TV-Krimis in der Malaise

In der Klemme ist, wer nicht Klemms Meinung ist. Staatsanwältin Klemm hat Zeitung gelesen. (zVg)

Neues Frankfurter Team, neue Frankfurter Schule?

In Frankfurt hatte man den grandiosen Einfall, die neuen Ermittler Steier und Mey anhand von Fällen einzuführen, die sich so im echten Leben zutrugen. Pate stand der neudeutsch: ‚Profiler‘, Beamtendeutsch: „zertifizierter polizeilicher Fallanalytiker“ genannte Kommissar Axel Petermann. Unter der Fittiche dieses langjährigen Mordfall-Ermittlers gelangen Fälle, die sich vielen Trends widersetzten. Dadurch, dass mit Petermann ein tatsächlicher Ermittler, der womöglich von seinen Fällen bis hinab in den Schlaf verfolgt wird, die Dreharbeiten begleitete, gewinnen diese Fälle beklemmende Authentizität. Natürlich hat man auch in diesen Fällen ab und an den Eindruck, dass da ein Drehbuchschreiber nicht an sich halten konnte. Dieser Eindruck trügt jedoch; Realismus ist hier in der Fallaufklärung ganz oben auf der Liste (eine Revolution im Tatortland; die Figurenzeichnung ist da schon eher tatorthodox). Axel Petermann widmete sich den in seinem Buch verarbeiteten Fällen mit Haut und Haaren. Er wollte nicht nur den Opfern Gerechtigkeit zukommen lassen, sondern auch verstehen, was die Mörder antrieb. Mit dem Mörder aus dem Fall, der in Frankfurt für den Tatort „Es ist böse“ verwendet wurde, baute er über die Jahre sogar eine Beziehung auf, besuchte ihn im Gefängnis: So viel Hingabe und Aufopferung des Produktions-‚Einflüsterers‘ wirkt sich auf die Glaubwürdigkeit des Filmes aus, da auf vielerlei Schnickschnack verzichtet werden kann.

Fiktion überholt Realität 

Dieser Frankfurter Realismus ist nicht neu. Schon in der Anfangszeit des Tatorts sorgte der Frakfurter mit Realitätstreue für Schlagzeilen. So weiss www.tatort-fundus.de zu berichten, dass der insgesamt erst sechste Tatort, ein Film namens „Frankfurter Gold“ seinerzeit für Aufsehen sorgte (Erstausstrahlung am 4. April 1971). Damals überholte die Fiktion die Realität. Es ging um einen schweren Betrugsfall, indem sich ein Finanzgenie mit ’selbstgemachten‘ Gold Hunderttausende Mark ergaunerte. Dieser Tatort nahm mit einem Gemisch aus Blei, Kupfersulfat und einer hauchdünnen Goldschicht ironisch Nixons überraschende Aufhebung des Goldstandards (Sommer 1971) vorweg. Natürlich dürfte man gegenüber der Fiktion des Goldmachens in einer Stadt wie Frankfurt längst nicht nur wegen dem dortigen Sitz verschiedener Grossbanken aufgeschlossen gewesen sein. Auch literarisch lässt es sich mit einem solchen Pfund bekanntlich trefflich wuchern. Solches Goldpanschen wirkt heutzutage angesichts hochkomplexer Derivate, die nicht einmal mehr von ihren Schöpfern durchschaut werden, geradezu drollig. Heute muss keiner mehr mit Blei und Kupfersulphat umgehen können, um noch weitaus Giftigeres herzustellen als ein paar gefälschte Goldbarren. Heutige Wirtschaftsverbrechen haben ein Zeitfenster im Nanosekundenbereich. Auch kommt kein Tatort mehr ohne Mord aus. Nicht so 1971 in „Frankfurter Gold“, einem Film, der lange als Höhepunkt der jungen Reihe galt. In dieser Anfangszeit kam es vor, dass Tatortermittler (vergleichbar mit ihren DDR-Pendants, die sich überzufällig häufig mit Eigentumsdelikten auseinanderzusetzen hatten) in anderen Dezernaten, nicht nur bei der Mordkommission, ermittelten. Das scheint heute, wo die Tatorthodoxie „Leiche her, aber dalli!“ immer leb- (man beachte den Kalauer!), zusehends aber auch immer liebloser durchgezogen wird, weit, weit weg.

In dubio pro TV

Im Fall von ‚Frankfurter Gold‘ kam der Tatort dem realen Prozess um den Betrüger und Goldmacher zuvor. Der Eintritt des HR in den Tatortverbund war ein Skandal: Sich keinen Deut um den Grundsatz ‚in dubio pro reo‘ kümmernd (der nun freilich im TV mittlerweile einen noch viel prekäreren Stand hat, aber das ist ein anderer Essay), wurde der Betrüger in diesem Tatort, wenn schon nicht rechtskräftig, so wenigstens quotenträchtig verurteilt. Nicht wenige Beobachter sprachen damals von einer „TV-Hinrichtung„. Die Verteidiger des Betrügers versuchten nach Ausstrahlung des Tatorts, eine Auswechslung der Geschworenen und des begutachtenden Psychiaters zu erwirken. Dabei hatten die Tatortmacher nichts anderes getan, als sich an die sich herauskristallisierenden ARD-Tatort-Gewohnheiten zu halten. Der Betrüger Johannes Stein aus dem Tatort war dem tatsächlich angeklagten Betrüger Joachim Blum bis ins Detail nachgezeichnet. Der Film war geprägt von einem dokumentarischen Stil, der auf Interviews mit dem Betrüger wie mit den Geprellten basierte. Noch während der Prozess im echten Leben lief, wurden die involvierten Parteien am Bildschirm aussergewöhnlich differenziert gezeigt: Die Schauspieler hatten Fotos, Tonbände, Akten studiert, hatten sich Dialekt und Habitus ihrer Figuren angeeignet, die Regie hatte alles getan, um Lokalkolorit einzuarbeiten. Der Realitätsbezug wurde dadurch verstärkt, dass der von Klaus Höhne verkörperte Ermittler am Anfang des Films die betreffende Akte aufschlug, um sie am Ende wieder zu schliessen. Es ist kein Wunder, dass sich Höhne rückblickend mit Eduard Zimmermann von „Aktenzeichen XY“ verglich. Genau wie jener sei es ihm darum gegangen, die Zuschauer mit Argumenten und Indizien zu versorgen, auf dass sie in die Lage kämen, einen realen Fall vom Sofa aus zu lösen. Im Gegensatz zu Zimmermann aber war dieser erste Frankfurter Tatort nicht nur Polizeibericht, sondern wies auch komödiantische Elemente auf.

Wie hat der Zimmermann das geschafft?

Sowieso fragt sich der Kommentatort je länger desto mehr, warum früher Eduard Zimmermann mit seinem reduktionistischen „Aktenzeichen XY – ungelöst“ so viel Gänsehaut erzeugte. Hier war doch schon nach der Anmoderation klar, was gleich geschehen würde, wenn Frau Meier die Abkürzung durch den Wald oder Herr Müller die Treppe im nächtlichen Parkhaus nahm. War es die fehlende Verlaufsspannung und die ausbleibende Streuung störender Ablenkungen? Warum erinnert ausgerechnet das Münchner Glanzlicht „Nie wieder frei sein“ in den schockierenden Startminuten so sehr an die karge Ästhetik des „Aktenzeichen XY“? Was machte den Schrecken von „XY“ in den Neunzigerjahren aus: die Unabwendbarkeit des Kommenden, die Telefonistinnen im Hintergrund, die die Hinweise aus dem Publikum in Echtzeit aufnahmen, oder lag es an der eigenen Medienbiografie, daran, dass man noch nicht von Mankell und Co., aber auch noch nicht vom x-ten Saddam- oder Gaddhafi-Hinrichtungs-Filmchen abgehärmt war? Spannendere, schrecklichere, weitaus grausamere Filme kamen schon damals im TV – man denke nur an die vielen Stephen-King-Verfilmungen.

Mehr als nur ein Tatort

Das einzige Spannende am „Aktenzeichen XY“ war die Tatsache, dass man nie wusste, ob der Mörder bis zur nächsten Sendung aufgrund sachdienlicher Hinweise festgenommen werden kann oder nicht. Das einzig Spannende? Mitnichten: Der Kommentatort erinnert sich an Notizblöcke, vollgeschrieben mit den Autonummern gesuchter Verbrecher, an Feldstecher, Walkie-Talkies und daran, ganze Nachmittage auf Autobahnbrücken zu stehen und Autonummern abzulesen, abzugleichen. Das war echte Spannung, TV griff ins Leben über, hörte nach Sendeschluss noch lange nicht auf. Dies wurde zwar unlängst auch versucht, im Odenwald-Tatort „Der Wald steht still und schweiget„. Dieser Tatort war endlich wieder mehr als nur ein Tatort, und der Film gab den Zuschauern ein Rätsel auf, welches man im ‚echten Leben’ aufklären konnte. Am Ende von „Der Wald steht still und schweiget“ wurde das mehr oder weniger geneigte Publikum angehalten, auf Facebook, Twitter und Co. weiter zu ermitteln: Walkie-Talkie, Autonummernliste und Feldstecher fanden in den Sozialen Medien ihre zeitnahe Entsprechung. Das war immerhin ein Versuch, über den einzelnen Film hinaus zu beschäftigen, zu bewegen; entsprechend positiv war der Grundtenor vieler Zuschauer und Nachermittler.

Quantität vor Qualität?

Doch das bleibt die Ausnahme. Gerade zurzeit scheint sich der Tatort quantitativ neu zu erfinden. Die neuen Teams schiessen nur so, jahreszeitlich passend, aus dem Boden. Die Teams werden grösser, sei es nun mengenmässig, wenn plötzlich zwei, drei, vier, viele Ermittler sich um neunzig Minuten Sendezeit balgen. Oder sei es grösser im Sinne von: gross-grösser-am-grössten, wenn ein Supi-Dupi-Mega-Film-Film-Star unter dem Vorwand, den neuen Hamburger Tatortkommissar zu geben, ein bedingungsloses Grundeinkommen zugeschanzt bekommt, welches der „Bewegte Mann“ selbstverständlich stante pede mit seiner eigenen Tochter teilt. Qualitativ halten viele Tatorte nicht mit dem Trend mit. Das einzig spannende an unzähligen heutigen Tatorten ist die Frage, welcher Ermittler wieder wie viel private Probleme verabreicht bekommt oder die Frage, ob das Opfer nun an einem Baukran aufgehängt, mit einem per Armbrust abgeballerten Skalpell erstochen oder mit betäubten Beinen als Nichtschwimmerin samt Rollstuhl nach einer Tollwutvergiftung ins Wasser geworfen wird. Schade, denn so muss das nicht sein. Es geht auch echter – echt zu echt, um echt zu sein. Freuen wir uns also auf kommenden Sonntag, wenn „Borowski und der freie Fall“ gesendet wird.


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