Editorial

«Alle Welt, alle Welt ist Sprache.»  – Was süffig klingt und plausibel daherkommt, scheint im Internet ab und an unterzugehen. Schnell vergisst man angesichts von Kalauern des Schlags:

«Die Welt, meine sehr verehrten Leute,

die Welt ist weder Scheibe noch Kugel,

die Welt, das weiss doch jeder heute,

die Welt ist ein Such-Tool von Google»

den im Grunde urpoetischen Kern des Netzes. In den paar Vokalen und Konsonanten von «Poesie» tritt die griechische ποίησις (poiēsis) auf, das Machen, Verfertigen, Dichten. Was anderes ist das WWW: Unentwegt im Entstehen, flirrend in nicht abreissender Mache, schillernd vor Möglichkeit und Machbarkeit, Masche um Masche verdichtet und andernorts gelöst, ohne Unterlass verfertigt und zu neu verknüpft.

Dem Internet wird manches nachgesagt – jeder kennt die stets chorisch angestimmten Kultur-Untergangs-Arien -, nur befremdlicherweise eines gerade nicht: dass das WWW das natürliche Habitat auch für Textkultur und Kulturtext ist, die sich wohl in Verbreitungsmethode und Weite des vorgelagerten Flaschenhalses, keineswegs aber in Sachen Anspruch oder angepeilter Fallhöhe von den uns so vertrauten, ans Herz gewachsenen Textformen des Gutenberg’schen Universums unterscheiden. Die Möglichkeiten sind stupend.

Deswegen haben wir «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012» lanciert. Auf unseren Seiten finden Sie pulsierendes, lebendiges WWW-Schreiben mit Handschrift, literarische Texte, Rezensionen, Features, Meinungen sowie den einen und anderen Zeitenhieb.

Wir wünschen Ihnen eine angeregte Lektüre und hoffen, Sie bald wieder begrüssen zu dürfen.

Daniel Lüthi                 Michel Schultheiss                   Andy Strässle               Gregor Szyndler