Nicht alle Nazis leben in Südamerika – Cristian Mungius «R.M.N»

Cristian Mungius neuer Film spielt in Transsilvanien und zeigt auf, wie vermeintlich hundskommune Xenophobie zu mörderischem Rassismus wird.

Matthias ist ein Transsilvanier mit deutschen Wurzeln, oder genauer: luxemburgischen Wurzeln. Weisst du, wo Luxemburg liegt, fragt er seinen kleinen Sohn Rudi. Er will, dass aus ihm ein echter Mann wird, aber Rudi hat Angst. Kein Wunder, in einem mehrsprachigen Ort in Transsilvanien, wo die verschiedenen Ethnien einander mit Misstrauen begegnen, wo die Roma bereits vertrieben wurden. Csilla (Matthias‘ Geliebte), arbeitet in einer Bäckerei. Da niemand zum Mindestlohn arbeiten will, wurden Arbeitskräfte aus Sri Lanka eingeflogen. In der einheimischen Bevölkerung brodelt es …

Cristian Mungiu war schon immer ein Regisseur, der schwierige Themen anpackt. Die Goldene Palme erhielt er für seinen Film «4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage»: darin ging es um eine Abtreibung in Ceaușescus Rumänien. In seinem neuen Film seziert er den Rassismus rumänischer Prägung, der sich ebenso schnell gegen die alteingesessenen Minderheiten im eigenen Land wie auch gegen Ausländer richtet. Vielleicht ist Transsilvanien dabei ein besonders naheliegender Standort für diese Analyse: Schon Bram Stoker hat diese multiethnische Region ausgewählt für «Dracula» ursprünglich sollte der Roman in der Steiermark spielen. 

Csilla und Matthias. (Bild: zVg)

Mungius Film spielt zwar in Transsilvanien, aber der Hass der verschiedenen Volksgruppen aufeinander und die Xenophobie, die schnell zu mörderischem Rassismus wird, sind natürlich auch im Westen keineswegs unbekannt. Neben Radu Judes «Bad Luck Banging or Loony Porn», an den Mungius Film bzw. die Diskussionen unter den Menschen in Mungius Film etwas erinnern, kommt da interessanterweise gerade «Deux jours, une nuit» von den Dardenne-Brüdern in den Sinn, in dem die Menschen auch unter Demokratie etwas ganz anderes verstehen bzw. erleben als das, was eigentlich gemeint ist.

In beiden Filmen ist es auch der ökonomische Druck, der massgebend ist; bei Jean-Pierre und Luc Dardenne ist dies sogar firmenintern institutionalisiert … im Westen ist es also die Ökonomie, die den Ton angibt, im Osten sind es der Staat (oder auch die Kirche – der katholische Pfarrer macht einen sehr schlechten Eindruck), die es richten sollen. Aber Demokratie heisst eben nicht, ungenehme Menschen einfach aus der Nachbarschaft oder dem Betrieb zu verbannen.

«R.M.N.». Rumänien/Frankreich/Belgien/Schweden 2022. Regie: Cristian Mungiu. Mit Marin Grigore, Judith State, Macrina Bârlădeanu, Orsolya Moldován, Andrei Finți, Mark Blenyesi, Ovidiu Crișan u. a. Deutschschweizer Kinostart am 19. Januar 2022.


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