gesichtet #38: Ein Heim für Ritter, Humanisten und Hausbesetzer
Von Michel Schultheiss
Einst bewohnten es bekannte Basler Persönlichkeiten wie der Mediziner Felix Platter und der Marignano-Kämpfer Hans Bär. Jahrhunderte später hat das Gebäude am Petersgraben wieder an Prominenz gewonnen, wenn auch aus einem ganz anderen Grund: Seit drei Wochen ist das Haus besetzt. Nach zwei Jahren Leere hängen dort nun Transparente, welche auf die Anliegen der Aktivisten aufmerksam machen. Das bunte Gesicht, welches schon bei der vorherigen Schiessstand-Besetzung in Allschwil zu sehen war, hätte zu einer Art Wahrzeichen werden sollen. In der Nacht, die im Rausch der Meisterfeier des FC Basel stand, sei das Transparent verschwunden, wie die neuen Nutzer erklären. Den jungen Leuten ist aufgefallen, dass das Gebäude seit Längerem unbewohnt ist – aus ihrer Sicht eine absurde Situation angesichts der Tatsache, dass günstiger Wohnraum sowie Ateliers und Proberäume spärlich gesät sind, wie einer der Besetzer erklärt. Die Reaktionen darauf sind aus den Medien bekannt: Die Eigentümerin Immobilien Basel-Stadt hat Anzeige erstattet.
Mit diesen Geschehnissen, deren Ausgang noch offen ist, zog das Gebäude die Aufmerksamkeit auf sich. Dabei lohnt es sich, einen Blick auf die wechselvolle Geschichte des Hauses werfen. Diese reicht bis ins Mittelalter zurück. 1436 fand die besagte Liegenschaft erstmals urkundliche Erwähnung. Das dreigeschossige Haus am Petersgraben war zusammen mit dem benachbarten Eckhaus unter dem Namen «zum Samson» bekannt, gleich daneben verlief der Graben der Inneren Stadtbefestigung. Die Basler Denkmalpflege datierte jedoch mithilfe von Balkenproben die Errichtung des Gebäudes schon ins Jahr 1395. Spuren weisen auf einen Vorgängerbau hin, der vermutlich schon vor 1350 errichtet wurde – bei der Untersuchung des Gewölbekellers stiess man nämlich auf eine Fundamentmauer eines noch älteren Gebäudes.
Im 15. Jahrhundert gehörte das Haus zuerst einem Maurer namens Johannes Krebser. 1482 ging es in den Besitz des Ritters Johannes von Bärenfels. Dieser war einer letzten adligen Bürgermeister Basels. In der Hand von weiteren wohlhabenden und bekannten Würdenträgern der Stadt wurde das Haus im frühen 16. Jahrhundert baulich aufgewertet. So etwa erwarb es der Tuchhändler und Zunftmeister Hans Bär, dessen grosses Bildnis heute das Basler Rathaus ziert. Als Bannerträger ging er durch seinen sagenumwobenen Tod in der Schlacht von Marignano von 1515 in die Geschichte ein.
Ein weiterer berühmter Bewohner, dem heute ein Spital gewidmet ist, verbrachte dort ebenfalls einige Jahre: Kein Geringerer als der Stadtarzt Felix Platter kaufte den Gebäudekomplex im Jahr 1574. Der Sohn des humanistischen Gelehrten Thomas Platter investierte Unsummen in Umbauabreiten am Haus. Wie Überreste von Malereien nahelegen, liess der Mediziner die Räume reichlich dekorieren. Im Stil der Renaissance liess er die Wände unterhalb der Balkendecken mit Girlanden schmücken. Überhaupt muss das Haus unter Felix Platter spektakulär ausgesehen haben: Der Mediziner und autobiografische Schriftsteller war nämlich bekannt für seine Sammelwut. So war das Haus bestückt mit einem Naturalienkabinett, Münzen, Kunstwerken, Antiquitäten und Musikinstrumenten. Wie die legendäre Wunderkammer von Basilius Amerbach galt auch seine Sammlung als Sehenswürdigkeit.

…und Graffiti von heute: Beides ziert die Wände in der Liegenschaft, die im Mittelalter unter dem Namen «zum Samson» bekannt war.
Vom Platterschen Familienbesitz ging das Gebäude 1681 an den Handelsherrn Jeremias Mitz uns später an dessen Nachkommen über. Vermutlich wurde im Besitz eines Lohnkutschers namens Leopold Oswald in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein letztes Mal verändert: Der Ausbau wurde in Fachwerk aufgestockt. Jahrhunderte nach Platter wurde das Gebäude wieder von Akademikern in Beschlag genommen. Zuletzt vermietete die Studentischen Wohnvermittlung (WoVe) die alten Zimmer günstig an Studierende. Nach der Kündigung des Vertrags zwischen Immobilien Basel-Stadt und WoVe mussten 2011 die Studenten das Haus verlassen. Statt Grillpartys auf der Dachterrasse prägte gähnende Leere das Haus, was die Denkmalpflege für mehrere ausführliche Untersuchungen nutzen konnte.
Im Laufe der Jahrhunderte sind somit Ritter, Zunftmeister, Mediziner, Maurer, Kaufleute und Kutscher sowie Studenten und Hausbesetzer beim Petersgraben ein- und ausgegangen. Die verschiedenen Bewohner haben auch ihre Spuren hinterlassen, sowohl beim Bau wie auch bei der Innenausstattung. Wandmalereien, beispielsweise aus der Zeit Felix Platters, wie auch solche aus der Gegenwart zieren die Fassaden – wohlgemerkt aber nicht am gleichen Fleck. Den Hausbesetzern sind die Malereien auch aufgefallen und versichern, dafür Sorge zu tragen. Partys seien daher kein Thema bei den Besetzern, um die Malereien nicht zu gefährden, wie diese betonen. Schliesslich braucht es nur einen Vandalen, der das ganze Vorhaben bachab gehen lassen kann. Wie auch immer das Tauziehen zwischen Eigentümer und Besetzer enden wird: Es stellt sich die Frage, wie mit dem historischen Erbe des Hauses umgegangen wird und wie es in eine zukünftige Nutzung integriert werden kann.

Am 24. Juni wird im Jahresbericht der Denkmalpflege Basel-Stadt eine ausführliche baugeschichtliche Analyse zum Gebäude am Petersgraben 20 erscheinen. Mit freundlicher Genehmigung der Denkmalpflege konnten einige Angaben dazu schon vorab in diesem Text veröffentlicht werden.

