Ein Flüchtling kommt an – Tony Gatlifs «Tom Medina»

Sein neuer Film wurde von Maja Hoffmann koproduziert – der französisch-algerische Regisseur Tony Gatlif legt ein weiteres Kapitel aus seinem europäisch-mediterranen Kompendium vor. Diesmal sogar inspiriert von seiner eigenen Jugend!

In der Camargue. Der junge Tom Medina soll noch einmal eine Chance kriegen. Der Chef des Hofs, Ulysse, ist ihm wohlgesinnt, und er schenkt ihm eine zweisprachige Ausgabe des provençalischen Romans «La bèstio dóu vacarés» an. Er freundet sich mit Suzanne an, sie hilft ihm, Okzitanisch zu lernen. Doch immer wieder sabotiert sich Tom selber … oder ist es seine Umwelt, die ihm immer wieder Steine in den Weg legt?

Tom Medina – der Name erinnert wohl nicht von ungefähr an den von Regisseur und Autor Tony Gatlif – Sohn einer Romni und eines Kabylen, in Algerien aufgewachsen. Geboren als Michel Dahmani (laut anderen Quellen: Boualem Dahmani), hat er – wie Tom – einen englischen Namen als Pseudonym gewählt.

Maja Hoffmann hat den neuen Film von Tony Gatlif koproduziert. (Bild: zVg)

Schon bald wird klar, dass Toms Identität gebrochen ist, bei einem Schiffbruch soll er seine ganze Familie verloren haben – schon nur dies ist als politisches Statement zu werten.

Gatlifs Mitgefühl gilt allen Flüchtlingen, allen, die Mühe haben, ihre eigene Identität in einer oft erbarmungslosen Welt zu finden. Wie Naïma in «Exiles» beherrscht er seine Muttersprache nicht; bzw. die Sprache seiner Eltern wurde nicht an ihn weitergegeben.

Dieses bei Gatlif wiederkehrende Thema ist eine Hommage an den Verlust der ursprünglichen Sprache bzw. der Sprache der Eltern, die namentlich auch Jacques Derrida beschäftigt hat. Aber ist es wirklich ein Verlust, wenn man die Sprache der Eltern nie gelernt hat? Es ist auf jeden Fall in kultureller Hinsicht ein Verlust, eine Lücke in der eigenen, so oder so gemischten Identität.

Gatlifs letzter Film («Djam») war hierzulande gar nicht im Kino zu sehen: «Tom Medina» ist aber eine französisch-schweizerische Koproduktion, Maja Hoffmann ist daran beteiligt. Sicherlich auch deshalb findet das neue Werk des grossen Regisseurs seinen Weg in unsere Kinos.

Wie immer legt Gatlif nicht einfach ein naturalistisches Werk vor – zwar sind die fantastischen Elemente in seinen Filmen nicht sofort erkennbar, doch ein Film von Gatlif ist nicht zuletzt eine sinnliche Erfahrung, die sich einem rein rationalen Zugang verschliesst. Auch deshalb spielt die Musik bei Gatlif immer eine wichtige Rolle. Wobei Gatlif natürlich auch selber Musiker ist und meistens auch mitkomponiert.

«Tom Medina». Frankreich/Schweiz 2021. Regie: Tony Gatlif. Mit David Murgia, Slimane Dazi, Suzanne Aubert, Karoline Rose Sun u. a. Deutschschweizer Kinostart am 2. Juni 2022.


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