaft Cumbria abzuchecken. Dabei besucht sie zwar ihre Mutter im Altersheim, die im Sterben liegt, ruft aber ihren jüngeren Bruder nicht einmal an. Erleichtert fliegt sie in die Staaten zurück und verpasst im Schneesturm die Beerdigung der Mutter. Nach einer missglückten Liebesnacht mit einem Freund folgt die Rückkehr nach Cumbria und darauf ein Jahr, das Rachels Leben nachhaltig verändern wird.

Im Grunde seziert Sarah Hall die Geschichte einer Familie, die nicht funktioniert. Schritt für Schritt wird die innere Eiszeit der Heldin aufgetaut, während gleichzeitig um sie herum der Kampf um Lebensraum für die von ihr betreuten Wölfe tobt. Bei oberflächlicher Lektüre denkt man sich, das ist ja nett gemacht: Ein ökologisches Thema, verwoben mit der Entwicklungsgeschichte einer Frau, die sich plötzlich auf ihre Familie und ihre Biografie einlassen muss.

Doch Sarah Hall tut im Hintergrund etwas anderes. Sie erzählt von den Wölfen, der Landschaft und den politischen Diskussionen, doch gleichzeitig sind die Wölfe immer eine Metapher für ein nicht ganz gelebtes Leben. Sie sind die Stellvertreter in einem Kampf um Identität und um die Frage, wie man sich bloss selbst genügen kann. Ähnlich wie bei Sarah Halls drittem Roman «The Carhullan Army» von 2007 sind die Landschaftsbeschreibungen intensiv und die Umgebung so lebendig, dass die Landschaft beinahe ein Teil der Handlung ist. Die Parabel um eine Frauen-Militia, die vor einem repressiven Staat geflüchtet ist und dabei selber immer repressiver wird, ist ebenfalls im hohen englischen Norden angesiedelt und untersucht, ähnlich wie «The Wolf Border», das Verhältnis von weiblicher Sexualität zu Macht und Freiheit.

Beim Roman «How To Paint A Dead Man» von 2009 hat begonnen, was Hall nun fortsetzt – die Perspektiven von Mann und Frau verschmelzen immer wieder. Die Unterschiede sind nicht mehr geschlechtsspezifisch. Das immer im Angesicht der Gebrochenheit, im Angesicht der Endlichkeit. In Halls Meisterwerk bleibt der berühmte, alte Maler unvergesslich, der im Alter nur noch die gleiche Flasche und die gleichen Früchte malt, während er sein Ende vorausahnt. Dem sterbenden Maler in Italien stellt die Autorin eine junge Frau in London gegenüber, die sich mit Sex zu betäuben versucht, weil sie über den Verlust ihres Zwillingsbruders nicht hinwegkommt.

Die Stärke von Sarah Hall bei allen Büchern ist ihr Stil. Zwar bleibt sie fast so kalt und mechanisch wie Kazuo Ishiguro, doch gleichzeitig sind ihre Beschreibungen sinnlich. Die Autorin verzichtet auf Feuerwerke, aber auf lautlose und lautere Art entsteht so ein mitreissender Sog. Kurz: Mit «The Wolf Border» geht die Engländerin das Risiko ein, dass die Geschichte mit einer Familienchronik oder einem Entwicklungsroman verwechselt wird, doch gleichzeitig ist die Rückkehr der Wölfin als Mensch beinahe unwiderstehlich.

Sarah Hall
The Wolf Border
Faber & Faber
London, 2015
ISBN 9780571258123
28.50 Franken

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